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Frankfurt: In der Weltkirche daheim

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Von: Anja Laud

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Pfarrerin Annegreth Schilling am Altar der Matthäuskirche.
Pfarrerin Annegreth Schilling am Altar der Matthäuskirche. © christoph boeckheler*

Pfarrerin Annegreth Schilling feiert Weihnachten in einer der heterogensten Gemeinden Frankfurts.

Drei Männer tragen einen Weihnachtsbaum ins Kirchenschiff der nahe der Messe gelegenen Matthäuskirche. „Da kommt er ja“, sagt Annegreth Schilling, Pfarrerin der Evangelischen Hoffnungsgemeinde, erfreut. Als die Tanne wenig später steht, zückt die 41-Jährige ihr Handy. „Da mach ich gleich ein Foto für Instagram“, sagt sie. Unter dem Nutzernamen „hoffnungskleid“ können alle Menschen, die ihr folgen, wenige Minuten später sehen und lesen, dass der Christbaum in der Kirche eingetroffen und dass er gut gewachsen und groß sei.

„Die Kirche ist nicht nur eine Institution. Es stehen Menschen, Individuen dahinter, die ihre eigene Sicht auf die Dinge haben. Mir ist Transparenz wichtig,“, erklärt Annegreth Schilling, warum sie seit Sommer 2020 regelmäßig auf Instagram postet. Ihr Feed ist bunt gemischt. Es können Informationen aus ihrer Gemeinde sein, wie beispielsweise der Einzug des Weihnachtsbaums in die Kirche. Oder sie postet vor einer Beerdigung auf dem Friedhof unter dem von ihrer Hamburger Kollegin Josephine Teske generierten Hashtag #abschiednehmhimmel ein Bild vom Himmel und schreibt einen Gedanken dazu. Sie gibt auch Einblicke in ihr Privatleben. Etwa wenn sie gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Tochter und ihren drei und neun Jahre alten Söhnen Kekse backt, Die Gesichter ihrer Kinder zeigt sie dabei nicht. Aber als Pfarrerin sei sie eine öffentliche Person. „Und Gemeindemitglieder fragen nach dem Gottesdienst schon mal, wie es meinen Kindern geht“, sagt sie.

Annegreth Schilling kam im Frühjahr 2020, also mit Beginn der Corona-Pandemie, in die Hoffnungsgemeinde, „Es war der 21. März. Ein paar Tage vorher begann der Lockdown in Deutschland“, sagt die Theologin. Es ist ihre erste Pfarrstelle. Ihre für Ende März 2020 geplante Ordination musste um ein Jahr verschoben werden. Zuvor arbeitete sie in der Wissenschaft, zuletzt an der Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität in Bochum. Der Entschluss, Pfarrerin in einer Gemeinde zu werden, fasste sie spät. Wobei der Glaube seit ihrer Kindheit eine große Rolle spielte.

„Meine Eltern haben sich zu Zeiten der DDR in der Kirche engagiert und tun das auch heute noch immer“, sagt die gebürtige Dresdnerin. Nach dem Abitur zog es sie in die weite Welt. Sie absolvierte im südamerikanischen Paraguay ein Soziales Jahr. In Asunción, der Hauptstadt, arbeitete sie in einem Kindergarten, den die Mennoniten-Gemeinde, eine evangelische Freikirche, in einem armen Stadtteil eingerichtet hatte.

Annegreth Schilling machte dort Erfahrungen, die ihr heute in der Hoffnungsgemeinde helfen. Diese entstand 2003 aus der Fusion von Kirchengemeinden und ist überaus heterogen. Das Gemeindegebiet umfasst das südliche Westend, Gutleut, Gallus, Europa- und Bahnhofsviertel. „Wenn ich durchs Bahnhofsviertel gehe, erkenne ich Dinge, die ich auch in Asunción gesehen habe. Oft frage ich mich, wo wohl Gott am besten zu finden ist: bei einem Obdachlosen unter einer Brücke am Main oder sonntags bei uns im Gottesdienst“, sagt sie.

