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Nachbarschaftshilfe in Corona-Zeiten: Kerry Reddington bringt einer älteren Dame in seiner Nachbarschaft Einkäufe.

Engagement

Frankfurt: Humanität zeigen in Zeiten des Corona-Virus

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Kerry Reddington hilft Menschen in seiner Nachbarschaft in Frankfurt, die zur Risikogruppe zählen.

Mit zwei Einkaufstüten in den Händen läuft Kerry Reddington die Blumenstraße im Frankfurter Nordend entlang. „Na, geht es euch gut?“, ruft er aus mehreren Metern Entfernung. Reddington ist an diesem sonnigen Nachmittag nicht zu übersehen. Er trägt eine auffallend orange Weste. Er kommt gerade vom Einkauf, den er für eine Seniorin aus der Nachbarschaft erledigt hat. Frisches Brot, Bananen, Orangen und Gurken. „Sie wollte eigentlich keine Bananen, aber die sind gesund, deswegen habe ich einfach ein paar eingepackt“, sagt er, während er blinzelnd in die Sonne schaut.

Für Kerry Reddington zählt in diesen Tagen, Wochen, Monaten nur eines: „Humanität zeigen“. Er verteilte Handzettel in seiner umliegenden Nachbarschaft und will Menschen, die zur Risikogruppe zählen und sich deswegen in häusliche Quarantäne begeben haben, beim Einkaufen und anderen alltäglichen Erledigungen unterstützen. „Wir müssen jetzt zusammenstehen. Die Kleinigkeiten im Alltag reichen schon aus. Ich will einfach zeigen, dass ich hier bin und helfen kann“, sagt er.

Engagement zeigen ist für ihn schließlich kein Fremdwort, denn Reddington sitzt im Vorstand der Kommunalen Ausländervertretung. Nachbarschaftsinitiativen schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Vor allem Menschen, die zur Risikogruppe zählen, brauchen nun Hilfe. So wie Reddingtons 81-jährige Nachbarin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Freude über Solidarität

Sie öffnet die Tür und lächelt, als Reddington mit den beiden Einkaufstüten vor ihr steht. Die beiden kennen sich seit zwölf Jahren. Als sie in ihrem Briefkasten den Handzettel fand, habe sie ihn direkt angerufen. „Es ist schön zu sehen, dass so viele Menschen mit uns Alten Solidarität zeigen“, sagt sie. Denn so habe sie die Möglichkeit, einfach mehr im Haus zu bleiben, statt sich draußen ins Risiko zu stürzen.

Die 81-Jährige freut sich über die Gesellschaft in ihrer kleinen Erdgeschosswohnung. Sie ist leger gekleidet und trägt ein rotes Tuch um den Hals. „Der Herr Reddington“, wie sie sagt, „kennt sich auch gut mit dem Computer aus.“ Sie habe nun die Möglichkeit, an Videosprechstunden mit ihrem Therapeuten und weiteren älteren Menschen teilzunehmen. Sie kenne sich aber nicht mit der Technik aus. Daraufhin zückt Reddington sein Smartphone und ruft einen Mitarbeiter an, der wenige Minuten später in der Wohnung steht und sich darum kümmert.

Smartphone klingelt ständig

Reddingtons Smartphone spielt momentan eine große Rolle. Es klingelt quasi im Minutentakt, ständig will jemand etwas von ihm. Seitdem Reddingtons Firma stillsteht, steckt er seine Energie in sein Engagement. „Ich kann kaum schlafen, weil ich Tag und Nacht an meine Firma und meine Mitarbeiter denke. Und an meine Mitmenschen“, sagt er.

Der in Kalifornien geborene US-Amerikaner lebt seit 1989 in Deutschland und ist Geschäftsführer eines international tätigen Messedienstes. „Viele Menschen verstehen noch immer nicht die Situation, in der wir stecken. Die Leute müssen aufwachen, denn es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen.“ Dass seine Gedanken quasi rund um die Uhr um seine Firma und Mitmenschen kreisen, scheint Spuren an ihm zu hinterlassen. Reddington wirkt, als hätte er einen Liter Kaffee getrunken.

Seine Nachbarin, eine gebürtige Magdeburgerin, wohnt seit 1970 im Frankfurter Nordend. Für sie ist die Hilfe ihres Nachbarn wichtig. Er komme auch so ab und zu vorbei, um zu sehen. wie es ihr geht, damit sie nicht alleine ist. Denn ihr Ehemann sei schon vor einigen Jahren gestorben, und „mein Sohn lebt in Düsseldorf“. Andere Menschen in ihrem Alter, die sie kenne, bekämen ab und zu Besuch von ihren Kindern, die ihnen Einkäufe vorbeibrächten. Sie hat dafür Kerry Reddington.

Schließlich dürfe sie das Haus wegen der Ansteckungsgefahr nicht verlassen. Immerhin aber hat die Seniorin eine kleine Terrasse. „Da kann ich mich schön in die Sonne setzen“, sagt sie. Dann hält sie kurz inne und sagt: „Die Epidemie fängt jetzt erst richtig an.“

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