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Frankfurt: Klimaproteste an Goethe-Universität – Polizei räumt Hörsaal am Campus Westend

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Von: George Grodensky

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Klimaaktivisten von „End Fossil - Occupy“ besetzen einen Hörsaal der Goethe-Universität in Frankfurt. Die Hochschulleitung reagiert mit Polizeipräsenz.

Frankfurt – Die Gruppe „End Fossil Frankfurt“ besetzt einen Hörsaal an der Goethe-Universität und fordert entschlossenes Handeln gegen den Klimawandel. Die Uni möchte den Saal aber fürs Studium vorhalten, bietet einen Ausweichsaal an. Zu abgelegen, findet End Fossil. Gegen 20 Uhr beginnt die Räumung. Die Polizei rückt besonnen vor und geleitet die Studierenden hinaus. Kanzler Albrecht Fester diskutiert noch ein bisschen, die Studierenden diskutieren zurück. Einig wird man sich nicht. Dann erteilt die Polizei Platzverweise.

Die Gruppe „End Fossil Frankfurt“ hat am Dienstagmittag (6. Dezember) den Hörsaal HZ1 auf dem Campus Westend der besetzt. Menschheit und Planet befänden sich im Ausnahmezustand, teilt die Gruppe mit. Gleichwohl reagiere an den entscheidenden Stellen niemand. Ein entschlossenes Handeln sei aber dringend geboten. „Noch in diesem Jahrzehnt entscheidet sich die Zukunft der uns bekannten Welt.“

Frankfurt: Aktivisten von „End Fossil - Occupy“ besetzen Hörsaal am Campus Westend

„Zu besetzen heißt, das alltägliche Leben zu stören, laut und klar zu sagen, dass unser Planet am Brennen ist und wir jetzt etwas tun müssen!“, erklärt die Gruppe, warum sie den größten Hörsaal auf dem Campus beansprucht. Ihre Forderungen: Klimagerechtigkeit, bessere Studienbedingungen für Geflüchtete und bezahlbare Wohnungen. Den Erhalt des Juridicums, um CO2 einzusparen, einen Verzicht auf die Förderung fossiler Industrie. Also die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank zu beenden. Auf der Liste steht auch Fleischverzicht in der Mensa.

Klimaprotest im Hörsaalzentrum: Vorne tagt das Plenum, hinten sind die Plätze mit Flatterband abgesperrt.
Klimaprotest im Hörsaalzentrum: Vorne tagt das Plenum, hinten sind die Plätze mit Flatterband abgesperrt. © Renate Hoyer

Von außen ist der Protest dabei kaum zu sehen. Am Fenster hängt ein Transparent „Offene Besetzung“. Das Fenster geht aber nach hinten raus, also nicht in Richtung Theodor-W.-Adorno-Platz, dem Zentrum des Campus.

Dort geht alles seinen gewohnten Gang, bis auf das Polizeiauto, das einen kurzen Schlenker über das Areal dreht. Ein Räumkommando ist das nicht. Noch nicht. Innen haben sich etwa 60 junge Menschen im Protestplenum versammelt. Für die erste Woche haben sie ein Programm ausgearbeitet. „Wir wollen hier ja nicht nur herumsitzen“, sagt Lukas, der die Gäste herumführt. So soll es eine Podiumsdiskussion zu Klimagerechtigkeit an der Uni geben, einen Vortrag zur Verkehrswende und dem Erhalt von Wäldern oder eine Kundgebung „Students Defend Kurdistan“.

Klimaprotest an Johann-Wolfgang-Goethe-Uni: „End Fossil Frankfurt“ besetzt Hörsaal

Die Hochschule reagiert am Dienstag gelassen auf die Besetzung. Zunächst ist die Versammlung geduldet, informiert das Immobilienmanagement. Die jungen Leute sollen nur nichts kaputtmachen und die Notausgänge freihalten. Offensichtlich hat man die Besetzung der Casinoräume 2009 noch im Hinterkopf, bei denen so manches kaputt gegangen war. Eine wertvolle Kamera, die im Normalfall Vorlesungen übertragen kann, montiert das Immo-Management vorsorglich ab.

Das ist den Studierenden ganz recht, sie wollen gar nicht gefilmt und übertragen werden. Kaputtmachen wollen sie ohnehin nichts, sagen sie. Es soll eine friedliche Regelüberschreitung sein, sagen sie. Unikanzler Albrecht Fester läutet dann auch entspannt die erste Verhandlungsrunde ein. „Wir stehen Ihren Anliegen durchaus positiv gegenüber“, sagt er. Zumindest was den Klimaschutz und die Nachhaltigkeit angehe. Dafür unternehme die Hochschule bereits viel.

Frankfurt: Klimaprotest an Goethe-Uni spaltet Meinungen

Fester bietet an, der Gruppe einen anderen Raum zu finden, entweder auf dem Campus Bockenheim oder im Seminarpavillon am Campus Westend. Dort könne sie ihre Veranstaltungen durchführen. Aber den wichtigsten Hörsaal mitten im Semester zu blockieren, das finde er nicht so gut. Das finden die Studierenden aber gerade gut. Der Aufmerksamkeit wegen. Und um mit so vielen Mitstudierenden wie möglich in den Austausch zu kommen. Gar nicht so einfach. Inzwischen füllt sich der Saal, eigentlich wäre jetzt die Vorlesung „Strafrecht III“ angesetzt.

Gut 200 angehende Juristinnen und Juristen wollen den Klimaprotest gar nicht wahrnehmen, entfernen Flatterband und lassen sich nieder. „Ich verstehe ja das Anliegen“, murmelt eine junge Frau. „Aber könntet ihr nicht die Wirtschaftswissenschaften besetzen?“ Schließlich seien die Kapitalisten Schuld an den ganzen Problemen.

Als das Plenum seine Forderungen vorträgt, leert sich das Auditorium schnell wieder. Immerhin: Zwei Menschen bleiben, diskutieren mit. Wenngleich eine junge Frau zwar ihre Solidarität bekundet aber auch etwas ratlos fragt: „Was ist der Sinn der Veranstaltung, wenn die anderen nicht zuhören?“

Klimaproteste in Frankfurt: Polizei räumt Hörsaal am Campus Westend

Dennoch möchten die Klimaaktivistinnen und -aktivisten erst mit dem Kanzler über ihre Forderungen verhandeln, bis sie den Hörsaal wieder räumen. Es folgen zähe Verhandlungsrunden. Die Uni möchte auf keinen Fall Hörsaal HRZ 1 länger zur Verfügung stellen. Kanzler Fester findet, dass die Studierenden in der Coronapandemie lange genug auf Präsenzveranstaltungen hätten verzichten müssen. Sehr viele hätten sich bereits über den blockierten Hörsaal beschwert. Die Studierenden wiederum wollen auf keinen Fall sich wegdrängen lassen, auf den Campus Bockenheim, auf dem niemand ihren Protest wahrnehme. Widerwillig gehen die meisten schließlich, bekunden draußen ihren Unmut. Eine handvoll verbleibt innen, die Polizei nimmt ihre Personalien auf. Die Uni stellt Strafanzeige. 

Auch um 20.50 Uhr skandiert eine Gruppe noch auf dem Adorno-Platz. Die Polizei begleitet. Unsere Strategie ist heute kommunikativ, sagt ein Polizeisprecher.

Die Gruppe „Letzte Generation“ sorgte zuletzt mit mehreren Klima-Protesten in Deutschland für Aufsehen.

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