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Er ist es gewohnt, lange zu arbeiten, „weil es mich motiviert, etwas zu bewegen“, sagt Eduard M. Singer.

Porträt

Ideen für einen Wandel der City

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Eduard M. Singer ist als „City Manager“ in Frankfurt mit allerhand Problemen in der Innenstadt betraut. Von den ansässigen Geschäftsleuten fordert er einen „klaren Schulterschluss“.

Am kleinen runden Tisch vor dem „Tachelesz“ am Paulsplatz wie heute, entspannt mit einem Kaffee vor sich, wird man ihn in Zukunft nicht oft finden. Denn Eduard M. Singer hat im Alter von 50 Jahren eine Aufgabe übernommen, die keine geregelte Arbeitszeit kennt. Der gebürtige Franke aus Nürnberg, Sohn eines Schreinermeisters und einer Lehrerin, ist der neue „City-Manager“ der Stadt Frankfurt. Diese Position ist ganz nah beim Oberbürgermeister angesiedelt und kann sehr schnell zum Schleudersitz werden. Denn der Chef eines siebenköpfigen Teams, offiziell Abteilungsleiter im Amt für Kommunikation und Stadtmarketing, soll die Probleme in der Frankfurter Innenstadt angehen. Und das ist ein politisch absolut vermintes Gelände.

Der studierte Tourismus-Betriebswirt aber gibt sich schlitzohrig-clever, wechselt spielerisch in den fränkischen Dialekt und wieder zurück. „Ich bin es gewohnt, länger als acht Stunden zu arbeiten, weil es mich motiviert, etwas zu bewegen.“ Dieser Satz verdichtet eine erstaunliche Karriere, die Singer weit über Frankfurt hinaus bekanntgemacht hat. Zehn Jahre und einen Monat, auf dieses Detail legt er Wert, hat er das Grandhotel „Hessischer Hof“ in der Stadt geführt, das er als „Leuchtturm der deutschen Hotellerie“ qualifiziert. Dort, wo er mit dem Dalai Lama, Mick Jagger und dem belgischen Königspaar zusammentraf, eignete sich der Manager weltläufige Gelassenheit an. Dass der Fünf-Sterne-Plus-Betrieb gegenüber der Frankfurter Messe jetzt als Opfer der Corona-Pandemie schließen soll, erfüllt ihn mit echter Wehmut. Von „Jimmy’s Bar“ im Parterre des Hofs schwärmt er noch immer: „Das war eine Heimat auch für viele Frankfurter, ein Wohnzimmer, generationsübergreifend.“

Singer begann als Lehrling im Maritim-Hotel in Nürnberg, arbeitete beim Catering für die Rennen auf dem Norisring, Formel C, ein Stadtkurs, die Welt der PS-starken Boliden mit entsprechendem Publikum: „Es gab nur Hummer.“ Von dort arbeitete sich der Restaurantkaufmann gezielt nach vorne. „Ich wollte die eigene Karriere vorantreiben“, sagt er knapp, die zweite oder dritte Reihe, das sei nichts für ihn. 1997 kam der ehrgeizige Hotelfachmann nach Frankfurt, setzte sich auch in der Berufsorganisation rasch durch. Zwölf Jahre bis jetzt führte er den Hotel- und Gaststättenverband Frankfurt, der seinen alerten Sprecher schmerzlich vermissen wird.

Viele Geschäfte auf der Zeil schließen - auch Esprit.

Singer kann sich nach außen absolut verbindlich und höflich geben, doch unter dieser Oberfläche schimmert Härte durch. Seine Selbstbeschreibung: „Ich bin gut vernetzt, in der Politik, städtischen Unternehmen und in der Verwaltung, bei den Verbänden und in der Wirtschaftsförderung, ich bin den Menschen vertraut.“ Enger Kontakt besteht zu einem zweiten Franken: zu Thomas Feda, dem Geschäftsführer der städtischen Tourismus und Congress GmbH. Singer besitzt bei der Stadt einen unbefristeten Vertrag. Und er weiß, dass er Zeit brauchen wird. Die Probleme in der Frankfurter Innenstadt sind bekannt; der Strukturwandel im Einzelhandel, das Sterben der inhabergeführten Traditionsgeschäfte, die ungewisse Zukunft der großen Kaufhäuser und die Gefahr weiterer Verödung nach Geschäftsschluss.

Der City-Manager spricht aus, was ihn umtreibt. „Eine Innenstadt wird durch Marken definiert, da hat die Zeil sicher noch Nachholbedarf.“ Er will auch mehr tun für die Sauberkeit in der Innenstadt. Und dann denkt er über die Bettler in der City nach. „Ich finde das störend, wenn ich alle zehn Meter angesprochen werde.“ Doch die Frage, was genau er tun möchte, lässt er unbeantwortet. „Wir müssen Lösungen und Konzepte schaffen, die nachhaltig Einzelhandel und Verkehr, Gastronomie, Urbanität, Verweilflächen, Sicherheit und Sauberkeit einbinden“, sagt er lediglich vage.

Insgesamt arbeiten aus seiner Sicht die Geschäftsleute in der City zu wenig zusammen. „Es braucht einen klaren Schulterschluss.“ Gerade wird hinter den Kulissen mal wieder um die Frage gerungen, ob es eine gemeinsame Weihnachtsbeleuchtung geben wird auf der Zeil. Die Sache ist noch nicht entschieden.

Denn das große, vorherrschende Thema ist gegenwärtig die Corona-Pandemie. Sie trifft die Innenstadt, das geschäftige Herz Frankfurts. Die Passanten-Frequenz auf der Zeil, die anfangs stark eingebrochen war, hat sich wieder erholt. 65 000 Menschen sind am Samstag während der Geschäftszeiten in der Fußgängerzone, normalerweise waren es früher 85 000. Doch die Leute scheuen sich zum Teil immer noch, die Läden zu betreten. „Die Maske ist zwar notwendig, aber sie dämpft die Kauflust.“ Singer könnte sich gut einen Werbefilm vorstellen mit der Aussage: Frankfurt ist sicher. Es geht darum, verlorengegangenes Vertrauen wieder herzustellen. Auf den City-Manager wartet viel Arbeit.

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