+
Bombast vom Feinsten: Die Jewrovision in der Frankfurter Festhalle stellte neue Rekorde auf.

Tanz- und Gesangswettbewerb

Jewrovision erstmals in Frankfurt

  • schließen

Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. 

Den Ausdruck „zu laut“ scheint Eyal Levinsky nicht zu kennen. „Das geht noch lauter“, brüllt der als DJ Lev bekannte Künstler immer wieder in den Innenraum der Frankfurter Festhalle hinein. Auch dann noch als der Lärm ohrenbetäubend, die allermeisten der etwa 3000 Besucher längst auf den Beinen sind. DJ Lev soll die Stimmung anheizen, dafür sorgen dass die Vorfreude an diesem Samstagabend pünktlich um 20.45 Uhr ihren Höhepunkt erreicht. Das gehört zur Show. Wirklich nötig ist es nicht. Die Festhalle wäre auch so bereit für die Jewrovision 2018.

Große Halle, Tausende Zuschauer, Musik, Tanz und ganz am Ende eine Livepunktevergabe. Das Vorbild für diese Veranstaltung wäre auch klar, wenn man sich beim Titel kein Wortspiel erlaubt hätte. Es ist grell, es ist laut, es ist Party. Ganz wie der große Eurovision Song Contest. Aber es ist eben auch jüdisch. Also Jewrovision.

Der Gesangs- und Tanzwettbewerb, bei dem jüdische Jugendzentren aus ganz Deutschland gegeneinander antreten, wurde 2002 ins Leben gerufen. Damals nahmen gerade einmal 60 Jugendliche aus sechs verschiedenen Städten teil. Die Anlehnung an den großen Eurovision Song Contest war ein bewusstes Stück ironischen Größenwahns. 17 Jahre später hat sich die Realität die-sem vermeintlichen Größenwahn überraschend stark angenähert.

1500 Jugendliche aus 50 Städten, zusammengeschlossen in 18 Performancegruppen treten an diesem Samstag auf. Vorab stellen sie ihre Stadt und ihr Jugendzentrum in einem kurzen Videos vor. Eine Promi-Jury verteilt die Punkte, im Publikum Tausende Fans mit Fahnen und wer nicht vor Ort sein kann, verfolgt das Spektakel über einen Livestream. Erstmals findet die Jewrovision in Frankfurt statt. Und Frankfurt kann alles außer Bescheidenheit.

Bilder der Jewrovision 2019 in Frankfurt

Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller
Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller
Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller
Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller
Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller
Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller
Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller
Jewrovision 2019
Bei der Jewrovision treten jüdische Jugendzentren gegeneinander an. Am 2. Februar 2019 findet der Gesangs- und Tanzwettbewerb erstmals in Frankfurt statt. © Monika Müller

Alexander Klaws kennt sich aus mit Gesangswettbewerben. 2003, ein Jahr nach der ersten Jewrovision, gewann der Sänger die erste Staffel der RTL-Talentshow „Deutschland sucht den Superstar“. An diesem Samstagabend wird er als Teil einer elfköpfigen Jury über den Sieger der Jewrovision mitentscheiden.

Eine Stunde vor Beginn der Show schiebt sich eine lange Schlange von Besuchern an ihm vorbei in die Festhalle. „Wenn man das so sieht“, gibt Klaws, sichtlich beeindruckt zu Protokoll, „fragt man sich, wie so etwas Großes an einem vorbeigehen konnte.“

Klaws und die anderen Jurymitglieder lassen sich vor einer großen Fotowand fotografieren. Über ihnen prangt das Logo der Jewrovision, ein Schriftzug in dem das „V“ von „Vision“ durch einen stilisierten Davidsstern ersetzt wurde. Unter demselben Logo beantwortet Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, geduldig die Fragen der Presse. Seit sechs Jahren ist die Dachorganisation der jüdischen Gemeinden Veranstalter des Wettbewerbs, der „größten jüdischen Musikveranstaltung Europas“, wie Schuster betont. Für ihn ist die Jewrovision ein „Ausweis jüdischen Lebens in Deutschland“. „Leider“, betont Schuster, „wird das Thema Judentum oft auf das Opfersein beschränkt.“

Während in der Festhalle DJ Lev das Publikum einpeitscht, ist hinter der Bühne Hektik angesagt. Helfer des Frankfurter Jugendzentrums Amichai, erkennbar an ihren roten T-Shirts, schaffen technisches Gerät auf die Bühne. Die Frankfurter Sinfoniker stehen mit ihren Instrumenten bereit, um auf die Bühne zu eilen. Die Tanzgruppe von „Amichai Frankfurt“ übt im Halbdunkel noch einmal die Choreographie für die Eröffnung, während immer wieder Jugendliche panisch die Treppe zu den Garderoben hinunterstürzen, weil noch irgendetwas an ihrem Outfit fehlt.