Gottesdienste in Frankfurt

An Heiligabend hält Pfarrerin Annegreth Schilling um 15.30 Uhr in der Matthäuskirche, Friedrich-Ebert-Anlage 33, die Christvesper, bei der auch ein Krippenspiel aufgeführt wird. Ihr Kollege Andreas Klein hält um 17.30 Uhr den späten Gottesdienst. Kantor Gerald Ssebudde macht Musik.

Am 1. Weihnachtstag, 25. Dezember, wird von der Vikarin Laura Kliem ein Weihnachtsgottesdienst in der Kaffeestube Gutleut, Gutleutstraße 131, gehalten. Dabei tritt die Frankfurter Bläserschule auf. Es schließt sich ein Weihnachtsessen an.

Am 2. Weihnachtstag, 26. Dezember, 17 Uhr, hält Annegreth Schilling in der Matthäuskirche einen musikalischen Abendgottesdienst. Die Sopranistin Stella Dörner singt.

Ein Überblick über alle evangelische und katholische Weihnachtsgottesdienste in Frankfurt findet sich auf der Website „Christliches Frankfurt“. lad

www.christliches-frankfurt.de

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland begann sie ein Studium der Evangelischen Theologie und Lateinamerikanistik an der Freien Universität Berlin. Im Rahmen ihres Studiums bekam sie die Chance, in Genf im Hauptsitz des Ökumenischen Rates der Kirche, einem weltweiter Zusammenschluss von 352 Mitgliedskirchen in mehr als 120 Ländern, ein Praktikum zu machen. Der Rat gilt als zentrales Organ der ökumenischen Bewegung. „Die Arbeit war für mich ein Augen-Öffner“, sagt Annegreth Schilling. Das Globale Christentum, die Verflechtung internationaler Glaubensrichtungen, ob anglikanisch, orthodox oder katholisch, ist eines ihrer großen Themen. Ihre Dissertation schrieb sie über die lateinamerikanische Befreiungstheologie in den 1960er und 1970er Jahren. Sie arbeitete deren ökumenischen und transnationalen Charakter heraus.

Globale Kirche, das ist in der Hoffnungsgemeinde bereits Realität. Die Matthäuskirche wird von einer rumänischen, russisch-orthodoxen sowie einer äthiopischen Gemeinde und der Frankfurt International Church genutzt. Und Annegreth Schilling fühlt sich in dieser Vielfalt wohl.

Als die Corona-Pandemie ausbrach, entschieden sie und ihr Kollege Andreas Klein die Gottesdienste auf dem Youtube-Kanal der Hoffnungsgemeinde zu streamen. Das tun sie immer noch. Auch die Weihnachtsgottesdienste werden wieder übertragen. 2021 verzeichnete die Gemeinde an den Festtagen rund 250 Zugriffe. „Gemeindemitglieder, die verreisen, erzählen mir, dass sie die Gottesdienste an ihrem Urlaubsort schauen“, sagt sie. Auch ältere Menschen, die bei schlechtem Wetter den Weg scheuten, täten das. „Und meine Eltern auch, die hören sich aus der Ferne an, was ich so predige“, sagt Annegreth Schilling. Auch im Hessischen Rundfunk, bei den „Sonntagsgedanken“ auf HR1, sind Beiträge von ihr zu hören. Im letzten verglich sie einen Bilderteppich, den chilenische Frauen aus Stoffresten zusammensetzten, mit dem Leben der Menschen, das sich ähnlich wie dieser aus Stücken, aus guten und schlechten Erfahrungen zusammensetzt und am Ende doch einen Sinn ergibt.

Die Matthäuskirche soll in den kommenden Jahren einer neuen Bebauung weichen. Der Kirchturm soll nach Beschluss des Evangelischen Regionalverbandes stehen bleiben und die Kirche als Tandem mit einem Hochhaus neu gebaut werden. Das ist europaweit ein Novum. „Ich hoffe, dass bald der Architekturwettbewerb beginnt“, sagt Annegreth Schilling. Aber jetzt wird es erst einmal Weihnachten. Sie wird es im großen Familienkreis feiern, jedes Familienmitglied bringt etwas zum Essen mit. „Die müssen sich selbst organisieren. Ich muss ja in die Kirche“, sagt sie und lacht. lad

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