Besucher dürfen die Glocken zum Klingen bringen.

Kunst in Frankfurt

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Das Nomadische verbindet sie: Kuratorin Christina Lehnert eröffnete die Ausstellung der US-amerikanischen Künstlerin Dawn Kasper im Portikus.

Panta rhei, alles fließt. Das Wort des antiken Philosophen Heraklit trifft auf die neue Ausstellung der US-amerikanischen Künstlerin Dawn Kasper in der Frankfurter Kunsthalle Portikus zu. Und es kennzeichnet Portikus-Kuratorin Christina Lehnert.

Christina Lehnert lässt sich auf ein Sofa gleiten. Das Sofa steht jetzt noch an einer Wand in der Ausstellungshalle. Bald könnte es im Raum irgendwo anders stehen, so wie die Holzkulissen mit Fotos von Sonnenuntergängen. Den Ausstellungsraum auf der Maininsel will die Künstlerin Dawn Kasper immer wieder neu gestalten. Besucher gehen am Sonntag durch einen anderen Raum als am Dienstag.

„Dafür entwerfe ich nun eine Karte“, sagt Dawn Kasper und setzt sich auf einen Sessel. Die Künstlerin arbeitet seit gut zehn Jahren mit dem Konzept der „nomadic studio practice“, grob übersetzt mit nomadischer Studio-Übung. Zum Beispiel 2017 auf der Biennale in Venedig, als sie ein halbes Jahr lang in einem Studio arbeitete und wohnte.

Im Portikus lebt sie nicht. Der frühere Portikus-Kurator Fabian Schöneich habe ihr vorübergehend seine Wohnung überlassen, sagt sie. Dann zeigt sie auf das zweite Sofa im Raum. Ein aufklappbares Bett. Ob sie wohl im Portikus übernachten dürfe? Christina Lehnert hat nichts dagegen.

Ein Nomadenleben, wie Dawn Kasper es vorlebt, kennt die Kuratorin selbst. Sie ist 36 Jahre alt, wuchs in Baden-Baden auf. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Philosophie, arbeitete seit 2012 kuratorisch in Bielefeld, Lichtenstein, am Zürichsee und zuletzt in Braunschweig, als Interimsdirektorin des Kunstvereins. In Frankfurt ist sie seit gut einen Jahr. In zwei Jahren endet ihr Vertrag.

Ob ihr das viele Wechseln nicht schwerfalle? Christina Lehnert wägt ab. „Ich mag Frankfurt sehr und finde es auch nicht schön, wieder zu gehen, denn ich binde mich gefühlsmäßig an die Menschen und an den Ort. Aber mittlerweile ist es möglich geworden, fast überall kuratorisch zu arbeiten.“

Am Portikus schätze sie die Eigenständigkeit des Arbeitens. Bei den fünf Ausstellungen, die sie im Jahr umsetze, würden ihr kaum Beschränkungen auferlegt. Das einzige ungeschriebene Gesetz sei die jährliche Ausstellung von Absolventen der Städelschule. Direktor des Portikus ist Städelschulleiter Philippe Pirotte.

Ein Nomadenleben hatte auch der Portikus. 1987 vom damaligen Städelschulleiter Kasper König gegründet, siedelte die Ausstellungshalle zunächst an der Alten Stadtbibliothek an, wanderte ins Leinwandhaus und kam 2006 in dem von Christoph Mäckler errichten Neubau auf der Maininsel unter.

Kuratorin Christina Lehnert in der Ausstellung im Portikus.

Dawn Kasper entwickelte ihr nomadisches Konzept aus einer prekären Situation heraus. Die Miete für ein Atelier sei zu teuer gewesen. Also habe sie in den Ausstellungshallen gelebt. Mitgebracht hat sie Kisten mit Utensilien. Gitarren und Synthesizer, mit denen sie Soundcollagen zur Ausstellung einspielen will. Glocken, die von der Decke herabhängen. Die Besucher können sie berühren und zum Klingen bringen, Anfassen ist erlaubt. Zu den Performances an den Freitagabenden hat Dawn Kasper befreundete Künstler eingeladen, unter anderem die Harfinisten Zeena Parkins, die schon mit Björk auf Tourneen spielte.

