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Frankfurt: Kicken für den Regenbogen

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Von: Timur Tinç

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Gladice gibt auch mit Perücke alles, um ein Tor zu verhindern.
Gladice gibt auch mit Perücke alles, um ein Tor zu verhindern. © Oeser

Beim Fußballturnier vor den Toren des Waldstadions von der Kampagne „Liebe kennt keine Pause“ wird ein Zeichen gegen Homosexuellen-Feindlichkeit gesetzt. Organisator Benjamin Näßler kritisiert dabei die WM-Vergabe nach Katar und fordert ein Statement des DFB.

Hinter dem Tor von Gladice hat sich eine kleine Fanschar gebildet. „Gladice, Gladice, Gladice“, ruft das Frauen-Team der Alemannia Nied, die neben Dragqueen Maxima Love stehen und zusammen ein paar Pompons durch die Luft wirbeln. Jede Aktion, die ein Tor des gegnerischen Teams vom FC Gudesding verhindert, wird lautstark bejubelt. Auch die blonde Perücke von Gladice übersteht das Hinwerfen auf den Boden unbeschadet. Dass das Spiel am Ende 1:3 aus Sicht von „Drag Power Tante Gladice“, so der Teamname, ausgeht, ist völlig irrelevant. Denn beim Fußballturnier am Samstag auf dem Vorplatz des Waldstadions lautet die Botschaft: „Liebe kennt keine Pause – Keine Diskriminierung homosexueller Liebe bei der WM 2022 in Katar!“

Die Kampagne „Liebe kennt keine Pause“ hat Mr. Gay Germany 2020/2021, Benjamin Näßler ins Leben gerufen. „Wir wollen zeigen, dass Fußball für alle da ist und niemand ausgeschlossen werden darf“, betont er. In Katar steht Homosexualität unter Strafe, es droht eine Gefängnisstrafe bis zu drei Jahre. „Es geht gar nicht, dass die WM in einem Land stattfindet, wo Homosexualität noch bestraft wird“, sagt Näßler. Bei der am 18. November beginnenden WM könne es nicht sein, dass da einfach nur Fußball gespielt werde, sondern es müsse ein Statement gesetzt werden – auch vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). „Egal ob Manuel Neuer eine Regenbogenbinde trägt oder die Spieler Schnürsenkel in Regenbogenfarben“, Hauptsache, es passiere etwas.

Der langjährige Manager des FSV Frankfurt Bernd Reisig, der die Kampagne mit seiner Stiftung unterstützt, hat bereits ein erstes Gespräch mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf geführt. Ein weiteres soll folgen. „Dem DFB ist die Situation wohl bewusst und er will im Rahmen seiner Möglichkeiten Zeichen setzen“, sagt Reisig. Für die Zukunft fordert er, dass allen Länder, die große Turniere oder Olympische Spiele austragen wollen, klargemacht werden müsse, „dass Menschenrechte Teil der Vergabeoptionen sind“. Es gehe bei dem Fußballturnier mit zwölf Teams am Samstag auch nicht darum, nur eines für schwule und lesbische Menschen auszurichten, sondern ein buntes Turnier, wo Menschen aller sexuellen Orientierungen dabei sind. „Die Buntheit siehst du hier gut und so sollte auch die Gesellschaft sein“, findet Reisig.

Am Start sind unter anderem der FC Loverpool, der erste queere Verein Frankfurts, der FVV Frankfurt, die SG Rosenhöhe und ein Team der Deutschen Bank, die das Turnier am Ende auch gewinnen sollten. Gleich drei Teams hat der FC Gudesding dabei. „Wir hatten 16 Anmeldungen von Männern und 16 von Frauen“, erzählt Alexander Root, Trainer der ersten Mannschaft des Kreisoberligisten. Der Verein gehe offen mit dem Thema Homosexualität um. Er wisse zwar nicht, ob jemand in der Mannschaft homosexuell sei, aber zum Selbstverständnis des Vereines gehöre es, sich gegen jegliche Art von Menschenfeindlichkeit zu engagieren.

Beim Frauenteam der Alemannia Nied spielt es überhaupt keine Rolle, ob eine Frau eine Freundin oder einen Freund hat, sagt Meta Franz. Die 25-Jährige versteht nicht, warum das bei Männern so viel schwieriger ist. „Vielleicht denken sie, dann kann ich mich nicht richtig duschen, weil er was von mir will“, sagt Franz. Sie findet das Turnier klasse, von jung bis alt, ob gemischtes Team, reines Frauen- oder Männerteam oder eben Dragqueens und queere Menschen, seien alle dabei. In der Tiefgarage des Stadions zu parken sei natürlich super, genauso wie das Drumherum mit Foodtrucks. Ein Highlight war das Spiel gegen die Dragqueens. „Das war richtig lustig“, findet Franz.

„Wir haben uns deutschlandweit als einzigartiges spitzenmäßiges Drag-Team zusammengetan“, erzählt Gladice. Eigentlich sei der Plan gewesen, dass sie Mannschaftsführerin sei und am Rand stehe, letztlich musste sie das Tor hüten. Sie hat nicht nur das eigene Team, sondern auch das der Aidshilfe und der Rainbow Refugees angemeldet. „Die Sache ist uns wichtig“, betont sie.

In den vergangenen Wochen sind mehrere ihrer Dragqueen-Kolleg:innen an der Konstablerwache attackiert worden. „Ich kenne es aus den 90ern und 2000ern. Da wurdest du bespuckt und beschimpft. Aber körperliche Gewalt ist das nächste Level“, sagt sie nachdenklich. „Es ist ein Kämpfen immer wieder aufs Neue.“ Auch in Deutschland.

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