Frankfurt

Frankfurt: „Ich stelle mir Wohnen vor am Willy-Brandt-Platz“

CDU-Kreisvorsitzender Jan Schneider zu Standortvarianten der Städtischen Bühnen und einem Neubau am Osthafen

Herr Schneider, beim FR-Stadtgespräch zur Zukunft der Städtischen Bühnen im Februar 2020 hatten Sie die Hoffnung geäußert, die Römer-Koalition könne sich noch in diesem Jahr auf einen Standort für den Neubau verständigen. Hoffen Sie das immer noch?

Die Frage nach einem Standort kann leider noch nicht beantwortet werden. Solange die Stabsstelle Städtische Bühnen keine belastbaren Zahlen vorgelegt hat zu einem Neubau beider Sparten an einem neuen Standort, können wir nicht entscheiden. Wir brauchen Angaben über die Kosten und die anderen Rahmenbedingungen dieser Variante.

Kulturdezernentin Ina Hartwig hat ja mittlerweile das von ihr bevorzugte Modell einer Kulturmeile vorgelegt. Das würde einen Neubau der Oper auf dem Grundstück Neue Mainzer Straße 47-51 bedeuten, auf dem heute die Frankfurter Sparkasse steht, und einen Neubau des Schauspiels am Ostrand des Willy-Brandt-Platzes. Was halten Sie davon?

Die Computersimulationen, die Frau Hartwig gezeigt hat, waren leider von einem gewissen Weichzeichner geprägt. Denn es ist darauf leider nicht zu erkennen, dass die Oper an der stark befahrenen Neuen Mainzer Straße steht. Das Umfeld hat bisher kaum Aufenthaltsqualität, und ersatzlos für den Verkehr sperren kann man diese für den Individualverkehr wichtige Nord-Süd-Achse nicht. Wir brauchen diese Straßenverbindung nicht zuletzt für den Wirtschaftsverkehr. Und die Wegnahme von zwei Fahrspuren macht aus der Neuen Mainzer Straße noch keinen Boulevard. Sie bleibt eine zugige, windige Ecke, die die meiste Zeit des Tages im Schatten liegt. Wir sollten die Frage nach dem Standort für die Bühnen nicht mit einer Debatte über Verkehrsberuhigung verbinden. Außerdem halte ich es nach wie vor für falsch, die Sparten der Bühnen zu trennen.

Sie halten also weiter am Bau der Bühnen insgesamt im Osthafen auf dem städtischen Grundstück Mayfarthstraße 14 fest, das heute an Raab-Karcher verpachtet ist?

Ich glaube, dass ein Neubau der Bühnen unter einem Dach viele positive Effekte hat. Es bieten sich viele Synergien, weit mehr als nur finanzielle. Es ist ein großer Vorteil, wenn man nicht jedes Bühnenbild und jeden Schuh aus der Requisite durch die halbe Stadt transportieren muss. Auch bei den Städtischen Bühnen selbst besteht ein großes Interesse daran, unter einem Dach zu bleiben, um besser zusammenarbeiten zu können.

Aber die öffentliche Verkehrsanbindung des Grundstücks im Osthafen ist schlecht.

Da widerspreche ich. Es gibt die U-Bahn-Station Ostbahnhof, wir bekommen die nordmainische S-Bahn und die wichtige Straßenbahnlinie 11 liegt nur einen Steinwurf entfernt.

Aber Raab-Karcher besitzt noch bis in die 30er Jahre Zugriff auf das Gelände.

Pachtverträge können im Einvernehmen auch vorzeitig beendet werden. Was die Stadt dafür zahlen müsste, wäre ein Bruchteil der bis zu 120 Millionen Euro, die als Wert des Baugrundstückes der Oper an der Neuen Mainzer Straße anzusetzen wären. Glauben Sie im Ernst, die Frankfurter Sparkasse würde sich das nicht bezahlen lassen?

