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Joachim Stoll verkaufte in den vergangenene Jahren vor allem Koffer in seinem Geschäft in der Schäfergasse 50.
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Joachim Stoll verkaufte in den vergangenene Jahren vor allem Koffer in seinem Geschäft in der Schäfergasse 50.

Traditionsgeschäft

Frankfurt: Leder-Stoll muss nach 101 Jahren für immer schließen

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Joachim Stoll führt in vierter Generation Leder Stoll. Doch 101 Jahre nach der Eröffnung im Jahr 1920 schließt der Laden in der Frankfurter Innenstadt corona-bedingt. Am Donnerstag startet der erste offizielle Räumungsverkauf.

Frankfurt am Main - Als kleiner Junge spielt Joachim Stoll im Geschäft gerne mit Lederfarben und Lederresten. „Eine meiner ersten Erinnerungen an den Laden ist auch, wie mein Vater und Opa hier Motorradhalbschalen verkauft haben. Diese waren zu der Zeit sehr beliebt und Teil unseres Sortiments“, erzählt der 59-Jährige. In vierter Generation führt Stoll das Familiengeschäft in der Frankfurter Innenstadt. Bevor er etwas sagt, macht er immer ein paar Sekunden Pause und überlegt, wie er seine Gedanken am besten zum Ausdruck bringt.

Im Erdgeschoss des Ladens in der Schäfergasse 50 hängt an der Wand eingerahmt ein altes Schwarz-Weiß-Foto von der Lederwarenhandlung, die sein Urgroßvater in derselben Straße im Jahr 1920 eröffnete. Zweimal zog der Laden um. Aber jetzt 101 Jahre später ist Schluss mit dem Traditionsgeschäft Leder Stoll. An diesem Donnerstag (26. August) beginnt der erste offizielle Räumungsverkaufstag. Ende September schließt das Geschäft für immer.

Fast 30 Jahre lang hatte die Familie Stoll in Frankfurt zwei Filialen

Beim Interview sitzt Stoll an einem Tisch im Untergeschoss, eben dort, wo er als Kind spielte. Vor ihm steht sein Rechner. Bis vor 15 Jahren war hier noch die einst beliebte Bastel- und Reparaturabteilung. Jetzt ist es nur noch ein Lagerraum. In den vergangenen Jahren habe er kaum noch Leder verkauft, betont Stoll. „Mindestens 60 Prozent sind mittlerweile Kunststoff.“ An den Koffern, Rucksäcken, Businesstaschen und Sporttaschen in den verschiedensten Farben hängen im Erdgeschoss bereits rote Rabattschilder. Seine Büroräume im selben Haus hat er schon vermietet.

Fast 30 Jahre lang hatte die Familie zwei Filialen: In der Schweizer Straße in Sachsenhausen und später zusätzlich auf der Leipziger Straße in Bockenheim. Ende 2012 schloss als letzte die Filiale in Bockenheim.

„Ich bin überhaupt nicht traurig“, sagt Joachim Stoll

Wie schlimm ist es, nun seinen Hauptladen zu schließen? „Ich bin überhaupt nicht traurig“, sagt Stoll, der seit 2012 auch Vizepräsident des Handelsverbands Hessen-Süd ist. „Wir hatten schon vorher Rückschläge und dann kam das Coronavirus. Wenn das Geld alle ist, wird man weniger emotional.“ So ein Entschluss baue sich langsam auf. „Und es war die einzige schlüssige Entscheidung.“ Denn auch mit seinem Onlineshop „Koffer 24“ erlangte er am Ende pandemiebedingt nicht mehr genug Umsatz.

„Ich habe die Markenrechte bereits verkauft. Der neue Besitzer hat einen neuen Onlineshop aufgemacht.“ Bereits vor neun Jahren hatte Stoll den Namen des Ladens „Leder Stoll“ nach hinten gestellt: Seitdem stand „Koffer24“ auch im Laden im Vordergrund. „Über zwei Drittel unseres Umsatzes haben wir in den letzten Jahren mit unserem Onlineshop verdient.“

Koffer 24 war deutschlandweit der erste Onlineshop der Lederwarenbranche

Bereits 1998, als sein Vater 65 Jahre alt wurde und er den Laden übernahm, eröffnete Stoll den Onlineshop: „Wir waren deutschlandweit die ersten in der Lederwarenbranche. Anfangs haben wir einen Deal am Tag gemacht“, erzählt er. Das änderte sich schnell. Woher kam sein frühes Gespür für den Onlinehandel? „Ich habe ein Jahr in Trenton, New Jersey, studiert. Über den Kontakt mit meinen früheren Studienkollegen in den USA habe ich die Entwicklung zum Onlinehandel früher als andere gesehen.“

Auf die Frage, ob er als junger Mann vielleicht lieber etwas anderes, als die Familientradition fortzuführen, gemacht hätte, sagt er: „Nein, das war immer klar.“ Stoll wird in der Uniklinik geboren. Er hat zwei jüngere Schwestern, die aber nicht im „Business“ seien. Bis zur zweiten Klasse lebt die Familie im Rodgau, sein Abitur macht er an der Freiherr-von-Stein-Schule in Sachsenhausen.

