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Die Galeristin in ihrem Stammhaus an der Schäfergasse in Frankfurt am Main.

Bärbel Grässlin

Frankfurter Galeristin: „Ich wollte es den alten Säcken zeigen“

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Die Galeristin Bärbel Grässlin behauptet sich seit vier Jahrzehnten im Kunstbetrieb. Ein wirkliches Künstlermilieu vermisst sie in Frankfurt aber.

Ein Refugium der Kunst, verborgen im Herzen der Stadt, nur wenige Hundert Meter von der Zeil entfernt. In einem Hinterhof öffnet sich überraschend ein Kubus aus Beton, Stahl und Glas, reduziert in seinen Formen, ganz den Kunstwerken dienend, die hier zu sehen sind. Der Architekt Klaus Dreissigacker hat 2007 aus der Halle einer alten Glaserei das neue Domizil für eine der renommiertesten Galerien Frankfurts geschaffen. Und Bärbel Grässlin empfängt den Besucher mit Schwarzwälder Herzlichkeit. „Im Kunstbetrieb seit 1979“, wie sie stolz sagt, in Deutschland und darüber hinaus eine wichtige Stimme.

Zu ihrem festen Stamm gehören international bekannte Künstler wie Günther Förg, Martin Kippenberger, Reinhard Mucha, Dan Flavin. Natürlich führt die 64-jährige gleich in die weißgewandete Halle, wo die neuen Arbeiten von Helmut Dorner eine stupende Wirkung entfalten, scheinbar leicht hingeworfene Farben, von denen viel Dynamik ausgeht. Der 66-jährige Maler aus Karlsruhe, ein Schüler Gerhard Richters, ist auch einer, dem sie seit Jahrzehnten treu geblieben ist. Kontinuität: Das ist eines der Geheimnisse ihres Erfolgs.

Temperamentvoll, mit nie versiegendem Redefluss, dabei eine Zigarette nach der anderen rauchend: So gibt die Galeristin Einblick in ihre Welt. Sie in Frankfurt anzutreffen, ist gar nicht so einfach, sie eilt von einer internationalen Kunstmesse zur anderen, ist gerade von der Art Cologne zurückgekehrt, im Juni steht die Art Basel an.

Auch in den Zeiten sozialer Medien, sagt sie, bleibe die Präsenz auf diesen Treffen der Kunstszene noch immer wichtig, „der persönliche Kontakt ist der wichtigste“. Obwohl das Tempo in der Kunstwelt durch das Internet enorm geworden sei: „Die Welt schnurrt zusammen, der Informationsfluss reicht bis in den letzten Winkel.“

Als sie ihre Galerie eröffnete, 1985, „war der Kunstmarkt viel kleiner“, hat sie Angebote „noch auf der Olivetti getippt“. Kunst, das bedeutete damals noch überwiegend „den westlichen Blick“, die USA waren wichtig und Europa. Die Documenta in Kassel sei im Nachkriegsdeutschland das Fenster zur Welt gewesen, nachdem die Nazis es von 1933 bis 1945 so brutal zugenagelt hatten. 

Und heute? Grässlin nimmt einen tiefen Zug aus der Zigarette, nippt am Milchkaffee und gesteht offen: „Ich bin oft überfordert.“ Immer schwerer werde es, sich einen Überblick über die jüngsten Trends der Kunstwelt zu verschaffen. Die Documenta habe enorm an Bedeutung eingebüßt, es stelle sich die Frage, was die Rolle dieser großen Schau in Zukunft noch sein könne. Die Galeristin begrüßt durchaus, dass ein Team junger Künstler aus Indonesien die nächste Documenta kuratiert, sie weiß aber sehr wohl: „Über die wirkliche soziale Lage in Indonesien wissen wir in Frankfurt nichts.“

Frankfurter Galeristin Bärbel Grässlin: Der Kunstmarkt entwickelt sich extrem

Zugleich muss sie mit einem Kunstmarkt fertig werden, der sich extrem entwickelt. „Er hat sich in zwei Lager geteilt.“ Da sind die extrem gehypten Künstler, die „Blue Chips“, wie Grässlin sie nennt, wie blaue Jetons im Casino: „Blue Chip explodiert in extremem Maße“. Diese Künstler seien für Sammler „zum Statussymbol geworden“

Ein geradezu schlitzohriges Lächeln: „Es gibt so Wahnsinnige, die so besessen sind, die bauen sich extra ein Haus für ein Kunstwerk!“ Pause. Dann das Eingeständnis: „Da hab ich mehrere.“ Eine der überdimensionalen Skulpturen des US-Künstlers Jeff Koons zu besitzen, „das ist wie ein Maserati vor der Bude.“ Doch jenseits der „Blue Chips“ bleibe es mühsam, Künstler zu entwickeln und Kunst zu verkaufen. „Man braucht Mut, langen Atem und Sachkenntnis.“ Man müsse „atypisch kaufen“, die Arbeiten eines Künstlers also in einem frühen Stadium erwerben. Das tat sie a bei dem Maler und Bildhauer Günther Förg, dessen Renommee bis zu seinem frühen Tod 2013 unglaublich wuchs. „Da habe ich einen guten Riecher gehabt.“

Bärbel Grässlin stammt aus einer berühmten Sammerfamilie. Ihre Eltern Dieter und Anna Grässlin aus St. Georgen im Schwarzwald trugen eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst zusammen. Auch ihre Kinder begannen zu sammeln – Bärbel hat zwei Schwestern und einen Bruder. Durch ihren Vater lernte sie zahlreiche Künstler kennen, noch heute nennt sie diese Begegnungen „total faszinierend“. Doch die Tochter wollte mehr. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen, wollte sich in einem Kunstbetrieb behaupten, der von älteren Männern geprägt war.

