1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Ist doch alles Handwerk!

Erstellt:

Von: Andreas Hartmann

Kommentare

Den „Mythos Handwerk“ versucht das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt in seiner neuen Ausstellung zu erhellen. Das Fragezeichen bleibt allerdings. Bild: Christoph Boeckheler
Den „Mythos Handwerk“ versucht das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt in seiner neuen Ausstellung zu erhellen. Das Fragezeichen bleibt allerdings. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst versucht in einer neuen Ausstellung, den „Mythos Handwerk“ einst und heute zu beleuchten - damit nimmt es sich ganz schön viel vor.

Eine Ausstellung über „das Handwerk“ – dieses Vorhaben erscheint ungefähr so maßvoll wie eine Schau über „die Kunst“. Das Museum Angewandte Kunst (MAK) am Frankfurter Schaumainkai will nun aber genau das: Einen Kosmos erfassen und darstellen, der seit der Frühzeit der Menschheitsgeschichte so selbstverständlich zu uns gehört, dass wir uns heute oft gar nicht bewusst sind, ob und wie sich „Handwerk“ von kunsthistorischen Meisterwerken auf der einen und industrieller Massenproduktion auf der anderen Seite abgrenzt.

Hat der Ruf des Handwerks in den vergangenen Jahrzehnten wirklich gelitten und ändere sich nun wieder, wie Museumsdirektor Matthias Wagner K meint? Wie unterscheidet sich der Dilettant von der Meisterin? Und was ist das eigentlich für ein Image, das ein so vielfältiger und bunter Strauß an Berufen haben soll? Kuratorin Grit Weber hat sich zusammen mit drei Kolleginnen aus Bregenz und Dresden dem „Mythos Handwerk. Ideal und Alltag“, so der Titel der am Donnerstagabend eröffnenden Ausstellung, mit zahllosen Gegenständen aus den Museumsdepots, mit Fotos, Interviews, Statistiken und Hörstationen genähert. Man habe versucht, „das Spannungsfeld zwischen Ideal und Alltag“ zu zeigen, hieß es bei der Vorstellung. In einem Raum wird man sogar mit Wagner-Musik beschallt, passend aus den „Meistersingern“.

Aber es ist doch ein sehr, sehr weites Feld, auf dem sich die Ausstellungsmacherinnen da tummeln, und es ist allzu viel, was die Ausstellung deutlich machen möchte. Seit langem beschäftigen sich die Kulturwissenschaften mit der Vielzahl an Themen, die hier in sechs Bereichen – Einzelstück/Serie, Hand/Kopf, Lokal/Global, Luxus/Notwendigkeit, Meisterschaft/Do-it-yourself und Tradition/Fortschritt – angerissen werden. Der Ausstellungstitel übrigens bezieht sich auf den Essai-Band „Mythen des Alltags“ des französischen Philosophen Roland Barthes.

Mythos Handwerk - das Programm

„Mythos Handwerk. Zwischen Ideal und Alltag“ ist vom 29. April bis zum 11. September im Museum Angewandte Kunst Frankfurt (MAK), Schaumainkai 17, zu sehen, geöffnet dienstags bis freitags von 12 bis 18 Uhr, mittwochs auch bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Die Frankfurter Ausstellung wandert danach weiter nach Dresden und Bregenz.

„Werkstatt oder Universität? Wo liegt die gemeinsame Zukunft?“ ist das Thema einer Diskussion am 12. Mai, 18 Uhr, mit der Präsidentin der Handwerkskammer Rhein-Main, Susanne Haus, und dem Präsidenten der Frankfurt University, Frank Dievernich. Kostenlose Anmeldung unter eveeno.com/mythoshandwerk.

Über Handwerk in der Kunst spricht Julius Bockelt; eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Atelier Goldstein.

Öffentliche Führungen mit Kuratorin Grit Weber gibt es am 1. Mai, am 26. Juni und am 11. September jeweils um 15 Uhr. Weitere Führungen werden mittwochs um 18.30 Uhr und sonntags um 15 Uhr angeboten. Tandem-Touren mit Auszubildenden im Handwerk sind am 3. August, 18.30 Uhr (Polsterhandwerk) und am 7. September, 18.30 Uhr (Schneiderhandwerk).

Repair-Cafés im Museum: Am 30. April, 25. Juni und 30. Juli bietet das MAK jeweils von 14 bis 17 Uhr eine Elektro-Textil- und Fahrradwerkstatt mit Profis an. aph

Natürlich gibt es einiges zu sehen in den weitläufigen Räumen im zweiten Obergeschoss des MAK, das selbst ursprünglich mal gegründet wurde, um dem Gewerbe mit lehrreichen kunsthandwerklichen Beispielen Ideen zu liefern. Vor allem die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die heute den einzigartigen Nachlass des prunkliebenden sächsischen Fürstenhauses verwalten, haben wertvolle Leihgaben beigesteuert, die einen Besuch lohnen. Mit Möbeln der berühmten Hellerauer Werkstätten oder Porzellanen aus der Meissener Manufaktur reichen die Dresdner Sammlungen zeitlich bis in die Moderne, „Die Kooperation war ein absoluter Glücksfall“, sagt Kuratorin Weber.

Da lassen goldene Prunkuhren, farbenfrohe Porzellane oder aufs Feinste intarsierte Schränke die Besucherinnen und Besucher staunen über einen raffinierten Luxus, dessen Produktion man eigentlich eher Künstlern als Handwerkern zugetraut hätte. Ja, Handwerk war am sächsischen Hof der Barockzeit weitgehend eine Männerdomäne, und es ist es auch heute immer noch so, dass Frauen in vielen Berufen deutlich unterrepräsentiert sind. „Frauen nutzen eine handwerkliche Ausbildung häufig als Sprungbrett“, sagt Weber.

Dass das Handwerk hierzulande immer noch eine herausragende Funktion hat, daran wird kaum jemand zweifeln. Hier arbeiten 13 Prozent der Beschäftigten, und ein Drittel der Auszubildenden beginne ihre berufliche Laufbahn heute in einem Handwerksberuf, sagt Weber, die vor ihrem Studium selbst zehn Jahre lang Zahntechnikerin war. Doch werde es immer schwieriger, offene Lehrstellen zu besetzen. „Damit verspielen wir unsere Zukunft“, sagt sie. Vielleicht könne auch die Ausstellung neue Impulse geben.

Es gibt natürlich auch Kurioses und Seltsames zu entdecken, beispielsweise Fragmente des in der NS-Zeit beim Berliner Künstler Max Esser in Auftrag gegebenen Frankfurter Handwerksbrunnens oder ein Luxushandwerkzeug für den Bergbau, das die sächsischen Kurfürsten natürlich nicht benutzten. Und dann finden sich auch die wunderbaren Fotoserien von August Sander, „Menschen des 20. Jahrhunderts“ mit Handwerkerporträts der 1920er Jahre und „Der Letzte seines Stands“, für die die DDR-Fotografin Heidi Vogel-Hennig in Leipzig aussterbende Berufe fotografierte, Puppenmacherin und Glasaugenhersteller etwa. Wobei manche exotische Nische bis heute besetzt ist – und es vielleicht auch in Zukunft bleiben wird.

Auch interessant

Kommentare