1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Wo die Welt eine Scheibe ist

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Sachen, die hier kein Laden zu bieten hat: Kiss-Fan Holger Schlusche mit Ware aus Japan.
Sachen, die hier kein Laden zu bieten hat: Kiss-Fan Holger Schlusche mit Ware aus Japan. © Michael Schick

Die Schallplattenbörse in der Frankfurter Jahrhunderthalle ist ein Abenteuer für Suchende und Unerschrockene.

Frankfurt - Die Schallplatte ist keineswegs tot, sie riecht nicht mal komisch, und selbst die schon mehrmals symbolisch begrabene CD kann noch was. Wer sich am zweiten Weihnachtsfeiertag zur Plattenbörse in die Jahrhunderthalle wagt, trifft Leute, die davon überzeugt sind.

Aber Zeit und gute Nerven muss man haben, denn es ist voll. Sehr voll. Und die Maske offenbar inzwischen weit entfernt davon, noch Rock’n’Roll zu sein.

50 Meter Schlange vor dem Eingang. Wohl dem, der von der Presse ist und locker dran vorbeischlendern kann. Eine selbst gestellte Suchaufgabe schlendert auch mit: Mal schauen, ob sie da Platten von den Hungry Cascades haben. Frankfurter Combo aus den 80ern. Orient-Beat damals. Sehr selten.

Frankfurter Plattenbörse - als ginge es um Leben und Tod.

Gleich hinterm Eingang gibt’s aber erst mal Comics, DVDs und dreidimensionale Bilder von Plattencovern (AC/DC) und Filmplakaten (Superman, Der Exorzist). Kunst. Wie im 3-D-Kino. Im Saal liegen die Leute bäuchlings über Tapeziertischen mit Death Metal und wühlen. Es sieht aus, als ginge es um Leben und Tod. Aber für manche Sammler:innen ist die Sache noch ernster.

Besondere Spezialitäten sind auf Ständern hinterm Tresen ausgestellt, außer Griffweite fürs einfache Volk. Da ist beispielsweise ein zensiertes Scorpions-Plattencover, „Virgin Killer“, das 1976 ein nacktes zehnjähriges Mädchen zeigte. Händler Klaus ruft 120 Euro dafür auf und hat die Schamgegend des Kindes mit einem Post-it-Zettel verdeckt. 85 Euro werden für eine frühe US-Pressung des Kiss-Albums „Hotter Than Hell“ fällig, das unter anderem die im Bandnamen verwendeten, in Deutschland verbotenen SS-Schriftzeichen der Nazis trägt.

Wie kommt man als Händler an so etwas ran? „Sammlungen aufkaufen und so gut dafür zahlen, dass die Leute zu dir kommen und nicht zu jemand anderem“, sagt Klaus. Er hat schon mit 14 in Tübingen angefangen, Schallplatten zu verkaufen. „Schau mal“, sagt er, „eine US-Pressung der ersten LP von Velvet Underground.“ Das ist die mit der Banane von Andy Warhol vorne drauf. In den USA konnte man sie schälen – also die Bananenschale abziehen. Der obere Teil fehlt leider, wohl zu oft geschält. Trotzdem: 200 Euro.

Plattenbörse in Frankfurt: Die wahren Fans suchen alles durch

Und wie sieht es aus mit einer Platte von den Hungry Cascades? Klaus aus Tübingen hat keine, aber vielleicht der Nachbar am nächsten Stand, der ist aus Frankfurt? „Nee, hab ich sicher nicht“, ruft er herüber – „leider.“ Ist nämlich eine Rarität. Gab es damals nur in sehr geringer Auflage. War allerdings auch nicht unbedingt ein Welterfolg, wenn wir ehrlich sind.

Wühlen, wühlen, wühlen. Der Trenner mit dem Anfangsbuchstaben des Bandnamens steht immer hinter den Platten dieses Buchstabens, das lernt man schnell. Und der andere Kunde, der besonders lang und besonders langsam sucht, steht immer vor dem Buchstaben, den du ebenfalls durchsuchen möchtest. Alte Plattenbörsenregel.

Wenn es überhaupt Buchstaben gibt. Vieles ist heute noch nicht mal alphabetisch, geschweige nach anderen Kriterien sortiert. Manche haben ihre Ware so eng zusammengepfercht, dass du nicht blättern kannst, sondern jede Platte einzeln herausziehen musst, um zu sehen was es ist. Wieder andere haben ihre Ware in Plastikschutzhüllen, die oben (!) offen sind. Praktisch unblätterbar.

Aber das ist Gemecker der Unbedarften. Die wahren Fans suchen sowieso alles durch, jeden Stand, jedes Album, jede Single, Zigtausende. Apropos Single: Die Hungry Cascades haben damals auch eine Single produziert, „Kissing An Arab“, eine völkerverbindende Coverversion des Cure-Klassikers. Ebenso unauffindbar.

So viele Menschen, so viele Tonträger. Die Liebe zur Musik

Eine Trennwand mit der Aufschrift „FSK 18 – Personen unter 18 Jahren haben keinen Zutritt“ separiert die Jungen von den Erwachsenen. Dahinter sind so krasse Sachen zu finden wie die „West Side Story“, „Ice Age 2“ – nanu, die sind ja sooo jugendgefährdend auch wieder nicht … aha, aber auch beispielsweise „Invasion der Zombies“. Und viele Titelfotos von Menschen mit sehr wenig Textil.

Sehr wenig Musik läuft im Saal. Wenn man bedenkt, dass dies eine Musikbörse ist. Wenn man weiß, dass laut Vertrag eigentlich überhaupt keine Musik gespielt werden soll, dann ist es wiederum doch erstaunlich viel, was da hinter zweien der Stände herauswummert.

Keine Musik läuft bei Dennis aus Oberursel, der leider auch keine Frankfurter 80er-Heldenband vorrätig hat. Er ist davon vermutlich sogar am weitesten entfernt – er hat sich auf Afrika spezialisiert. Wie das? „Afrika hat mich schon immer fasziniert. Und als ich einmal angefangen habe, mich mit der Musik zu beschäftigen, war alles vorbei.“

Beziehungsweise fing erst richtig an. Viel Kundschaft hat er gerade nicht am Stand. „Das ist klar, meine Sachen laufen eher auf Afrika-Festivals“, sagt Dennis. „Es ist eine Nische.“ Was kann er zum Einstieg empfehlen? Etwas vom „Analog Afrika“-Label, sagt er und zieht ein Album hervor: Ernesto Djédjé, „Roi du Ziglibithy“. (Zu Hause direkt angehört. Macht gute Laune. Mehr von Dennis: wantsomerecords.com)

So viele Menschen, so viele Tonträger. Die Liebe zur Musik, sie lebt. „Die Weihnachtsbörse ist mir die allerliebste, weil die Leute raus wollen“, sagt Händler Klaus. „Und sie haben Geld.“

Von den Hungry Cascades freilich keine Spur. Schade. Wir waren echt gut damals. (Thomas Stillbauer)

Auch interessant

Kommentare