Die SPD erweckt den Eindruck, als könne es einfach zu einem kostenlosen Tausch mit dem Recht der Sparkasse kommen, dort ein 200 Meter hohes Bürohochhaus zu bauen.

An einen Tausch zu glauben, ist völlig blauäugig. Das ist doch kein solides Geschäftsgebaren. Ich versichere Ihnen: Dieses Grundstück ist nicht kostenlos zu haben! Wir würden doch auch unabhängig von der Oper bei der Zustimmung zu einem Hochhaus dem Bauherren Auflagen machen - wie den Bau von Wohnungen und anderes mehr, was wiederum einen hohen Gegenwert für die Stadt hat.

Zur Person

Jan Schneider (39) gehörte von 2012 bis 2013 der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag an. 2013 wurde der CDU-Politiker in der Stadt Frankfurt Dezernent für Reformprojekte. Seit 2016 ist er Dezernent für Bau und Immobilien, Reformprojekte, Bürgerservice und IT. jg

Wir bauen doch keine Oper inmitten eines Industriegebietes. Die Bühnen entstehen an der Schnittstelle zwischen einem Wohngebiet und gewerblicher, zum Teil industrieller Nutzung. Das ist geradezu ideal. In der Nähe gibt es Hotels, Wohnungen und ein Kongresszentrum auf dem Honsell-Dreieck, zu dem sich die Städtischen Bühnen orientieren würden. Heute sind Oper und Schauspiel am Willy-Brandt-Platz sehr vom Verkehr umtost.

Es gibt noch andere Varianten. Eine wäre die Spiegel-Lösung, bei der das Schauspiel gegenüber von der Oper gebaut werden würde, wo heute das Euro-Zeichen steht.

Diese Lösung überzeugt mich nicht. Das Grundstück müsste komplett überbaut werden. Die Anmutung der grünen Wallanlagen würde sehr leiden.

Eine andere Variante wäre, das Schauspiel gegenüber von der Alten Oper am Opernplatz zu bauen.

Auch hier wäre der Eingriff in die Grünanlagen massiv. Außerdem würden Wahrnehmbarkeit und Wirkung der Alten Oper stark eingeschränkt.

Hat der Oberbürgermeister recht, wenn er sagt, angesichts der gegenwärtigen Corona-Pandemie müsse der Neubau verschoben werden?

Nein. Wir müssen jetzt die Weichen stellen und die Grundlagen schaffen, damit es in vier oder fünf Jahren den ersten Baggerbiss geben kann. Über 1000 Beschäftigte der Bühnen brauchen eine Perspektive. Und auch Zigtausende Bühnen-Besucher erwarten eine Entscheidung.

Durch die Corona-Pandemie wird sich die Stadt im Herbst zu Sparschritten gezwungen sehen. Lassen sich 900 Millionen Euro für den Neubau der Bühnen in den nächsten Jahren gegenüber den Menschen überhaupt verantworten?

Ich bin überzeugt davon, dass sich die Bühnen am Osthafen zu einem niedrigeren Preis realisieren lassen. Ich gehe derzeit davon aus, dass wir die Grenze von 800 Millionen Euro unterschreiten. Wir werden die Bauzeit reduzieren können. Und wir brauchen keine Interims-Spielstätten, weil Oper und Schauspiel bis zum Umzug genutzt werden können. Wir haben also viele Vorteile.

Was geschieht dann mit dem Filet-Grundstück am Willy-Brandt-Platz? SPD und Grüne sagen, sie öffnen die Tür für private Spekulanten.

Das ist Unsinn. Die Stadt würde das Bühnen-Grundstück nicht verkaufen, sondern allenfalls ein Erbbaurecht vergeben. Wir behalten also die Kontrolle. Ich stelle mir Wohnen vor am Willy-Brandt-Platz, verbunden mit einer kulturellen Nutzung. Auch ein städtisches Ämterzentrum wäre möglich, oder es könnten Bildungseinrichtungen entstehen. Ich wünsche mir eine breite Diskussion. Es darf kein Denkverbot geben.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare