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Frankfurt: „Ich will so lange und so gut wie möglich leben“

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Von: Hanning Voigts

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Rosa Sztabelski (links) und Blanka Zmigrod 1959 in Tel Aviv. Privat
Rosa Sztabelski (links) und Blanka Zmigrod 1959 in Tel Aviv. © Privat

Vor 30 Jahren wurde die Auschwitz-Überlebende Blanka Zmigrod in Frankfurt ermordet. Zu einer Gedenk-Kundgebung kommt auch ihre enge Verwandte Renée Salzman aus Israel.

Frankfurt – Die Reise ist geplant, das Ticket ist gebucht, Mitte Februar soll es losgehen. Vom israelischen Ra’anana aus wird Renée Sztabelski-Salzman nach Tel Aviv fahren, dann geht es mit dem Flugzeug nach Frankfurt. Das Ziel der Reise: Die Kreuzung des Kettenhofwegs mit der Straße Niedenau im Frankfurter Westend. „Ich will nur hoffen, dass alles klappt, dass wir kommen können und das dann auch stattfindet“, sagt die 68-Jährige. Im Moment denke sie aber, dass die Corona-Pandemie ihr keinen Strich mehr durch die Rechnung mache.

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fr.de/zmigrod

Renée Salzman, die ihren Doppelnamen im Alltag eigentlich nie führt, kennt Frankfurt gut. Sie ist in Wiesbaden und Hanau aufgewachsen. Doch dieser Besuch ist etwas Besonderes. Die Unternehmerin kommt aus Israel, wo sie heute mit ihrem Mann lebt, nach Frankfurt, weil am Abend des 23. Februar im Westend eine Gedenktafel für ihre Tante, eine Cousine ihrer Mutter, enthüllt werden soll. Die Frau, die im Leben von Renée Salzman eine wichtige Rolle gespielt hat, war vor 30 Jahren, am 23. Februar 1992, im Kettenhofweg erschossen worden. Ihr Name: Blanka Zmigrod.

Ermordet von einem schwedischen Neonazi

Diesen Namen haben viele Menschen in Frankfurt schon gehört. Zumindest grob kennen sie das Schicksal der am 22. Januar 1924 im polnischen Chorzów geborenen Zmigrod, die im Zweiten Weltkrieg mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, dann nach Israel emigriert und in den 60er-Jahren nach Frankfurt gekommen war. Dort hatte Zmigrod als Garderobenfrau des Restaurants Mövenpick am Opernplatz gearbeitet, als sie im Alter von 68 Jahren ermordet wurde. Der Fall hatte die Stadt lange umgetrieben, weil die Tat viele Jahre nicht aufgeklärt werden konnte.

Erst 2018 wurde der Schwede John Ausonius für den Mord an Zmigrod zu lebenslanger Haft verurteilt. Weil der Neonazi in seiner Heimat als „Lasermann“ berüchtigt war – er hatte elf rassistische Anschläge mit einem Gewehr mit Laserzielgerät verübt und einen Menschen ermordet –, stieß der Prozess auf großes mediales Interesse. Doch auch nach dem Urteil waren sich nicht alle Beobachter:innen einig, ob Ausonius gewusst hatte, dass sein Opfer Jüdin war, und der Fall somit eine antisemitische Dimension hatte. Ausonius hatte zugegeben, mit der Garderobenfrau einen Streit wegen eines angeblich gestohlenen Taschencomputers gehabt zu haben, die Tat aber abgestritten.

Erstes öffentliches Gedenken nach fast 30 Jahren

Über das Leben von Blanka Zmigrod, darüber, was für ein Mensch sie war, weiß die Frankfurter Öffentlichkeit so gut wie nichts. Dass sich das nun, 30 Jahre nach ihrem Tod, ändern könnte, hat nicht nur mit Renée Salzman zu tun, sondern auch mit Ruben Gerczikow. Der jüdische Publizist und Aktivist aus Frankfurt war bei seinen Recherchen über rechten Terrorismus auf Blanka Zmigrod gestoßen und hatte zu ihrem 29. Todestag eine Gedenkkundgebung für sie am Tatort organisiert. Gerczikow gab auch den Anstoß dazu, mit einer Plakette an Zmigrod zu erinnern – unweit von ihrer letzten Wohnung im Kettenhofweg 57.

