1. Startseite
  2. Frankfurt

„Frankfurt ist bei Solarenergie einfach langsam“

Erstellt:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Solarmodule einer Photovoltaikanlage auf einem Frankfurter Dach.
Solarmodule einer Photovoltaikanlage auf einem Frankfurter Dach. © dpa

Experte Michael Brod im Interview über das „Recht auf Sonne“ für alle und das Tempo des Photovoltaik-Ausbaus.

Herr Brod, wo stehen wir mit der Solarenergie, mit Strom und Wärme aus Sonnenkraft, in Frankfurt?

Ganz am Anfang. Ich glaube, Offenbach hat pro Person mehr Photovoltaik als Frankfurt. Frankfurt ist da einfach langsam.

Warum sehen wir nicht längst auf jedem zweiten Haus Photovoltaik (PV) oder zumindest die Arbeiten daran?

Ich weiß es nicht.

Liegt es an der mangelnden Bereitschaft der Hauseigentümerinnen und -eigentümer?

Ich denke, die Haus- und Wohnungseigentümer haben weitgehend noch nicht begriffen, was notwendig ist. Es kommt jetzt der Umschwung in der Erkenntnis, es wird immer deutlicher: Man kann mit PV eine ganze Menge bewirken, gerade vor dem Hintergrund der Energiekrise, aber jetzt fehlen die Arbeitskräfte, die das umsetzen können. Der Bau einer PV-Anlage ist hier in Frankfurt sowieso unverschämt teuer und mit einer Wartezeit von einem Jahr verbunden.

Was hat der Solarverein am Wochenende zu der Nachhaltigkeitsveranstaltung auf der Konstablerwache beigetragen?

Wir haben Broschüren des Bündnisses Bürgerenergie verteilt und ein Banner mit dem Slogan „Recht auf Sonne“ aufgestellt. Das bezieht sich darauf, dass jede Bürgerin und jeder Bürger das Recht haben sollen, Photovoltaik an den Stellen anzubringen und zu nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen.

Darüber gab es kürzlich Konflikte. Die Wohnungsgesellschaft ABG hatte einem Mieter untersagt, eine PV-Anlage anzubringen. Wie ist da der Stand?

Es gibt wohl einen Gütetermin. Es sieht so aus, als dürfte der Mieter die Module wieder an der Außenseite des Balkons anbringen. Unser Bestreben geht aber dahin, die ABG zu ermuntern, ihre Mieter aktiv zu unterstützen, wenn sie Solarenergie nutzen wollen. Die ABG macht ja sehr gute Sachen, etwa in der Friedrich-Ebert-Siedlung, wo viele PV-Anlagen aufgebaut wurden. Mich wundert es, dass die ABG so restriktiv ist, wenn die Mieter doch im Grunde das Gleiche wollen.

Woran liegt das, was denken Sie?

ZU PERSON & VEREIN

Michael Brod, 68, hat Elektrotechnik studiert und war beim Hessischen Rundfunk beschäftigt. Die Themen Energiewende und Klima beschäftigten ihn seit seiner Jugend. Seit er Rentner ist, engagiert er sich verstärkt für den Ausbau der Solarenergie, etwa im Solarverein Frankfurt.

Der Verein mit etwa einem Dutzend Mitglieder (neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind willkommen, gern auch junge Leute), arbeitet ehrenamtlich und wird auch von der Stadt Frankfurt konsultiert. Kontakt: www.solarverein-frankfurt.de

Natürlich ist es erst einmal ungewöhnlich – ich habe es ja selbst erlebt, als ich zwei Module aufgehängt habe, dass das erst mal Widerstände erzeugt. Aber letztlich müssen wir aus Klimaschutzgründen sehr schnell Photovoltaikleistung auch in die Städte bringen, und da ist das eine gute Möglichkeit, weil es technisch sehr einfach ist. Ich sage immer: So ein Photovoltaikmodul ist die Volksenergie. Das kann jeder selbst machen, sich engagieren. Die ABG sollte sich da gedanklich umstellen. So, wie sie die Kurve zum Passivhausbau gekriegt hat, wäre es gut, wenn sie auch die Kurve dahin kriegen würde, dass das Recht auf Sonne bei der ABG gefördert wird.

Die Stadt hat eine „Solaroffensive“ angekündigt: Bis 2035 sollen Solaranlagen auf allen privaten Dächern sein. Reicht das?

Ich finde es auf jeden Fall gut, dass es eine solche Initiative gibt. Es braucht dann eben die Leute, die das mit viel Kraft verbreiten können. Prinzipiell glaube ich, dass das klappen kann. Technische Entwicklungen gehen in der Regel exponentiell vonstatten. Wer benutzt beispielsweise heute noch eine mechanische Schreibmaschine? Deswegen bin ich, was die Geschwindigkeit des Solarausbaus angeht, durchaus optimistisch.

Die Stadtverwaltung selbst soll schon bis 2030 CO2-neutral sein – aber wie viele städtische Dächer haben schon PV?

Da gibt es die Sonneninitiative Marburg, die schon 2008 das erste Bürger-Solarkraftwerk in Frankfurt errichtet hat, auf der Friedrich-Ebert-Schule in Seckbach. Daran bin ich auch beteiligt, unser Verein ist auch mit den Marburgern befreundet. Die sind sehr professionell und bauen eine PV-Anlage nach der anderen auf die Frankfurter Schulen. Da geht es gut voran, aber die Sonneninitiative Marburg kann natürlich auch nicht alles machen. Es muss ein Konzept her, genug Fachleute auszubilden, um das umzusetzen. Und die Industrie muss das Material liefern können, das ist im Moment auch schwierig. Hauptlieferant ist immer noch China, und da behindern sie sich mit ihren Corona-Lockdowns selber. Aber die europäische Industrie ist im Aufbau. Es gibt gute Anzeichen.

Am Frankfurter Berg entsteht eine Aktivhaus-Siedlung mit Photovoltaik auf allen Dächern. Wie beurteilen Sie das Projekt?

Das hört sich gut an, könnte aber auch noch etwas ehrgeiziger sein. Es heißt, zu 65 Prozent könnten sich die Haushalte dort selbst versorgen. Ich meine, eigentlich müssten auch 100 Prozent möglich sein. Das Ziel der Klimakonferenz von Paris, 1,5 Grad Erderwärmung, heißt eigentlich: 100 Prozent bis zum Jahr 2030. Da würde mich noch einmal im Detail interessieren, woran es liegt, dass es dort nur 65 Prozent sein sollen.

Beraten Sie als Verein, wenn jemand Solarpläne hat?

Ja. Das ist, was wir hauptsächlich machen. Wir haben monatlich unsere Treffen im Club Voltaire, und in der ersten Stunde beraten wir immer Bürgerinnen und Bürger. Am besten vorher anmelden per E-Mail.

Interview: Thomas Stillbauer

Michael Brod. © Privat
Michael Brod. © Privat © Privat

Auch interessant

Kommentare