Es interessiere sie, wie sich der Ausstellungsraum innerhalb der nächsten acht Wochen verändere, sagt Dawn Kasper. Den Wandel wolle sie jeden Morgen festhalten. „Everything is very fluid“, sagt sie, alles sei im Fluss.

Besucher lädt sie ein, auf den Sofas Platz zu nehmen, Fragen zu stellen, sich am Studioleben zu beteiligen. Das ist aber kein Muss. „Es sollte für die Besucher auf jeden Fall mehr sein als kommen, sehen, gehen“, sagt Christina Lehnert.

Auf die Frage, wie sie zur Kunst gekommen sei, schaut Lehnert drei Jahrzehnte zurück. Damals hätten ihre Eltern sie mit sechs Jahren zu einer Ausstellung in die Kunsthalle Baden-Baden mitgenommen, von Dan Flavin („der mit den Leuchtstoffröhren“). Weitere Ausstellungsbesuche folgten, unter anderem im Louisiana Museum of Modern Art nahe Kopenhagen, wo sie Videos von Pipilotti Rist und Installationen von Félix González-Torres gesehen habe. Der war bekannt dafür, dass Besucher die Ausstellungsstücke, zum Beispiel Bonbons oder Plakate, mitnehmen durften. „Danach hatte ich lange Zeit Plakate mit Meeresansichten von Félix González-Torres im Zimmer hängen.“ Damals war sie zehn.

Heute verbringe sie einen guten Teil ihrer kuratorischen Arbeit damit, Anträge zu schreiben und Fördermittel einzuwerben. Die Dawn-Kasper-Ausstellung beispielsweise sei von der Hessischen Kulturstiftung finanziert. Auch die Bundeskulturstiftung und das Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse seien treue Partner. Zuletzt nahm sie den Preis der Dr.-Marscher-Stiftung in Höhe von 25 000 Euro für eine kuratorische Leistung im Portikus entgegen. Das Geld soll in weitere Ausstellungen fließen.

Dawn Kasper überlegt in der Zwischenzeit, wie sie ihre Skulpturen im Raum verrücken kann. Zwei Skulpturen will sie schaffen, einen Wolf und einen flammenden Kopf, der auf den Ausstellungstitel verweist „The Wolf and The Head on Fire“. Gebaut aus Gips und Kaninchendraht. Vielleicht eignen sich die Teppiche zum Verrücken?

Dann erzählt Dawn Kasper Äsops Fabel vom Wolf und dem Geißlein, auf die sie sich bezieht: Der Wolf will das Geißlein fressen, aber das Geißlein überredet ihn, zuvor auf der Flöte spielen zu dürfen. Das lockt die Hunde an, die den Wolf verjagen. Die Moral sei: „Do not let anything turn you from your purpose“, sagt Dawn Kasper, lass dich durch niemanden von deinem Ziel abbringen.

Alles fließt, aber mit Kontinuität.

Programm

Die Ausstellung „The Wolf and The Head on Fire“ von Dawn Kasper ist in der Ausstellungshalle Portikus, Alte Brücke 2, zu sehen, bis 30. Juni. Der Eintritt ist frei. 

Begleitend zur Ausstellung gibt es ein Performance-Programm mit zahlreichen Künstlern, beginnend am 11. Mai, 21 Uhr, zur Nacht der Museen. Ab 24. Mai sind die Performances jeweils freitags, 19 Uhr, unter anderem mit dem Maler James Krone, dem Filmemacher Jeff Preiss, der Harfinistin Zeena Parkins. 

Die Stadt Frankfurt fördert den Portikus nach eigenen Angaben jährlich mit 300 000 Euro. Zuletzt besuchten jährlich rund 27 000 Menschen die Ausstellungshalle. (fle)

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