Gedenk-Kundgebung

Die Kundgebung zum Gedenken an Blanka Zmigrod ist für den 30. Jahrestag des Mordes am Tatort geplant. Am Mittwoch, 23. Februar, beginnt sie um 18 Uhr an der Kreuzung des Kettenhofwegs zur Straße Niedenau. Organisiert wird sie wie im vergangenen Jahr vom Frankfurter Aktivisten und Publizisten Ruben Gerczikow.

Bei der Veranstaltung soll auch die offizielle Plakette zur Erinnerung an Blanka Zmigrod enthüllt werden. Außerdem sind mehrere Redebeiträge geplant. An der ersten Kundgebung im vergangenen Jahr hatten sich rund 100 Menschen beteiligt.

Medienberichte über die Gedenkaktion für Blanka Zmigrod erreichten auch Renée Salzman in Israel, die daraufhin Kontakt zu Gerczikow aufnahm. Und so entstand im Frühjahr vergangenen Jahres auch ein enger Kontakt zur Frankfurter Rundschau. In langen, ebenso bewegenden wie lustigen Telefonaten erzählte Salzman lebhaft von ihren Erinnerungen an Blanka Zmigrod und davon, was ihr im Leben wichtig gewesen war.

Eine durch den Holocaust zerrissene Familiengeschichte

Renée Salzman kann die verwickelte, durch den Holocaust zerrissene Geschichte ihrer Familie gut rekonstruieren. Geburtsdaten, Namen, Verwandtschaftsgrade, das alles hat sie im Kopf – oder sie stützt sich auf Fotos und Dokumente. Ihre Mutter Rosa Sztabelski war eine geborene Zmigrod, Rosas und Blankas Väter waren Brüder. Ob die Cousinen als Kinder engen Kontakt hatten, vermag Salzman nicht zu sagen, aber sie wohnten nur etwa 20 Kilometer voneinander entfernt. Während die fünf Jahre jüngere Rosa in Bedzin aufwuchs und in eine polnische Schule ging, besuchte Blanka in Chorzów eine deutschsprachige Schule, denn Deutsch war ihre Muttersprache.

Renée Salzman heute. Foto: Privat
Renée Salzman heute. © Privat

Blanka Zmigrod war für die 1953 in Breslau geborene Salzman schon deshalb etwas Besonderes, weil sie abgesehen von ihren Eltern, die den Holocaust überlebt hatten, und einer Cousine ihres Vaters ihre einzige Verwandte war. „Blanka war für mich immer meine Tante“, sagt sie. Der Großteil ihrer Familie wurde von den Deutschen ermordet. Allein ihr Großvater mütterlicherseits kam beispielsweise aus einer Familie mit 13 Kindern, ihr Vater, Adam Sztabelski, hatte vier Schwestern, die zusammen mit ihren Kindern und Männern ermordet wurden. Salzman schätzt, dass 150 ihrer Verwandten vernichtet wurden.

Ein Leben in Polen, Deutschland und Israel

Die erste Station im Leben von Renée Salzman, in der Blanka Zmigrod eine wichtige Rolle spielte, war Israel. Ihre Eltern Adam und Rosa Sztabelski waren mit ihr und ihrem 1947 geborenen Bruder Leon 1956 dorthin gezogen. Zu der Zeit hatten die Eltern seit den Kriegswirren schon mehrere Stationen in Polen und Deutschland hinter sich, auch in mehreren Transitlagern. Weil ihr Vater, „ein Stadtmensch“, wie Salzman sagt, sich im zugewiesenen Wohnort Tiberias am See Genezareth nicht wohl fühlte, zog die Familie nach kurzer Zeit nach Tel Aviv und lebte für einige Monate bei Blanka Zmigrod und ihrem Lebensgefährten in ihrer Wohnung in der Nordau-Straße.

