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Gästeführer Hannes Pflüger zeigt die Schönheit der Altstadt.

Mittagsbummel

Frankfurt: Kaum Touristen in der neuen Altstadt

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Viele Touristen sieht man nicht in der neuen Altstadt – dafür spazieren immer mehr Frankfurter durch die Sehenswürdigkeit

Frankfurt -  Alles so schön verpackt hier. Die Justitia auf dem Römerberg: von Kopf bis Fuß in Cellophan. Der Goethekopf im Nippesladen, verborgen hinter einer Schutzmaske mit der Aufschrift: „Babbel misch ned voll und wasch die Händ!“ Da kann Friedrich Stoltze als Zitat am Fenster seines selbstverständlich geschlossenen Museums gegen alles Volk wettern, das sich „vermummelt und verduckelt“ – es hört ihm keiner zu.

Aber es ist ja auch fast keiner da. Besorgt muss man beim Mittagsbummel durch die neue Altstadt feststellen, dass diese ihrer Ureinwohner verlustig gegangen ist. Aber tatsächlich hat sich trotz Kaiserwetters nicht ein Tourist aus Asien auf den Krönungsweg verirrt, nicht mal mit Schutzmaske. Stattdessen sieht man hier und dort kleine Grüppchen, in denen eine Stimme unüberhörbar hessischen Idioms den Zuhörern intime Details über architektonische Kleinodien wie etwa die Goldene Waage kundtun.

Frankfurt: Ausbleibende Touristenströme in der neuen Altstadt

Am Kopf der kleinen Schlange vor dem Verkaufstresen der Wurstbraterei Dey präzisiert ein Kunde seine Bestellung einer Rindswurst mit Brötchen eigentlich überflüssigerweise mit dem Ausruf: „Aber bidde mit Brödscher!“ Uneingeweihte können nicht ahnen, dass das die hessische Art ist, „Hosianna“ zu singen.  

Aber es sind ja auch keine Uneingeweihten da. Es scheint fast so, als hätten die Hessen sich zumindest vorübergehend dieses Fleckchen Stadt zurückerobert. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre der Wiedereröffnung, der alte Trubel ist nicht einmal ansatzweise zurückgekehrt. Ebenso wenig die Touristen. Und wenn der Frankfurter Krönungsweg früher oft an die Mallorquiner Schinkenstraße erinnerte, wirkt er nun angenehm abgespeckt. Aber das ist natürlich nur eine Momentaufnahme an einem sonnigen Feiertagsmittag. So was kann täuschen.

Ausnahmsweise nicht vollgepackt - Ein Besuch in der neuen Altstadt in Frankfurt

Eine Nachfrage in der Tourist-Info am Römerberg scheitert allerdings am Bewusstseinslevel des dortigen Tourist-Informanten. Auf die Frage nach dem aktuellen Stand der touristischen Besucherströme macht er von seinem Schweigerecht Gebrauch und verweist auf die Pressestelle der Tourismus+Congress GmbH. Aber, so verrät er unter der Hand: „Wir haben viele liebe Gäste und alle tragen hübsche Masken.“

Näheres verrate die Pressestelle, wenn auch nicht an einem Feiertag, aber werktags bekomme man dort „alles, was Sie wollen, alles schön verpackt“.

Eine plausible Erklärung für die derzeitige Touristen-Baisse könnte jenseits der Seuche natürlich auch darin liegen, dass die Touristen vor der Altstadt die Tourist-Info besucht haben und fortgegruselt wurden.

Leere neue Altstadt: Kaum Touristen in Frankfurt

Vor der Goldenen Waage erklärt eine Frankfurterin zwei Begleitern so manches Detail über deren Architektur und ihren Erbauer. Als die Begleiter aus dem Umland fragen, woher sie denn so viel darüber wisse, sagt sie ihnen, dass sie früher oft stehengeblieben sei und gelauscht habe, wenn ein Stadtführer einer Reisegruppe etwas über die neue Altstadt erzählt habe – und das sei eigentlich immer der Fall gewesen, wenn sie hier vorbeispaziert sei.

Bis das wieder so sein wird, scheint es noch ein langer Weg.

Von Stefan Behr

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