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Boxtraining bei Highkicks in Frankfurt-Bockenheim, hier: Ellen übt Schlagkombinationen an einem Boxsack.

Kickboxen in Frankfurt

Kämpfen für ein gutes Miteinander

Beim Frankfurter Vereins Highkicks treffen ganz unterschiedliche Menschen aufeinander – und lassen die Fäuste sprechen.

Ein Gemeinderaum im Stadtteil Frankfurt-Bockenheim. Mintgrüne Turnmatten pflastern den beigen PVC-Boden, in der Ecke ein menschenähnliches Boxdummy mit zertrümmerter Nase. Die gelben Wände schmücken zwei Tapetenbahnen mit orientalischen Mustern. Zwölf Frauen und Männer üben sich im Raum verteilt im Zweikampf. Eine der Trainierenden ist Annika. Mit ihren braunen, von Kajal umrandeten Augen fixiert sie ihre Gegnerin. Die blonden Haare hat sie im Nacken zusammengenommen, einzelne Strähnen kleben auf ihrer schweißnassen Stirn.

Annika weicht den Schlägen ihres Gegenübers geschmeidig aus, wirft blitzschnell ihre Faust aus der Deckung und trifft mit einem präzisen Schlag die Schulter ihrer Gegnerin. Sie zieht die Hand zurück, nur um gleich wieder auszuholen. Nach dem Kampf bedanken sich beide mit Handschlag beieinander. „Ein respektvoller und fairer Umgang ist uns wichtig. Das bedeutet auch in Spannungssituationen zu wissen, dass das dein Freund ist, der dir gegenüber steht“, sagt Amin, der das Boxtraining leitet.

Gegeneinander kämpfen für ein gutes Miteinander. Mit dieser Motivation gründeten Annika, Amin und fünf weitere Freunde, die sich über eine Kampfschule kennenlernten, im Jahr 2015 den Boxverein Highkicks in Bockenheim. Mit dem Trainingsangebot möchten sie jeden ansprechen. Hautfarbe, Geschlecht, Geldbeutel spielen hier keine Rolle. Vielfalt ist erwünscht. Um Barrieren abzubauen, liegt der Mitgliedsbeitrag bei 20 Euro im Monat und kann bei in Ausnahmen auch ganz ausgesetzt werden. Neben Frauen und Männern trainieren auch Jugendliche bei Highkicks, wie Hasan, der eigentlich anders heißt: „Hier sind alle gleichberechtigt, das mag ich. Es gibt kein: ‚Du bist klein, du bist größer‘“, sagt der 13-Jährige.

Auch der Trainer Amin boxt seit seinem zwölften Lebensjahr. Für ihn ist Kickboxen mehr als ein Ausgleich: „Ohne den Sport hätte ich viele Dinge in meinem Leben nicht erreicht“, sagt er. In seiner Kampfschule fand er damals Freunde und Orientierung. Diese Erfahrung möchte er nun an andere weitergeben. Heute arbeitet der studierte Mathematiker im Kapitalmarkt und engagiert sich als Trainer bei Highkicks. Dass Kickboxen Disziplin und Ehrgeiz erfordert, wird bei den Trainings zweimal die Woche deutlich. Hampelmänner, Seilspringen, Liegestützen: Allein das Aufwärmen bringt die Teilnehmer an ihre körperlichen Grenzen.

Annika geht gerne an ihr Limit, auch privat. Unter der Woche arbeitet die 26-Jährige als Projektassistentin bei einer Beratungsfirma, am Wochenende studiert sie Wirtschaftspsychologie. „Beim Sport will ich mich komplett auspowern und mit Freunden zusammen sein. Da ist Kickboxen perfekt“, sagt sie. Beim Sparring – einer Trainingsform bei der es ausschließlich darum geht, die Fähigkeiten der Teilnehmer zu verbessern, anstatt wie im Wettkampf einen Sieger zu ermitteln – sollen Verletzungen möglichst verhindert werden.

Eine gute Selbstkontrolle ist dabei unerlässlich und wird von den Teilnehmern auch über das Boxtraining hinaus erwartet: „Was wir hier lehren, darf nicht draußen angewendet werden. Das kommunizieren wir ganz klar“, sagt Amin. Doch die Teilnehmer nehmen vom Training weitaus mehr mit als nur ein paar Kicks. Beim Sport und bei gemeinsamen Vereinsfesten lernen sie den Zusammenhalt einer Gruppe kennen und entwickeln das Selbstbewusstsein, für sich selbst einzustehen. „Durch mein Selbstvertrauen, habe ich auch eine andere Ausstrahlung. Wenn ich nachts irgendwo unterwegs bin, habe ich keine Angst“, sagt Annika.

Die Serie

Katharina Koch besucht das Fortbildungsprogramm Buch- und Medienpraxis an der Goethe-Universität. Die Frankfurter Rundschau kooperiert mit der Buch- und Medienpraxis und stellt in einer Serie ausgewählte Texte der Studierenden vor. (fle)

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