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Eine Stadt im Ausnahmezustand

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Von: George Grodensky

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Spieler, Trainer, Funktionäre: Sie kommen, sie gehen. Die Liebe der Fans zur Frankfurter Eintracht währt aber ewig. Peter Jülich (4)
Spieler, Trainer, Funktionäre: Sie kommen, sie gehen. Die Liebe der Fans zur Frankfurter Eintracht währt aber ewig. Peter Jülich (4) © Peter Jülich

Fans der Frankfurter Eintracht feiern bereits mittags vor dem Römer die Ankunft ihrer Europapokalhelden. Der Flieger landet 17.50 Uhr, der Autokorso braucht Stunden für die Fahrt durch die Stadt.

Frankfurt – Schon am frühen Morgen sind sie mit der S-Bahn unterwegs, streben der großen Stadt entgegen. Fußballfans, genauer, Anhängerinnen und Anhänger von Eintracht Frankfurt. Noch sind es nicht viele, tröpfchenweise infiltrieren Menschen in Fußballtrikots die Frankfurter Innenstadt. Aber man kennt das ja: Steter Tropfen wird irgendwann zu einer Welle der Begeisterung.

Die schwappt mittags bereits über. Spätestens ab Hauptbahnhof vereinigen sich die Überbleibsel der Nacht mit frischen Kräften aus der Tagschicht. Die Grenzen sind fließend. Ebenso die Kalt- und Warmgetränke. Wobei Letzteres nicht unbedingt Kaffee meint, zumindest kommt es einem beim Anblick eines jungen Mannes in den Sinn, der ein Dosenbier in der Hosentasche seiner Jeans spazieren trägt.

Eintracht Frankfurt feiert Europapokal-Titel: Gastronomie rund um den Römerberg floriert

Ach ja, Sinn und Unsinn von Fußballbegeisterung. Die Geschäftsleute rund um den Römerberg würden eine Podiumsdiskussion dazu mit einem klaren Unentschieden ohne Elfmeterschießen beenden. Wer Speis und Trank anbietet, ist ganz zufrieden. Etwa beim Wein- und Maimarkt auf dem Liebfrauenberg. Wenn auch eine Dame leicht enttäuscht anmerkt, dass der Ausschank auch gemütlicher hätte sein können. Die Stadt hat für den Festtag aber die Erlaubnis widerrufen, im Sperrbezirk rund um den Römer Tische und Bänke im Freien aufstellen zu dürfen.

Die Kundschaft, so scheint es, kann es verschmerzen. „Die Stimmung ist dermaßen geil, weil die Eintracht seit 42 Jahren das erste Mal wieder in einem internationalen Cupfinale gestanden hat“, erklärt einer am Tresen. „Und es gewonnen hat!“ Den zweiten Satz sagt er sehr laut. „Und es durch Zufall gewonnen hat“, sagt eine andere Dame vom Ausschank mit hessischem Charme, allerdings etwas leiser. Und auch nicht ganz ernst gemeint, versichert sie.

Europapokalsieger Eintracht Frankfurt: Späte Siegesfeier im Römer

Auch sie freue sich über die vielen Gäste, gegen 23.00 Uhr wolle sie dann zusperren. Aus Rücksicht auf die Nachbarn. „Obwohl wir heute kaum ins Gewicht fallen dürften“, sagt sie nachdenklich, als eine Truppe junger Herren mit dem Schlachtruf „Europas beste Mannschaft“ fahnenschwenkend vorbeizieht.

Ob er denn schon zu Hause gewesen sei? Die Frage trifft den Fan unvorbereitet. Seine Antwort: „Ich bin hier zu Hause.“ Wobei offen bleibt, ob die Auskunft auf die Stadt, den Weinstand oder den Zustand der absoluten Begeisterung abzielt.

Den ertragen die Geschäftsleute, die nicht zum Verzehr geeignete Waren anbieten, mit leicht gequältem Lächeln. „Schon etwas genervt“ sei sie von den vielen grölenden Menschen, verrät eine Verkäuferin. Zumal die auch gerne irgendwo herumsitzen und dabei nicht verkaufsförderlich wirken. „Aber solange sie friedlich bleiben, ist es OK.“

Größtenteils sie es. Wobei Fan Yannick sich immerhin dazu hinreißen lässt, dem verhassten Fußballclub aus der Nachbarstadt Offenbach einen hämischen Gruß zu übermitteln: „Den Pokal werdet ihr nie sehen.“ Was definitiv friedlich und lebensfreundlich wirkt: Der Autoverkehr ist weitgehend ausgesperrt. Die Fußgängerinnen und Fußgänger können die Straßen in ihrer ganzen Breite nutzen. Selbst auf der Berliner Straße. Wenn etwas rollt, sind es Fahrräder.

