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Frankfurt: Infiziert von all den geilen Bands

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Von: Thomas Stillbauer

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Demo-Aufnahmen und weitere Schätze aus vielen Jahrzehnten: das Archiv von VirusMusik und Kick e.V. im Frankfurter Germaniabunker.
Demo-Aufnahmen und weitere Schätze aus vielen Jahrzehnten: das Archiv von VirusMusik und Kick e.V. im Frankfurter Germaniabunker. © VIRUSMUSIK

Die Frankfurter Initiative „VirusMusik“ unterstützt seit 30 Jahren die lokale Szene, hilft bei der Suche nach Proberäumen und schafft Möglichkeiten, live vor Publikum aufzutreten – sogar im Fernsehen.

Fein gewählter Zeitpunkt für ein Jubiläum von etwas, das Virus heißt. Aber man kann sich’s nicht immer aussuchen. VirusMusik ist in diesem Jahr 30 geworden – und auf angenehme Weise ansteckend. Wie kam es einst zum Ausbruch?

„Das war ein fließender Übergang“, sagt Sepp’l Niemeyer, der Mann, der hinter so vielem steckt, was in Frankfurt mit Musik zu tun hat. Oft steckt er hinter Trommeln, er ist ja Schlagzeuger, aber genauso oft steckt er hinter Musikveranstaltungen – und hinter Bandkarrieren, die ganz jung begannen. Da hilft VirusMusik besser als jede Medizin. Aber zurück zum fließenden Übergang.

Einst, als es in Frankfurt ganz viele Bands gab, aber ganz wenige Übungsräume, erhob sich eine Bewegung. Die nannte sich „Berstende Bunker“ und organisierte Rockfestivals, die gründete einen Verein namens Kick und veranstaltete Rockmessen quer durch die ganze Stadt, hob eine Frankfurter Rockzeitung namens „Kick’n’Roll“ aus der Taufe. Und brauchte irgendwann, weil es einen Rechtestreit um den Namen Kick gab, eine aktive Plattform unter einer neuen Bezeichnung. VirusMusik war geboren.

Virus-Macher Sepp’l Niemeyer am Mikrofon der täglichen Sendung bei Radio X.
Virus-Macher Sepp’l Niemeyer am Mikrofon der täglichen Sendung bei Radio X. © VIRUSMUSIK

„Wir mussten was tun, um zu zeigen, was hier läuft“, blickt Niemeyer zurück, „dass Proberaum-Bunker erhalten bleiben müssen.“ Wie sich die Probleme ähneln – gerade gab es genau solch einen Konflikt um den Musikbunker am Marbachweg, der geschlossen werden sollte. Auch heute, 30 Jahre später, ist das Angebot an Räumen zum Krachmachen klein.

Es gibt Kaffee. Draußen auf dem Flur im zweiten Stock des Germaniabunkers: Stimmen, Gelächter. Ein Saxophon ist zu hören. Gleich wird ein jaulendes Gitarrensolo dazukommen, dann noch eins. Es gibt Proberäume hier, stundenweise. Sie reichen vorne und hinten nicht, aber es gibt sie, in dieser freundlichen Atmosphäre, in dieser schon immer umarmenden und wärmenden Atmosphäre, die die Leute von den Initiativen Kick und Waggong und Mewi und Virus erzeugt haben. Und wie wichtig das ist.

Es war ein enormer Ausbruch von Energie damals, Anfang der 90er Jahre, das spüren alle noch, die dabei waren. „Ich weiß gar nicht, wie wir das hingekriegt haben, so eine Rockmesse, sieben Konzerte in einer Woche“, sagt Sepp’l Niemeyer, „und was es damals für Clubs gab in Frankfurt – das war ja fast wie in Hamburg.“

JUBILÄUMSSHOW LIVE UND ONLINE

Zum Jahresende veranstaltet VirusMusik wieder die traditionelle Liveshow, diesmal wieder in der Frankfurter Batschkapp (Gwinnerstraße): am Mittwoch, 22. Dezember. Der Eintritt ist frei unter 2Gplus-Corona-Bedingungen – falls es die Inzidenzen zulassen.

Die „VirusMusikRadio Show 2021“ wird aber auch auf mehreren Kanälen live in die Haushalte übertragen: von 19 Uhr an im Internet (virusmusik.de und www.radiox.de/live) und im Rundfunk auf Radio X (91.8 Mhz).
Auf der Bühne sind zu sehen und zu hören: Gwen Dolyn & Toyboys (Post-Punk/Grunge aus Rhein-Main); IVE (Rap aus Rhein-Main); das Absinto Orchester (Balkan-Beat und Gipsy-Swing); Pape (poppiger Rap mit verträumten Harmonien auf trappigen Beats aus Rhein-Main); Elda (Progressive-Dream-Pop aus Frankfurt); Rewe City Crime Boys (Hip-Hop & Rap aus Frankfurt und Offenbach); und Fellaws Kingdom (Super Ska aus Rhein Main).