Blanka Zmigrod, die mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, darunter Flossenbürg und Auschwitz, hatte nach dem Krieg Alija gemacht, war also als Jüdin nach Israel eingewandert und hatte die israelische Staatsbürgerschaft erworben. Sie arbeitete in Tel Aviv als Kellnerin und hatte in Israel Sascha Feldman kennengelernt. Obwohl sie ihren Lebensgefährten niemals geheiratet habe, sei er die Liebe ihres Lebens gewesen, sagt Salzman. Bis zu Feldmans Tod im Jahr 1985 hätten die beiden harmonisch zusammengelebt und seien auch beruflich ein gutes Team gewesen: „Sie hat ihn abgöttisch geliebt.“

Der Vater stirbt bei einem tragischen Autounfall

Renée Salzman besitzt noch Fotos aus dieser Zeit. Sie zeigen eine selbstbewusste Blanka Zmigrod mit Sonnenbrille und Badeanzug an der Strandpromenade von Tel Aviv. Ihre Tante sei eine elegante Erscheinung gewesen, erinnert sich Salzman. Sie habe sich modebewusst gekleidet, stets Lippenstift getragen, gern getanzt und auch im Alter, durchaus eitel, auf einen „noblen Gang“ geachtet. Als Mädchen habe ihre Tante ihr gesagt, sie solle ein Buch auf den Kopf legen und so gerade gehen, dass es nicht herunterfalle. „Das habe ich noch bis heute drin“, sagt sie und lacht.

Renée Salzman mit Blanka Zmigrod. Privat
Renée Salzman mit Blanka Zmigrod. © Privat

Doch während Blanka das Leben in Tel Aviv geliebt habe, habe ihr Vater Adam sich dort schwer getan, erinnert sich Salzman. Im Herbst 1959 ging die Familie deshalb nach Deutschland, nach Hanau, wo Adam Sztabelski ein Restaurant eröffnete. Im Mai 1960 passiert dann das Schreckliche: Bei einem Autounfall werden Rosa und Leon schwer verletzt und Adam Sztabelski stirbt im Alter von nur 36 Jahren. In dieser Zeit sei auch ihre Tante Blanka mit Sascha Feldman nach Deutschland gekommen, erinnert sich Salzman. Ob der Unfall der Anlass war, weiß sie nicht mehr, in jedem Fall seien Blanka Zmigrod und Sascha Feldman ab 1960 im Rhein-Main-Gebiet geblieben. Von Frankfurt aus hätten sie dort und in Hanau, später auch in Speyer, nach und nach ein Netzwerk aus Imbissen, Restaurants und Hotels aufgebaut.

„Sie liebte es zu lachen“

Zeitweise, ab 1963, zieht Renée Salzman mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Leon sogar zu Blanka nach Karlsruhe, wo diese gerade ein neues Lokal eröffnet. Nach dem frühen Tod ihres Vaters, sei Blanka extrem wichtig für sie gewesen, sagt Salzman: „Es war ein sehr enges Verhältnis.“ In Karlsruhe habe Blanka ihr morgens immer ein Schulbrot geschmiert und einen Apfel hingelegt. Generell sei ihre Tante ein hilfsbereiter, fröhlicher Mensch gewesen, sagt Salzman. „Sie liebte es zu lachen und war sehr großzügig.“ Beim ersten Treffen habe sie vielleicht ein wenig kühl wirken können, „aber sie war unheimlich warm“.

Ihre jüdische Herkunft sei Blanka Zmigrod wichtig gewesen, ohne dass sie dabei ernsthaft religiös gewesen sei. Sie habe einen Davidstern an einer Kette getragen, die jüdischen Feiertage gefeiert und traditionelle Gerichte gekocht, in die Synagoge sei sie aber nur an hohen Feiertagen gegangen.

