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Gerichtsgebäude in Frankfurt. (Symbolbild)
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Gerichtsgebäude in Frankfurt. (Symbolbild)

Prozess

Frankfurt: Judenhass in der S-Bahn

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Das Amtsgericht Frankfurt verurteilt einen antisemitischen Pöbler zu Bewährungsstrafe und gemeinnütziger Arbeit.

Am Morgen des 7. Februar 2019 war Ali H. laut Anklage wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden. In der S1 bepöbelte er zu Beginn noch sämtliche Mitreisende laut als „Ratten“ und „Wichser“. An der Konstablerwache ging er dann gezielt auf den 30 Jahre alten André N. los, der ihn zuvor im Gedränge versehentlich touchiert und sich dafür auch gleich entschuldigt hatte.

H. packte den Studenten am Schlafittchen und hieß ihn ein „Arschloch“, das ihn „absichtlich angerempelt“ habe, „weil meine Mutter Kopftuch trägt“. Was so sein mag, aber von N. nicht verifiziert werden konnte, weil sich weder Mutter noch Kopftuch an der Konstabler aufhielten.

Frankfurt: Antisemitische Beschimpfungen in der Tram

In Trambahnlinie 12 erregte schließlich eine Gruppe Schüler H.s Missfallen, die in angemessener Kleidung auf dem Weg zur Beerdigung des Vaters eines Klassenkameraden und die seiner Ansicht nach unangemessen fröhlich waren. Mit der Klarstellung „Wir sind hier in Frankfurt! Hier wird nicht gelacht!“ ging er auf die Gruppe los, nannte die Schüler „Scheiß-Judenkinder“, „Bastarde“ und „Schwuchteln“ und versuchte, einem von ihnen ins Gesicht zu treten, was dieser aber halbwegs mit der Hand abwehren konnte.

Zu seinem Prozess erscheint der Angeklagte ein paar Minuten zu spät. Offenbar verwechselt er das Amtsgericht aber auch zumindest anfangs mit dem Gard Haarstudio, denn er schüttelt und streichelt sein schulterlanges Haupthaar mit einer Leidenschaft, die man so nur aus der Shampoo-Werbung kennt.

Frankfurt: Keine Erinnerungen an die antisemitischen Pöbeleien

An die S-Bahn-Pöbeleien und sein Messen mit André fehle ihm jegliche Erinnerung, sagt er, versichere aber generell, „dass ,Arschloch‘ nicht zu meinem Wortschatz gehört“. An die Schüler aber erinnert er sich. Die hätten ihn ausgelacht, wegen seiner langen Haare, er sei als Langhaariger immer wieder Opfer von Diskriminierung. Den Tritt habe er „nur angetäuscht“, um seine Verlacher „mental zu beeinflussen“. Dennoch entschuldigt er sich bei dem Getretenen und lobt dessen Abwehrkraft gegen mentale Beeinflussung: „Du hast gute Reflexionen! Bist du Torwart?“

Ist er nicht. Der 17-Jährige ist auch kein Jude, wie er im Zeugenstand sagt. Im Gegensatz zu seinem 16 Jahre alten Schulfreund. Bei dem entschuldigt Ali H. sich nicht. Wolle er nicht. Werde er nicht. Niemals!

Warum sollte er auch. „Ich bezahle ja auch für keine Sachen, die ich nicht gekauft habe“, auch nicht beim Juden, gegen den er übrigens gar nichts habe, „ich habe selbst mit Juden zu tun“, einige seiner ehemaligen Vermieter seien Juden, und er habe da trotzdem gewohnt. Wie hätte er den 16-Jährigen auch als Juden erkennen können? „Der hatte ja keinen Turban auf oder so“, und feines Tuch sei auch kein Alleinstellungsmerkmal der Söhne Zions: „Ich kenne auch viele Muslime, die sich schicke Klamotten leisten können. Die Juden sind nicht die einzigen, die Geld haben!“ Und außerdem: „Unser Prophet hat ja Juden gut behandelt, ich gehe da mit der Religion.“

Urteil am Amtsgericht Frankfurt: Freiheitsstrafe auf Bewährung

Der 16-Jährige gibt zu bedenken, dass seine an dem Tag gut sichtbar getragene Bernsteinkette als Indiz mosaischen Glaubens hätte gesehen werden können, zumal sie ein Davidstern schmücke. „Dieser Stern“, sagt Ali H. daraufhin, „kommt eigentlich aus der marokkanischen Flagge und stammt ja auch von der her, und das weißt du auch!“ Und er guckt den Schüler dabei so böse an, als habe der persönlich den Stern stibitzt. Irgendwer muss ihn ja geklaut haben, denn blickt man auf die marokkanische Flagge, dann hat da doch tatsächlich ein Schlemihl den Davidstern gemopst und durch ein wertloses Pentagramm ersetzt.

Aber das ist hier nicht angeklagt, und das Amtsgericht verurteilt den nicht vorbestraften H. am Ende wegen versuchter Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Der 25-Jährige, der nach eigenen Angaben von „Kindergeld“ lebt, muss zudem 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Bei der Urteilsverkündung schüttelt Ali H. seinen Kopf. Oder sein Haar, man weiß es nicht.

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