Alle Informationen: virusmusik.de

Euphorie, großer Zusammenhalt in der Szene, die fetten Plattenlabels interessierten sich für das, was aus Frankfurter Proberäumen drang. „Aber es ging auch schnell wieder vorbei“, bedauert Niemeyer. „Elektromäßig ist das immer noch da.“ Aber rockmäßig? Auch, nur allzu oft unterhalb des Radars der großen Öffentlichkeit. Der Virus-Chef zählt Bands auf, viele, so schnell, dass man gar nicht mitkommt. Einige von ihnen werden am 22. Dezember bei der Jahresabschlussshow auftreten. „Ich liebe diese regionalen Musikerinnen und Musiker, ich liebe diese Vielfalt. Die sind so krass unterwegs, die geben alles. Ich liebe diese geilen Bands.“

Dafür geben auch Kick und VirusMusik alles seit 30 Jahren. Maria Schmitt und Fritz Müller von Waggong waren von Anfang an mit dabei im Hauptquartier im Bunker in der Germaniastraße. Dort traf sich auch die Redaktion der Rockzeitung zu ihren Sitzungen, um Geschichten aus der Szene zu planen. Eine „aktive Crowd“ von 25 und ein harter Kern von etwa zehn Leuten stellen heute die Virus-Radioredaktion, die täglich auf dem Kanal Radio X sendet und Musiker:innen zu Wort kommen lässt.

Und dann die Newcomer-TV-Nächte, bei denen jeweils vier Bands live auftreten – vor Corona mit Publikum, jetzt online – und deren Gigs zeitversetzt im Fernsehen gezeigt werden. Eine Wertschätzung, die die Projekte verdient haben. „Wir sind wie Gärtner“, sagt Niemeyer. „Wir bereiten den Boden und finden dort immer wieder tolle Musiker, die wir betreuen, die wachsen, die ihre Wurzeln hier in Frankfurt, in der Region und in der Arbeit von VirusMusik haben.“

Redaktionssitzung der Frankfurter Rockzeitung „Kick’n’Roll“ 1993 mit Irmgard Tennagels (links) und Sepp’l Niemeyer (rechts).
Redaktionssitzung der Frankfurter Rockzeitung „Kick’n’Roll“ 1993 mit Irmgard Tennagels (links) und Sepp’l Niemeyer (rechts). © VIRUSMUSIK

Die Plattform achtet darauf, dass die Bands gute Voraussetzungen bekommen, gute Technik, dass sie mit Profis arbeiten können. Auch wenn zurzeit alles so schwer ist. „Im März 2020 ist eine Welt zusammengebrochen“, sagt Niemeyer. „Wir haben immer mit allem gerechnet, Krieg, Katastrophen, wir waren immer sicher, dass die Musik überleben wird. Aber was Corona angerichtet hat, war ein Schock.“

Hinzu kam nun das Aus für den Marbachbunker mit 50 Räumen für Musik und Studios. Inzwischen ist die Kündigung zum Jahresende durch den Bund aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Die Wichtigkeit von Kultur sei durch Corona noch einmal deutlicher geworden, da sind sie sich bei VirusMusik einig. „Aber so richtig etwas passiert, um dem Rechnung zu tragen, ist auch nicht.“ In dieser Situation sei es „ein wahnsinniges Signal“ gewesen, im Juli und August wieder die Sommerwerft auf die Beine zu stellen, mit Theater, Musik und Auftritten für die regionale Szene.

Vor der offenen Zimmertür trägt jemand mit Maske seine Gitarre vorbei und grüßt kurz rein. Schätze aus der Zeit bis zurück in die 1980er Jahre werden hier in der Germaniastraße aufbewahrt, Demokassetten von aufstrebenden Bands, deren Musik der Wind längst weitergeweht hat, auf die Bühnen anderer Städte, anderer Länder, ein Stück Kultur im Gepäck, das verbindet.

Lasst krachen. Virus-Bühne beim Museumsuferfest 2014.
Lasst krachen. Virus-Bühne beim Museumsuferfest 2014. © Manuel Musat (Blow Out Media)

„Ich glaube fest daran: Unsere Arbeit hat eine politische Dimension, unsere Arbeit ist wichtig, sie hat die Kulturszene verändert“, sagt Sepp’l Niemeyer. Und das mit wechselnder Unterstützung. Irmgard Tennagels vom Kulturamt nennt er immer wieder, die seit mehr als 30 Jahren unschätzbar viel für die Frankfurter Musikszene getan hat, vom Ausfahren der Rockzeitung mit dem eigenen Auto in Frankfurt und Offenbach bis zur Beschaffung von Fördermitteln. Das Geld, es wird nicht mehr, und VirusMusik lebt allein von projektbezogenen Zuschüssen und vom Förderverein.

Reich geworden ist vom Team im Bunker noch niemand. Aber reich an Erfahrung. In Zeiten der Ausgangssperre blieb Niemeyer einfach bis morgens um 6 Uhr im Bunker und ging dann erst nach Hause, schlafen. Zehn-Stunden-Tage, normal. „Ich bin 67“, sagt er, „ich bin Rentner!“ Er lacht. „Ich mach’ das noch ein paar Jahre weiter, ich hab’ auch Bock drauf, aber dann muss auch mal die nächste Generation ran.“

VirusMusik will zusehen, dass es die Jugend wieder reinholt, eine junge Crew von Zwanzig-, Dreißigjährigen, so wie damals, als alles begann. Die Kulturszene, sagt Sepp’l Niemeyer, muss wieder sichtbarer werden. Mit der Koalition der Freien Szene Frankfurt und dem Offenen Haus der Kulturen hat er ein paar Ideen dafür entwickelt. Bis sie greifen, wäre es schon mal ganz hilfreich, wenn der Förderverein ein paar Mitglieder mehr hätte. Jahresbeitrag: 30 Euro. Wie das geht, ist unter virusmusik.de erklärt.

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