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Kristina Gerstenberger vom Malteser Hilfsdienst besucht die allein lebende Seniorin Helga B. in Frankfurt. dpa
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Kristina Gerstenberger vom Malteser Hilfsdienst besucht die allein lebende Seniorin Helga B. in Frankfurt. dpa

Einsam in Frankfurt

Frankfurt: Initiativen und Hilfen gegen die Einsamkeit

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Gerade zwischen den Jahren leiden viele Menschen, weil sie allein sind und sich einsam fühlen. In Frankfurt gibt es einige Anlaufstellen für Studierende bis zu Senior:innen, die einsam sind.

Gemeinsam gegen die Einsamkeit vorzugehen. Das hat sich eine neue Initiative in Frankfurt vorgenommen. Sandra Erb hat sich angeschlossen. Die 50-Jährige leitet das Biazza Nordwest der Diakonie Frankfurt. Das ist ein offener Treff im Nordwestzentrum, gefördert von der Stiftung Diadem und Share Value Stiftung, überwiegend für Seniorinnen und Senioren. Es ist auch eine Beratungsstelle und ein Ort für Veranstaltungen mit Kultur und Sozialem. Zentral gelegen, wer aus der U-Bahn steigt und alle Rolltreppen nach oben fährt, dann noch hinter dem großen Bekleidungshaus mit den zwei Buchstaben links abbiegt, steht davor.

Warum sich Erb über ihre eigenen Aufgaben hinaus engagiert? Weil sie zusammen mit anderen etwas entwickeln möchte, das hilft, einsame Menschen besser ansprechen zu können. Das „zusammen“ und „mit anderen“ sind wichtige Schlagworte. Es ist bisweilen gar nicht so einfach, überhaupt zu den Menschen vorzudringen, die einsam sind. Die wissen oder glauben vielleicht nicht oder wollen es sich nicht eingestehen, dass zusammen mehr möglich ist als alleine.

Da ist ein offener Treff schon ein Anfang. Im Biazza können Menschen ganz unverbindlich hereinschneien, kurz plaudern. Sie müssen nichts kaufen oder konsumieren, sie müssen sich nicht anmelden. Wer einsam ist, meldet sich nicht unbedingt von selbst, sagt Erb. „Manchen ist es gar nicht bewusst, wie einsam sie sind.“ Das ergibt sich erst aus Gesprächen. Erb versucht, in die Menschen hineinzuhorchen und gegebenenfalls vorsichtig etwas anzustoßen. Ein regelmäßiges Treffen. Einen Besuchsdienst. Manche umgeben sich mit einem Schutzpanzer. „Man möchte ja auch nicht bedürftig erscheinen.“ Wenn sie länger nichts mehr von ihren Schützlingen gehört hat, ruft sie an. Manchmal schickt sie auch eine E-Mail. Die meisten seien dankbar, sagt Erb, dass sie nicht vergessen sind.

Erb hält die Begegnungsstätte auch bei Lockdown quasi-geöffnet. „Ich habe eine große Fensterfront“, sagt sie schelmisch. Da hat sie durch die geöffnete Scheibe schon manches Gespräch geführt. Abstand halten, Kontakte reduzieren, Hygienevorschriften beachten. Das sei alles wichtig, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Aber: „Die seelische Gesundheit ist auch wichtig.“ Viele Angebote hat sie einfach ins Freie verlegt. Macht Spaziergänge, Bewegungstraining. Derzeit plant sie eine Lesung. Das Biazza hat Brieffreundschaften zwischen Alt und Jung initiiert. Rätsel und Quizze verschickt.

53 Prozent der Haushalte in Frankfurt sind laut Statistik 2020 Einpersonenhaushalte. Die sind nicht alle einsam. „Nicht jeder Mensch, der alleine lebt, ist einsam, und ein Mehrpersonenhaushalt schützt nicht unbedingt vor dem Gefühl von Einsamkeit“, sagt Wiebke Reimann, Sprecherin des Frankfurter Gesundheitsamts. Das Phänomen Einsamkeit ist auch nicht auf eine bestimmte Altersgruppe festzulegen. Es zieht sich durch die ganze Gesellschaft.

Neben älteren Menschen sind körperlich behinderte und psychisch kranke Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund oder ohne festen Wohnsitz betroffen. Aber auch Menschen in der Lebensmitte und jüngere Erwachsene fühlten sich laut einer Studie von Luhmann und Hawkley (2016) häufig einsam, sagt Reimann. Die Anfragen beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst und beim Krisentelefon haben in der Pandemie deutlich zugenommen, allerdings gibt es keine Erhebungen darüber, ob und in welchen Umfang das Thema Einsamkeit dabei eine Rolle gespielt hat.

Hilfsangebote in Frankfurt

Die Stadt Frankfurt stützt eine Reihe von Hilfsangeboten. Es gibt Stadtgesundheitskonferenzen, Projekte zur sozialen Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen, niedrigschwellige und kostenfreie Infomöglichkeiten. Das im Frankfurter Gesundheitsamt gegründete Europäische Filmfestival der Generationen fördert bereits seit 2010 die soziale Integration, Barrierefreiheit und den wichtigen und fruchtbaren Austausch von Alt und Jung.

Webseite mit Angeboten der Stadt : https://frankfurt.de/service-und-rathaus/verwaltung/aemter-und-institutionen/gesundheitsamt/informationen-zum-neuartigen-coronavirus-sars-cov-2/psychosoziale-beratung Oder auf: www.soziallotse-frankfurt.de

Auch Sozialträger wie die Malteser oder die AWO bieten Hilfen an.
www.awo-frankfurt.de
www.malteser-frankfurt.de

Die Beratungsstelle des Studentenwerks Frankfur t bietet Einzelberatungen für Studierende an, auch kurzfristige Hilfe in offenen Sprechstunden; zudem gibt es Online-Gruppeangebote und Vorträge; bei Bedarf vermittelt das Studentenwerk Kontakte zu niedergelassenen Psychotherapeut:innen. https://www.studentenwerkfrankfurt.de/beratung-service/psychosozialberatung/

Kirchen haben eine großes Programm anzubieten , zu finden über die Internetseiten von Diakonie und Caritas.
www.diakonie-frankfurt-offenbach.de
www.caritas-frankfurt.de

Die Evangelische Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei zu erreichen unter 0800 111 0 111. In Frankfurt gibt es auch eine katholische Telefonseelsorge Frankfurt im Haus der Volksarbeit, Mittwoch von 8 bis 15 Uhr, 069 1501-108 oder Mail
telefonseelsorge@hdv-ffm.de

So oder so, die Pandemie macht es zur Herausforderung, Menschen zu erreichen. Manchmal gelingt es. Reimann verweist etwa auf das neue Online-Format „Shared Reading – Literarisches Miteinander“. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können sich in kleinem und geschützten virtuellen Rahmen treffen, um sich über Gedanken und Gefühle anhand von Gedichten und Geschichten auszutauschen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Ab Januar beginnt das COPE-Projekt (Culture on Prescription in Europe). „Studien haben gezeigt, dass die Teilnahme an sozialen und kulturellen Aktivitäten das psychische Wohlbefinden verbessern und die Einsamkeit verringern kann“, sagt Reimann.

Sandra Erbs Biazza wird gut angenommen. Besucherinnen und Besucher kommen nicht nur aus der Nordweststadt, auch aus anderen Ecken Frankfurts, eine Dame sogar aus Niederrad. „Es darf kommen, wer möchte, wer sich hier wohlfühlt und Begegnung sucht“, sagt Erb.

Just müht sich eine ältere Dame mit der Tür. Sie komme vom Friseur, verrät sie. Gleich müsse sie weiter zur Nagelpflege. Nun stöbert sie kurz durch die Auslage des kleinen Basars. Der ist ein Hilfsmittel, Menschen in der heimischen Isolation mit einer Aufgabe zu betrauen. „Sie beschäftigen sich mit etwas, das sie hoffentlich gerne tun“, sagt Erb. Und machen damit anderen eine Freude, mit gehäkelten Topflappen, Traumfängern, gebastelten Karten, Tüchern.

Erb verwickelt ihre Besucherin gleich in ein Gespräch. Es stellt sich heraus, die Dame ist an Weihnachten im Stress. Alle drei Festtage sind verplant. „Nicht alle sind so eingebunden“, sagt Erb. Menschen sind aus verschiedenen Gründen alleine. Mal wohnen die Angehörigen einfach weit weg. Mal hat es Streit in der Familie gegeben. Jetzt kommt auch noch die Pandemie dazu. „Viele haben Ängste, isolieren sich, wollen auch andere nicht gefährden.“

Die psychosoziale Beratung des Frankfurter Studentenwerks berichtet, zu Anfang der Pandemie seien die Anfragen eher zurückgegangen, was wohl auf die allgemeine Verunsicherung zurückzuführen war, sagt Psychologin und Teamleiterin Nina Müller. „Welche Stellen geöffnet haben, was mache ich überhaupt, wie organisiere ich meinen Alltag?“ Im Laufe des Jahres hätten die Anfragen aber wieder zugenommen. 2021 war dann ein Rekordjahr. „Wir haben eine deutlich höhere Anzahl an Neuanfragen zu verzeichnen.“

Einsamkeit sei ein Thema unter vielen, sagt Müller. „Es geht dann vor allem darum, wie halte ich meine Kontakte und wie kann ich trotz Onlineseminaren neue Leute kennenlernen oder kriege ich es überhaupt hin, Leute anzusprechen.“ Viele Studierende kämen mit depressiven Symptomen oder Ängsten in die Beratung, zum Teil mit behandlungsbedürftigen Symptomen. Mit Corona hat das nur bedingt zu tun. „Einsamkeit, Existenz- und Zukunftsängste gab es unter der Studierendenschaft auch vor der Pandemie“, sagt Müller.

Im Unterschied zu Seniorinnen und Senioren gingen Studierende offener mit dem Thema um. „Sie sind an sich eine Gruppe, die mehr und mehr über Emotionen und die Psyche weiß und sich schneller Unterstützung sucht als die ältere Generation.“

Bei den Älteren hilft bohren, etwa im Biazza Nordwest. „Ich bewahre mir eine optimistische Haltung“, sagt Sandra Erb bestimmt. „Wenn es anders wäre, würde ich…“ dann verliert sich ihr Blick in der Ferne. Den Satz vollendet sie nicht. Lieber lacht sie, das macht sie oft und gerne. Den Optimismus kann sie glaubhaft vermitteln. Ihr geht es darum, Zuversicht zu geben.

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