Sie lacht grimmig in der Erinnerung. „Ich wollte es den alten Säcken zeigen – das hat mich angetrieben!“ Nach dem Tod des Vaters gründete sie ihre eigene Galerie, stürzte sich dadurch auch in ein wirtschaftliches Abenteuer. Angst? „Ich hatte keine Angst“, sagt sie heute: „Wenn es schiefgegangen wäre, hätte ich etwas anderes gemacht, zum Beispiel eine Kneipe.“ Zehn Jahre lang balancierte sie mit ihrem Unternehmen auf Messers Schneide, „das Kämpferische habe ich von meinem Vater geerbt.

Mehrfach musste die Mutter ihr unter die Arme greifen. „Es war ein steiniger Weg am Anfang.“ Wieder das trotzige Lachen. „Die Nerven hätte ich heute nimmer mehr.“ Doch Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte sie sich durchgesetzt mit ihrer Galerie.

Es folgten aber immer wieder Rückschläge. Als 2001 die Terrorakte von New York und Washington die USA trafen, wirkte sich das auch auf den Kunstmarkt aus: „Bei der Messe in Basel war niemand mehr da“, erinnert sie sich. Und sieben Jahre später dann die Wirtschaftskrise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. 

Grässlin hat all diese Einbrüche überstanden. Und sie ist Frankfurt am Main dabei stets treu geblieben. Eine große Rolle habe das Wirken des früheren Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) gespielt: „Was der angeleiert hat, trug extrem Früchte.“

Frankfurter Galeristin Bärbel Grässlin: Für Künstler sind die Mieten zu hoch

Da nennt sie vor allem das Museum für Moderne Kunst (MMK) und die Erweiterung des Städels. Zugleich habe sich der Ruf der Städelschule in der Ausbildung junger Künstlerinnen und Künstler stark verbessert: „Das haben wir Kasper König zu verdanken“, dem Direktor der Städelschule in den 80er Jahren und Gründer der Kunsthalle Portikus.

Wir sitzen inmitten einer kleinen Wolke aus Zigarettenrauch, draußen wirft die Nachmittagssonne im Hof immer längere Schatten. Wie ist der Ruf der Kunststadt Frankfurt heute? Die gebürtige Schwäbin verzieht schmerzlich das Gesicht. „Mich wundert, dass die Galerie-Szene so schwach ist“, sagt sie dann entschlossen. Und nennt auch gleich einen Grund dafür: „Die guten Künstler wandern ab, weil die Mieten hier so hoch sind.“

Nein, sie nimmt kein Blatt vor den Mund. „Nischen sind in Frankfurt schwierig, ein wirkliches Künstlermilieu entwickelt sich heute in Köln, Düsseldorf und Berlin, aber nicht in Frankfurt.“ An diesem Urteil ändere auch nichts etwa die Existenz des von der Stadt geförderten Atelierhauses im Ostend. „Das ist ehrenhaft, aber nichts für gestandene Leute.“ 

Grässlin schaut nachdenklich auf den Hinterhof hinaus. Sie denkt zurück an die Zeit nach der Wende, als es viele aus der Kunstszene nach Berlin zog. „Berlin war nie meine Stadt – mit den Berliner Neuen Wilden hatte ich nichts am Hut.“ Nein, sie steuert in Frankfurt gegen den Trend. Unweit ihres Haupthauses an der Schäfergasse hat sie im Gebäude Stiftstraße 14 die „Filiale“ eröffnet, die der jungen Kunst gewidmet ist.

In diesem Jahr noch wird sie ihren 65. Geburtstag feiern. Ruhestand? Noch kein Thema für sie. Wieder ein nachdenklicher Blick. „Ein paar Jahre noch, dann muss die junge Generation übernehmen.“

Der erfolgreichen Unternehmerin ist wohl bewusst, auf was sie verzichtet hat in ihrem Leben. Zum Beispiel auf Kinder. „Kinder – das hat sich nicht so ergeben“, sagt sie schlicht und knapp. Punkt.

Bärbel Grässlin hat sich ihr Leben lang durchkämpfen müssen. „Ich war Ende 20, als ich mich selbständig gemacht habe und ich musste meine Welt gegen eine Welt von Männern behaupten“.

Aber es gab nicht nur die Zweifel der männlichen Konkurrenz. „Ich wurde auch von Feministinnen angefeindet: „Warum stellst Du so wenig Künstlerinnen aus?“, hätten die gefragt. Sie habe in ihrer Galerie tatsächlich „nie aufs Geschlecht geschaut“, sondern auf die Qualität.

Das ist wieder so einer von diesen Sätzen, mit denen sie sich Ärger einhandeln wird. Aber Grässlin wäre nicht sie selbst, hätte sie nicht auch ihre Freude an der Provokation.

Zur Person

Bärbel Grässlin (64) ist die Tochter der berühmten deutschen Kunstsammler Dieter und Anna Grässlin aus Sankt Georgen im Schwarzwald. Auch ihre Geschwister Thomas, Sabine und Karola sammeln zeitgenössische Kunst.

1985 gründete sie in Frankfurt am Main ihre eigene Galerie, deren Stammhaus seit 2007 im Haus Schäfergasse 46b untergebracht ist.

In der Galerie „Filiale“, Stiftstraße 14, zeigt sie junge Kunst.

Grässlin ist auf den Kunstmessen Madrid, Basel, Miami Beach, Hongkong, Köln und Paris vertreten.

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