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Betrüger im Internet: Love Scamming ist eine Masche.

Prozess in Frankfurt

Jägerinnen der verlogenen Schatzis - „Love Scamming“ mit plötzlichem Ende

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Am Amtsgericht gibt es einen „Love Scamming“-Prozess mit Unterhaltungswert, wehrhaften Opfern und einem unerwarteten Ende.

Auf der Anklagebank des Amtsgerichts trägt Forson A. eine grotesk überkandidelte Augenklappe, die dem mutmaßlich 27-Jährigen ein wenig Piraten-Flair verleiht. Das passt, denn A. ist so etwas wie ein Freibeuter der Liebe, etwas unromantischer auch „Love-Scammer“ genannt.

„Love Scamming“ in Frankfurt: Nicht mehr ganz neue Masche

„Love Scamming“ ist eine mittlerweile nicht mehr ganz neue Masche, bei der Betrüger im Internet nach einsamen Frauen fischen, ihnen ewige Liebe schwören, plötzlich schwer erkranken und um einen Vorschuss für die medizinische Behandlung bitten. Diese Affären haben nie ein Happy End, zumindest nicht für die Frauen.  Neu ist, dass die Opfer sich wehren. Und das auch noch organisiert.

Als die 62 Jahre alte Evita G. im Januar dieses Jahres auf Facebook von einem „Jolly Matt“ angeschrieben wurde, da war ihr von Anfang an klar, dass es sich bei diesem nicht um einen holländischen Märchenprinzen auf Brautschau, sondern um einen Heiratsschwindler 2.0 handelte. G. ist durch Betrug klug geworden: Zwei Jahre zuvor war sie auf einen „Love Scammer“ hereingefallen, hatte jede Menge Geld verloren und eine Anzeige wegen Verdachts auf Geldwäsche kassiert – ein Schicksal, das sie mit vielen anderen Betrugsopfern teilt. Und so war sie auch nicht verwundert, als Jolly Matt plötzlich schwer erkrankte und knapp 4700 Euro für Arznei anforderte. Sie helfe gerne, flunkerte sie im Netz, und man vereinbarte die Geldübergabe in einer Bäckerei im Frankfurter Hauptbahnhof. Jolly Matt, der in einem Krankenhaus in Malaysia nach eigenen Angaben mit dem Tod rang, kündigte an, seinen guten Freund Forson A. vorbeizuschicken. Evita G., die bei Baden-Baden wohnt, schickte Dorothea Lange. Bei der Geldübergabe am 3. Juni dieses Jahres klickten dann die Handschellen, denn Lange hatte zuvor die Bundespolizei als Escort-Service engagiert. Forson A. wanderte in U-Haft und saß dort bis zum gestrigen Montag. Und Dorothea Lange konnte eine weitere Kerbe in ihr Holz schnitzen.

Eine lieblos zusammengezimmerte Lügengeschichte

Schon seit geraumer Zeit kämpft Lange, obwohl sie selbst nie Opfer war, gegen die „Love Scammer“. Im Internet treffen sich Opfer in dem von Lange initiierten Forum „romancescambaiter.de“, tauschen Erfahrungen aus, geben sich Tipps – und jagen Täter. 34 „Love Scammer“ habe man in den vergangenen zwei Jahren in die Falle gelockt, freut sich die 59-Jährige, und auch der Spaß komme dabei nicht zu kurz: So habe man etwa bereits zweimal eine Geldübergabe im Drehrestaurant „Piz Gloria“ auf dem knapp 3000 Meter hohen Schilthorn in den Berner Alpen organisiert. Um zum Ort ihrer Festnahme zu gelangen, hätten die Gauner auch noch einen dreistelligen Frankenbetrag für die Gondelfahrt berappen müssen – Rache kann mitunter so süß sein. Auch am Montag hat Lange sichtliche Freude an der Thematik – erst als Zeugin, dann als Zuschauerin.

Forson A. präsentiert dort eine so lieblos zusammengezimmerte Lügengeschichte, dass es an Missachtung des Gerichts grenzt. Er hat für alles eine Erklärung. Eine ist blöder als die andere. Kurzfassung: Trotz erdrückender Indizien auf seinem Smartphone sei er unschuldig wie ein Lamm und zudem von der Polizei schwer verdroschen worden, daher auch die Augenklappe. Oberstaatsanwalt Olaf König hört sich den Quatsch geduldig an, glaubt kein Wort und sorgt am Ende für eine fast schon gemeine Volte: In einem Plädoyer, das auch Forson A.s Verteidiger hätte halten können, rückt er von der angeklagten Banden- und Gewerbsmäßigkeit ab und fordert wegen schlichten versuchten Betrugs eine weniger als moderate Bewährungsstrafe von sechs Monaten, zu der A. am Ende auch verurteilt wird. Der Haftbefehl wird aufgehoben. Im Überschwang des Siegesgefühls verzichtet die Verteidigung auf Rechtsmittel, König sowieso. Das Urteil wird damit rechtskräftig.

Abschiebung wohl erst in Jahren möglich

Doch als der hocherfreute Forson A. das Gericht als freier Mann verlassen will, klicken erneut die Handschellen, und A. wechselt die Untersuchungs- mit der Abschiebehaft nach Ghana, seinem Heimatland. Im Falle einer Revision A.s wäre diese Abschiebung wohl erst in Jahren möglich geworden.

Stefan Behr

Ebenfalls vor Gericht: Mord im Niddapark - Frankfurter Gastronom mit finanziellem Engpass

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