Die Häftlingsnummer war in den Arm tätowiert

Über das, was sie in den Konzentrationslagern erlitten hatte, berichtet Salzman, habe sie mit ihrer Tante nur einmal gesprochen, 1969 für ein Schulreferat. Heute erinnert sie sich nicht mehr, was Blanka Zmigrod ihr berichtete. Aber sie hat noch die tätowierte Häftlingsnummer auf ihrem Unterarm vor Augen und weiß noch, dass sie Blanka Anfang der 90er-Jahre noch einmal auf Auschwitz ansprach. „Aber da war sie schon wieder verschlossen“, sagt Salzman. Sie habe nur gesagt: „Es ist unbeschreiblich, wie es war. Meine Genugtuung für das, was die Nazis mir angetan haben, ist, zu überleben und so gut und so lange wie möglich zu leben.“ Wenn Blanka Zmigrod den jüdischen Friedhof in Frankfurt besucht habe, habe sie sich stets vor dem Mahnmal für die im Holocaust Ermordeten verneigt.

Das Leben von Renée Salzman hat noch so manche Wendung genommen. Mitte der 60er-Jahre zieht sie nach Wiesbaden, weil ihre Mutter zum zweiten Mal heiratet. Als Erwachsene lebt sie mehr als 20 Jahre in Brüssel. Doch ihre Tante Blanka bleibt eine Konstante in ihrem Leben. Als ihre Mutter Rosa 1989 in Wiesbaden stirbt, kommt Blanka Zmigrod aus Frankfurt ins Krankenhaus und sitzt mit Renée Salzman am Sterbebett. Danach hätten sie und ihr Mann die Tradition, jeden Monat ihre Mutter zu besuchen, mit Blanka in Frankfurt fortgeführt, erzählt Salzman. „Wir haben unsere Beziehung in dieser Zeit sehr gestärkt“, sagt sie. „Die engste Freundin von Blanka hat mir mal berichtet, dass sie vor den Besuchen gesagt hat: Die Kinder kommen.“

Alte Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof

Das Leben von Blanka Zmigrod war Salzman zufolge in den letzten Jahren nicht besonders glücklich. Im Jahr 1985 verlor sie ihren Partner Sascha Feldman, zuvor seien beide aber mit Immobiliengeschäften gescheitert und hätten den Großteil ihres erarbeiteten Wohlstands verloren. Zuletzt habe sie alleine im Kettenhofweg von einer kleinen Rente gelebt – und diese als Garderobenfrau aufgebessert. Blanka Zmigrod habe den Holocaust überlebt und ihr ganzes Leben hart gearbeitet, so Salzman. „Und dann alles zu verlieren und ermordet zu werden, das ist ein schreckliches Schicksal.“

Wenn Renée Salzman Mitte Februar nach Frankfurt kommt, wird sie nicht nur an der Kundgebung in Erinnerung an ihre Tante teilnehmen und einige Tage lang alte Bekannte treffen. Sie wird auch die Gräber ihrer Eltern, ihrer Tante und deren Lebensgefährten auf dem jüdischen Friedhof besuchen. Auf den Grabsteinen stehen die Namen Rosa und Adam Sztabelski, Sascha Feldman und Blanka Zmigrod. (Hanning Voigts)

Nach Blanka Zmigrods Nichte Renée Salzman hat auch ihr Neffe Leon Sztabelski mit der FR über seine Erinnerungen gesprochen.

Wer weiß mehr?

Die Frankfurter Rundschau ist weiter auf der Suche nach Menschen, die Blanka Zmigrod gekannt haben und etwas von ihr berichten können – Kolleg:innen, Nachbar:innen, Bekannte. Melden können Sie sich bei FR-Redakteur Hanning Voigts unter hanning.voigts@fr.de

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