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Sparkasse Frankfurt hadert mit NS-Vergangenheit – Gutachten zurückgewiesen

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Von: Thomas Stillbauer, Gregor Haschnik

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Sparkasse Frankfurt
Die Sparkasse ist seit Jahrhunderten Teil von Frankfurt, doch mit ihrer NS-Vergangenheit kämpft die Bank. © Ralph Peters/Imago Images

Die Rolle der Sparkasse Frankfurt in der Zeit des Nationalsozialismus sorgt zum 200-jährigen Bestehen für Ärger. Es geht um das Geld tausender Juden.

Frankfurt – Im Streit über die Aufarbeitung der Geschichte der Frankfurter Sparkasse in der NS-Zeit hat das Institut für Bank- und Finanzgeschichte (IBF) die Vorwürfe des Historikers Ralf Roth zurückgewiesen. Es gehe nicht darum, unangenehme Wahrheiten zu unterdrücken, betonte der wissenschaftliche IBF-Beirat. Vielmehr habe der Aufsatz des Historikers handwerkliche Mängel und sei deshalb zurückgewiesen worden.

Roth hatte vom IBF den Auftrag erhalten, zum 200-jährigen Bestehen der Frankfurter Sparkasse von 1822 jenen Teil der Festschrift beizusteuern, der die Ereignisse bis 1945 behandelt. Dabei stieß er auf mehr Verwicklungen, als er erwartet hatte. Tausende Guthaben seien jüdischen Kundinnen und Kunden vorenthalten und nach deren Deportation oder Flucht konfisziert worden – in vorauseilendem Gehorsam. Es gehe um geschätzt bis zu 18 000 Konten mit an die 15 Millionen Reichsmark. Hauptvorwurf: Nach dem Krieg habe sich die Sparkasse ihrer Verantwortung nie angemessen gestellt, wie es andere Banken und Institutionen längst getan hätten. Die Sparkasse, sagt Roth, wolle nicht, „dass die Dimension klar wird“.

NS-Zeit: Historiker wirft Sparkasse in Frankfurt „willige Mittäterschaft“ vor

Das IBF widerspricht. Der vom Institut beauftragte externe Gutachter Dieter Lindenlaub nennt Roths Arbeit „vorurteilsbehaftet und fehlerhaft“. So sei unter den Guthaben auf sogenannten Auswanderersperrkonten nicht nur das Geld jüdischer, sondern auch „arischer Auswanderer“ gewesen. Roth hätte, wenn er „willige Mittäterschaft“ unterstelle, „die Handlungsspielräume untersuchen“ sollen, die die Sparkasse in der NS-Zeit gehabt habe, sagt Lindenlaub.

Die Sparkasse ist seit Jahrhunderten Teil von Frankfurt, doch mit ihrer NS-Vergangenheit kämpft die Bank.
Die Sparkasse ist seit Jahrhunderten Teil von Frankfurt, doch mit ihrer NS-Vergangenheit kämpft die Bank. © Renate Hoyer

Historiker Roth wiederum beurteilt die Reaktion auf seine Forschungsresultate als „nicht angemessen für das IBF“. Das Institut sei gefordert, die Geschichte der Sparkasse aufzuarbeiten. „Das macht es seit 60 Jahren nicht.“ Er schlägt einen runden Tisch vor, an dem die Stadt, die Landesbank Hessen-Thüringen als Trägerin, die Polytechnische Gesellschaft als Gründerin und die Universität beraten, was zu tun ist.

Jüdische Kunden enteignet: Auch Frankfurter Sparkasse war Teil des NS-Regimes

Eine Aufarbeitung durch ein unabhängiges Gremium auf Basis wissenschaftlicher Recherche ist auch der Wunsch von Ingo Wiedemeier, dem Vorstandsvorsitzenden der Frankfurter Sparkasse. „Ich möchte betonen, dass wir nach wie vor ein großes Interesse daran haben, dass die Chronik fertiggestellt wird und uns und der Öffentlichkeit einen transparenten Blick auf die 200-jährige Geschichte der Frankfurter Sparkasse ermöglicht“, sagte er in der Bilanzpressekonferenz.

Sparkassen waren tief in das NS-Regime verstrickt. Führungspositionen wurden mit willfährigen Parteimitgliedern besetzt, die unter anderem darüber wachten, dass jüdische Kund:innen enteignet wurden. Mit diesen und anderen Spareinlagen wurde der Vernichtungskrieg von Nazi-Deutschland finanziert.

Intern wird das Vorgehen der Sparkasse bei der Festschrift kritisch hinterfragt. Nach FR-Informationen fordern Beschäftigte eine transparente, konsequente Aufarbeitung und die Übernahme von Verantwortung.

Jubiläumsjahr der Sparkasse Frankfurt: Chance für „spätes aber richtiges Zeichen“?

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, sagte der FR: „Die kritische öffentliche Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der Firmengeschichte wäre ein reichlich spätes, aber das einzig richtige Zeichen im Jubiläumsjahr der Sparkasse gewesen.“

Stattdessen würden Schlussfolgerungen unabhängiger Wissenschaftler in Zweifel gezogen und Versuche unternommen, unbequeme Kapitel in der Festschrift zu verhindern, „als ließe sich die braune Geschichte der Institution und ihr mangelnder Aufarbeitungseifer rückwirkend doch noch in ein helleres Licht setzen“. Mendel schließt sich der Forderung der Polytechnischen Gesellschaft nach einer großangelegten Studie an. Die Aufarbeitung der NS-Geschichte sei noch längst nicht abgeschlossen, wie auch die aktuelle Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt zeige.

„Die Jahre zwischen 1933 und 1945 gehören zur Geschichte der Sparkasse dazu“, teilt OB Peter Feldmann (SPD) auf Anfrage mit. Der Respekt vor den Opfern des Nazi-Terrors gebiete es, „sich dieser dunklen Vergangenheit zu stellen, auch und gerade im Rahmen der geplanten Festschrift zum 200-jährigen Bestehen“.

NS-Vergangenheit der Sparkasse Frankfurt: „Aufarbeitung muss unabhängig sein“

Norbert Birkwald von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten betont: „Aufarbeitung muss unabhängig vom Auftraggeber stattfinden.“ Dieser sei offenbar unzufrieden mit Ergebnissen gewesen, sagt Birkwald, der sich in der Kreisvereinigung Frankfurt engagiert. Aufklärung bei der Sparkasse und anderen Banken sei dringend notwendig und hätte schon vor Jahrzehnten geschehen müssen.

Axel Gerntke, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linken im Landtag, sagt, der Vorgang erinnere an andere Institutionen, die problematische Gutachten zurückhielten. Die Landesregierung müsse sich für eine lückenlose Aufarbeitung einsetzen. (Gregor Haschnik, Thomas Stillbauer)

Nicht nur die Sparkasse in Frankfurt ringt mit ihrer NS-Geschichte. Der Energiekonzern Wintershall Dea stellt sich nur durch Zufall seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus.

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