Karina Markhbein kennt das schon. Die 16-Jährige vom Berliner Jugendzentrum „Olam“ nimmt bereits zum sechsten Mal teil. Seit Oktober haben sie und ihre Mitstreiter geprobt. „Die einen treten hier an, um zu gewinnen, die anderen zum Spaß. Bei uns ist es eine Mischung aus beidem“, sagt sie und zieht die Krempe ihres Huts etwas weiter ins Gesicht.

„An keinem Ort können wir so sehr spüren: Wir sind eine starke Gemeinschaft“, sagt Zentralratspräsident Schuster zur Eröffnung. Kurz darauf tönt ein immer lauter anschwellendes „Jewrovision! Jewrovision! Jewrovision“ zur Melodie von „Can you feel it“ der Jackson Five durch die Halle. Der Auftakt für eine Bombastshow, die bis weit nach Mitternacht dauert.

Rap, Elektrobeats, Rock. Es gibt wenig, was die 18 Jugendgruppe an diesem Abend nicht auf die Bühne bringen. Tanzchoreographien, die eng abgestimmt sind auf die Videos, die auf der gewaltigen Leinwand im Bühnenhintergrund laufen. Das Motto der 2019er Jewrovision lautet „Chai“. Das ist das hebräische Wort für Leben. Dieses Motto gesanglich und tänzerisch zu interpretieren, ist die Aufgabe an diesem Abend. Und auf der Bühne tobt das pralle Leben: „Das klassische Szenario der Jewish Party Disco“, wie es im Text von „Ani Chai“, dem Beitrag von „Olam Berlin“ heißt.

Aber es ist eben jüdisches Leben und zwar in Deutschland. Da fehlen in den Beiträgen auch nicht die politischen Untertöne. „Heute ist die Welt im Wandel, Wut und Hass bestimm’n das Handeln“, heißt es in Song von „Mizwa Oldenburg und Bremen“. „Wenn die Welt dir sagt, du passt hier nicht rein, mach die Augen auf, du bist nicht allein“, reimt „Am Echad Bayern“.

Diskriminierungserfahrungen gehören zum jüdischen Leben in Europa unweigerlich dazu. Die Antwort der Jugendlichen: Trotz und Stolz wie im Beitrag von „Jachad Köln“. „Dein Judentum ist doch kein Klotz am Bein, versteck’ dich nicht du kann frei sein“.

Um kurz nach halb Zwölf wird es im Backstagebereich noch einmal besonders hektisch. Der Titelverteidiger macht sich bereit: Das Frankfurter Jugendzentrum Amichai will dem heimischen Publikum etwas Besonderes bieten. Und um die Sache noch spannender zu machen, hat der Lostopf den Frankfurtern den 18. und somit letzten Startplatz beschert.

Der dreizehnjährige Dor steht wie seine Mitstreiter in blauen Kapuzenpulli hinter der Videoleinwand. „Es gab schon ein paar Auftritte, die sehr gut waren“, gesteht er der Konkurrenz zu, „aber wir werden trotzdem die Besten sein.“

Ginge es nach der Publikumsreaktion würde Dor recht behalten. Kaum betreten die Amichai-Jugendlichen die Bühne, gibt es im Saal kein Halten mehr. Der Amichai-Fanblock, links der Bühne, kreischt ohrenbetäubend. Ähnlich begeisterte Reaktionen, erhält nur die israelische Eurovision-Siegerin von 2018 Netta Barzilai bei ihrem anschließenden Auftritt.

Eigentlich stimmt bei der Gruppe von Amichai auch 2019 alles. Die Choreographie perfekt abgestimmt. Die Song mit dem Titel „#Proud“ - mitreißend. Die Jury aber wird es etwas anders sehen. Am Ende eines langen, langen Abends geht der Sieg an „Olam Berlin“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare