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Auf dem Vordach des Frankfurter Hauptbahnhofs sollen die drei Angeklagten eine Fahne der Identitären Bewegung gehisst haben.

Prozess

Endstation Heimat: Identitäre grölen auf dem Bahnhofsdach - und schweigen vor Gericht

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Drei Identitäre verbreiten per Megaphon Parolen der Güteklasse „Heimat, Freiheit, Tradition, Multikulti Endstation“.

Eines haben die Identitären und die Islamisten gemeinsam: Sie haben die Bärte schön. Nicolas K. (26), Fabian S. (30) und Heinrich M. (22) jedenfalls erscheinen am Dienstag mit prächtigen Hipsterzierden vor dem Amtsgericht, wo sie sich wegen Hausfriedensbruchs verantworten müssen. Im Gegensatz zu den muslimischen Gotteskriegern aber stehen die drei Bionade-Patrioten auf, wenn der Richter den Saal betritt, denn so will es die Tradition, und Tradition wird bei der Identitären Bewegung so groß geschrieben wie Heimat.

Am 8. März 2018 gegen 12.40 Uhr, so die Anklage, verschafften sich das bärtige Trio und ein gesondert verfolgter Vierter im Bunde mit einem zuvor besorgten Schlüssel Zugang zum Vordach des Frankfurter Hauptbahnhofes, getarnt in Westen der „Spenglerei Oswald“. Auf dem Vordach hissten sie ein Banner mit dem griechischen Buchstaben Lambda, den sich die Identitäre Bewegung gerne auf die Fahnen schreibt. Und Heinrich M. unterhielt das mehr oder weniger interessierte Publikum per Megaphon mit Parolen der Güteklasse „Heimat, Freiheit, Tradition, Multikulti Endstation“.

Als auch die Polizei auf das Dach stieg und die Vier bat, doch bitte unverzüglich mit dem Quatsch aufzuhören und sich auszuweisen, zeigten die sich laut Zeugenaussage eines Polizisten „kooperativer als das, was wir gewohnt sind“. Denn auch das Ausweisen wird bei den Identitären groß geschrieben.

Alle drei Identitäre sind geständig, jeder auf seine Weise

„Ich bereue nichts!“, zitiert Heinrich M. auf der Anklagebank die Piaf. „Mir geht es da ähnlich!“, springt Nicolas K. ihm bei. „Ich bereue es durchaus“, sagt Fabian S. und erklärt den Hausfriedensbruch mit seiner damaligen „Sturm-und-Drang-Zeit als Student“. Nach erfolgreichem Studienabschluss sei ihm aber heute klar, dass es auch „andere Möglichkeiten gibt, den Protest auf die Straße zu bringen“. Nicolas K. und Heinrich M. hingegen stecken noch mittenmang im Studium, beide bewohnen ein Zimmer im Verbindungshaus einer Marburger Burschenschaft von außergewöhnlich unappetitlichem Ruf. M.s linke Gesichtspartie ziert ein Schmiss, der sich gewaschen hat.

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Alle drei sind geständig, jeder auf seine Weise. „Ich bekenne mich dazu und haben ansonsten nichts zu sagen“, gibt Heinrich M. den Luther. „Stimmt, ich war auf dem Dach“, gibt Nicolas K. den Karlsson. Und Fabian S., der einzige, der einen Verteidiger dabei hat, präsentiert sich durch diesen als Mann ohne Eigenschaften: „Mein Mandant legt Wert auf die Feststellung, dass er kein Nazi oder sonst irgendetwas ist.“ Von der Identitären Bewegung und sonst irgendetwas hat S. sich nach eigenen Angaben mittlerweile losgesagt.

Angeklagte Identitäre verweigern Antworten 

Die drei Angeklagten machen erfreulich wenig Gedöns um ihre politischen Ansichten, zu denen sie Antworten ebenso verweigern wie die auf Fragen zu ihrem Studium. Der Anwalt von S. hätte gerne eine Einstellung des Verfahrens, sein Mandant plane demnächst ein neues Studium in den USA und fürchte eine Vorstrafe. Einer Einstellung will der Staatsanwalt, der den Fall an diesem Morgen erst spontan von der politischen Abteilung vererbt bekommen hat, nicht zustimmen. Dafür sei der Aktenberg, den unter anderem Generalstaatsanwaltschaft und Verfassungsschutz zusammengetragen hätten, zu imposant. Aber „Sie brauchen keine Angst vor einem Blut-und-Boden-Urteil zu haben“, beruhigt er die Angeklagten.

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Haben die auch nicht: S.s und M.s Führungszeugnis weisen lediglich Eintragungen wegen Hausfriedensbruchs und Beleidigung auf, sie selbst nennen das „politischen Protest vor dem Bundesjustizministerium“, K.s Weste ist offiziell weiß.

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Heinrich M. wird am Ende wegen Hausfriedensbruchs zu 60 Tagessätzen à 15 Euro verurteilt, Fabian S. zu 50 à 40, Nicolas K. zu 40 à zehn. „Das war kein politischer Prozess“, betont der Richter am Ende noch einmal. Die Zeiten, in denen es solche gegeben habe, seien in Deutschland erfreulicherweise vorbei. Des Richters Freude erscheint im Saal nicht ungeteilt.

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