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Stefan Majer (Grüne) ist seit 2016 Gesundheitsdezernent. Von 1989 bis 1996 war er bei der Aids-Hilfe und leitete den ambulanten Pflegedienst. 

Interview

„In Frankfurt hat ein humanitärer Ansatz Tradition“

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Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) sagt, warum niedrigschwellige Drogenberatung so wichtig ist.

Herr Majer, Drogensüchtige könnten wieder vermehrt Geld erbetteln oder Diebstähle begehen, um ihren Konsum zu finanzieren. Viele Geschäfte sind wieder geöffnet, auch Restaurants dürfen ab dem 15. Mai wieder öffnen. Das sind doch eigentlich gute Nachrichten für Drogensüchtige oder?

Für Menschen, die drogenabhängig sind, steht die Beschaffung und die Versorgung mit Drogen im Mittelpunkt. Das ist ein Ausdruck ihrer Erkrankung. Eine gute Nachricht wäre es, diesen Kreislauf durchbrechen zu können. Deshalb halten wir für diese Menschen niedrigschwellige Drogenhilfeangebote vor, um sie gesundheitlich und sozial zu stabilisieren und ihr Überleben zu sichern.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig (CSU), äußerte sich jüngst im „Spiegel“, dass sie zusätzliches Geld oder grundlegende Verbesserung für die Drogenhilfe wolle. Doch das Gesundheitsministerium lehnte ab. Stattdessen verweist der Bund auf die Länder und Kommunen. Wünschen Sie sich manchmal nicht mehr Hilfe vom Bund?

Die kommunale Drogenpolitik stößt dort auf Grenzen, wo Bundesgesetze neue Wege nicht ermöglichen. Ein Beispiel wäre die niedrigschwelligere Substitution. Eine größere Verantwortung des Bundes sehe ich auch im Bereich der Drogenforschung. Wir untersuchen jährlich Drogentrends in Frankfurt, aus denen auch das Bundesgesundheitsministerium zitiert und die viel Geld kosten.

Der Bund stellt 1,2 Billionen Euro für die Krisenbewältigung bereit, jedoch keinen Cent für die Drogenhilfe.

In Frankfurt zählt für mich, dass vor allem die besonders gefährdeten Menschen Hilfe erhalten. Ob das ältere Menschen in Pflegeheimen oder Drogenabhängige sind – das spielt keine Rolle. Es zählt allein der Mensch. In Frankfurt hat ein solch humanitärer Ansatz Tradition. Das ist auch eine Frage von Haltung.

Wie steht Frankfurt im Verhältnis zu anderen Städten in der niedrigschwelligen Drogenberatung da?

Anfang der 90er Jahre lag die Zahl der Drogentoten in Frankfurt bei 147. Heute haben wir zwischen 20 und 30 Drogentote pro Jahr. Ein solcher Rückgang der Drogentodeszahlen ist ganz deutlich auf den Ausbau der niedrigschwelligen Überlebenshilfeangebote zurückzuführen. Auch andere Städte halten diese Hilfen in unterschiedlichem Umfang vor. Die niedrigschwellige Drogenhilfe ist immer eine existenzielle Hilfe, die durch die Corona-Krise noch verschärft wurde. Die Herausforderung für alle Beteiligten ist, jetzt Krisenarbeit in einem Bereich zu leisten, der von Überlebenshilfe geprägt ist.

Die Mitarbeiter im La Strada beklagen jedoch, dass die niedrigschwellige Beratung kaum stattfinden kann. Sie haben nur 15 Minuten Zeit für einen Klienten. Die Gespräche laufen bald an; bisher hatten sie keine Plexiglasscheiben in den Büros.

Wie die Einrichtungen in Zeiten von Corona vorgehen, entscheidet jeder Träger für sich selbst, hygienisch beraten vom Gesundheitsamt. Darüber hinaus unterstützen wir die Träger mit Masken und haben diese Hilfe noch ausgedehnt. Allein für Drogenabhängige werden 4200 Masken pro Woche in der niedrigschwelligen Drogenhilfe gebraucht.

Sie haben mit einem Hotel eine Vereinbarung ausgehandelt, das obdachlose Drogensüchtige aufnehmen wird. Welche Bedingungen müssen dafür erfüllt werden?

Dort werden 30 Zimmer für obdachlose Drogenabhängige zur Verfügung stehen, sobald es Verdachtsfälle oder positiv Getestete gibt, die nicht stationär behandelt werden müssen. Neben dem Betreiber wird ein Drogenhilfeträger vor Ort die psychosoziale Betreuung koordinieren. Ganz wesentlich ist, dass in dieser Liegenschaft eine regelmäßige Substitution durch Ärzte sichergestellt wird. Eine solche Einrichtung zu finden und ein solches Angebot zu schaffen, war ein großes Problem in den vergangenen Wochen.

Interview: Stefan Simon

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