Eintracht Frankfurt: Unzählige Sicherheitskräfte vor Ort

Unzählige Securitymenschen haben die Sperrzone gut im Griff. Wie viele genau im Einsatz sind, kann vor Ort keiner sagen. „Viele“, sagt ein freundlicher Mitarbeiter. Und dass er auf Regen hoffe. Seit 7 Uhr morgens sei er im Einsatz und leide sehr unter der Hitze. Prompt verzieht sich die Sonne hinter Wolken. Drückend heiß ist es dennoch. Viele sind schlau, bringen Getränke mit. Glasflaschen sind aber nicht erlaubt. So staut es sich etwas an der Sicherheitsschleuse. Die Security empfiehlt, auszutrinken oder wegzuwerfen. „Ich kann doch einen Gin nicht wegwerfen“, beschwert sich Fan Christian. Nach kurzem Nachdenken macht er das einzig Plausible: Er schenkt allen Umstehenden Gin mit Limonade aus. Er hat auch erstaunlich viele Plastikbecher dafür dabei.

Dabei reist er mit leichtem Gepäck. Mit Kumpel Marius ist er direkt von Sevilla aus mit dem Flieger zum Römer geeilt. Geschlafen haben die beiden nicht, „48 Stunden lang durchgemacht“. Und ihre Familien hätten ihnen freigegeben, versichern sie treuherzig. „Teuer“ sei der Ausflug gewesen, sagt Christian noch, habe sich aber mehr als gelohnt.

Derweil dröhnt Musik der Rockband Tankard über den Römerberg. In den Lärmpausen meldet sich Sicherheitssprecher Sebastian Müller über die Lautsprecheranlage mit wichtigen Durchsagen „zum heutigen Feiertag“. Um 13.15 Uhr informiert er, dass alle Plätze noch relativ frei seien und alle Schleusen geöffnet. „Trinkt viel Wasser“, empfiehlt er noch. „Es dauert noch, bis die Mannschaft kommt.“

Ob das Geschehen Werbung für die Stadt ist, kann nicht abschließend beurteilt werden. Ein Grüppchen Touristen nimmt erschrocken Reißaus. Erst das Aufeinandertreffen mit diesem „grässlichen Apfelwein“, dann die Fanmeile. Das ist einer der Frauen zu viel. Wobei sie Englisch spricht und das Wort „Cidre“ verwendet. Vielleicht meint sie also gar keinen Frankfurter Ebbelwei. Womöglich ist sie einfach nachtragend.

Gegen 17.30 wird es Fan Sascha und seinem Sohn Jakob zu heiß. Sie verlassen den Römerberg auf der Suche nach einem Eiscafé. Eigentlich wollen sie „die Mannschaft feiern und Respekt zollen“, sagt der Senior. Und ein bisschen wollen sie sich auch selber feiern. Die Energieleistung der Fans hat schließlich die Energieleistung der Mannschaft erst ermöglicht. Die Ankunft zieht sich aber, erst um 17.50 Uhr landet der Eintracht-Flieger. 19.55 Uhr rollt der Autokorso, der die Stars vom Flughafen zum Römer bringt, über die Kennedyallee.

Vorher, so ab 18.30 Uhr, regnet es dann doch. Was am Schauspielhaus und Mainufer ein interessantes Schauspiel erzeugt. Unzählige Fans säumen die Straßen, warten geduldig. Erst stimmen die verschiedenen Straßenseiten einen Wechselgesang an. Dann interagieren die Fans mit dem Unwetter. Es pladdert, die Menge zieht sich in Hauseingänge und unter Dachvorsprünge zurück. Der Regen stoppt, die Menge strömt wieder auf die Gass. Und das im steten Wechsel, wie Brandung in Zeitlupe sieht das aus. Wann der Korso dann eintrifft? Irgendwie scheint das jetzt auch egal zu sein. (George Grodensky)

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