Um Leder Stoll weitermachen zu können, hätte er weiter Personal abbauen müssen

Bei der Sparkasse 1822 absolviert er seine Bankkaufmannslehre, geht zur Bundeswehr, studiert BWL und promoviert an der Goethe-Uni. Während des Studiums lernt er seine Frau kennen. „Sie ist Handelsvertreterin.“ Während des Interviews schickt ihm seine Tochter Nachrichten aufs Smartphone. „Niemand schreibt so viel.“ Gerade hat die 21-Jährige ihr Bachelorstudium abgeschlossen. Was hat sie studiert? „BWL natürlich. Wie ihre Eltern“, sagt Stoll und lacht. Sein 18-jähriger Sohn ist noch in der Schule.

Das Ladengeschäft des Traditionsunternehmens damals in der Schäfergasse 40, Repro einer Aufnahme ca. 1920.

Stoll sagt, er hätte, um den Laden weitermachen zu können, weiter Personal reduzieren müssen. Aber das sei arbeitsrechtlich bei so langjährigen Mitarbeiter:innen nicht möglich gewesen. Einst hatte er 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Laden und für den Onlineshop arbeiteten. „Jetzt sind es noch zwei Mitarbeiter im Verkauf. Einer wird sicher gut neu unterkommen; eine hat Aussicht auf abschlagsfreie Rente.“

Leder Stoll: „Mehrere Standbeine sind in Scheiben demontiert worden“

Zu den Rückschlägen gehörte auch, dass Großkunden wie die Fluggesellschaften Air Berlin und Alitalia nach deren Insolvenz weggebrochen seien. „Bis Corona war hier im Laden mindestens ein Umsatzanteil von 50 Prozent an asiatischen Touristen.“ Diese fehlten bis heute. Und dann war noch der Verkauf ihrer einst stärksten Koffermarke Rimowa an den Luxuskonzern LVMH, der seitdem nur noch auf den eigenen Vertrieb setzt. Stoll kann so schon seit einem Jahr keine Rimowa-Koffer mehr verkaufen.

„Mehrere Standbeine sind so in Scheiben demontiert worden.“ Dabei hatte seine Familie sich immer wieder neu aufgestellt. Sein Urgroßvater, der Kaufmann Friedrich Stoll, hatte mit dem Lederhandel für Schumacher 1920 begonnen. Später kamen Lederwaren und Lederkleidung dazu.

Auch eine Zeit lang gab es Lederkleidung bei Leder Stoll

„Man sieht schon, dass wir uns immer angepasst haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Motorradjacken und Helmhalbschalen verkauft. Denn es gab zu der Zeit nicht so viele Autos. Über die Motorradjacken kam die Lederkleidung, die in den 70er-und 80er- Jahren einen Boom hatte. Wir verkauften auch Lederkrawatten und -Hotpants.“ Später habe die Familie zu hochwertiger Lammfellkleidung gewechselt.

„Auch das haben wir irgendwann aufgegeben. Als es mit der Fast Fashion losging.“ Als es mit dem vermehrten Reisen begann, kamen und blieben eben die Koffer im Laden.

Repro einer Aufnahme vom Neubau Leder Stoll nach dem Zweiten Weltkrieg ca. 1950.

Und wie geht es weiter mit dem Laden? „Ich bin mir sicher, dass wir einen guten Nachmieter finden. Mit Produkten, die Frankfurter Kunden suchen.“ Und er selbst? „Ich werde als Einmannbetrieb mein Wissen über E-Commerce wie auch über nachhaltige Taschen an ehemalige Geschäftskunden und Amazon weitergeben.“ Stoll plant, zwei eigene Taschenmarken aus recyceltem Material auf den Markt zu bringen.

Joachim Stoll bleibt weiter Vizepräsident vom Handelsverband Hessen Süd

Hobbys habe er seit Jahren keine. „Mein Hobby ist die Verbandspolitik.“ Und dies werde auch so bleiben. Denn seinen Posten als Vizepräsident vom Handelsverband Hessen-Süd will er behalten. Er will auch weiter in Berlin und Brüssel zum Thema E-Commerce und Kleinunternehmen sein Wissen einbringen. Gerade erst sprach Stoll bei einer Sitzung der EU. „Ich habe selten so geschwitzt. Erst im letzten Moment habe ich erfahren, dass ich nicht nur ein Statement abgebe, sondern auch den Abgeordneten für Fragen und Antworten zum Gesetzesvorschlag im EU-eigenen Videosystem mit vielen Übersetzern zur Verfügung stehe. Ich hoffe, im nächsten Jahr wieder persönlich in Brüssel sein zu können. Das wäre toll.“ (Kathrin Rosendorff)

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