+
Johannes Heuser kämpft gegen die Kälte – im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

Obdachlos in Frankfurt

Johannes Heuser unterstützt obdachlose Frankfurter

  • schließen

Johannes Heuser ist Sozialarbeiter. Mit dem Programm „Hilfen im Winter“ unterstützt er Obdachlose - sei es per Notübernachtung oder Kältebus. 

Manchmal müsse er richtig aufpassen, dass er trotz allem auch noch die schönen Seiten des Winters wahrnehme, sagt Johannes Heuser. Dann gehe er zum Beispiel am Wochenende mit seinen beiden Söhnen auf dem Feldberg rodeln, „obwohl ich vielleicht die Woche über schon genug Winter hatte“. Es sei auch nicht so, dass er die Kälte selbst nicht mehr spüre. „Ich kann nicht sagen, dass ich abgehärtet bin“, sagt Heuser. Er denkt kurz nach und schmunzelt dann. „Sogar eher im Gegenteil: Ich hab’s zu Hause eigentlich gerne besonders kuschelig.“

Der Winter, so kann man das sagen, ist Heusers Kerngeschäft. Oder vielmehr: Der Kampf gegen ihn. Der 58-jährige Sozialarbeiter koordiniert das Programm „Hilfen im Winter“ des stadtnahen Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten. Mit der Notübernachtung im U-Bahnhof Eschenheimer Tor und dem Kältebus, der jede Nacht mit Decken und Schlafsäcken draußen unterwegs ist, soll das Programm dafür sorgen, dass alle Obdachlosen einigermaßen durch die kalte Jahreszeit kommen und niemand auf Frankfurts Straßen erfriert.

„Mit Schema F kommen wir nicht weit“

Das sei eine komplexe Aufgabe, bei der man sich immer wieder neu erfinden und mit Kreativität neuen Gegebenheiten anpassen müsse, sagt Heuser. „Mit Schema F kommen wir nicht weit.“ Das liege schon daran, dass man es bei Obdachlosen mit ganz unterschiedlichen Menschen und ihren individuellen Problemlagen zu tun habe – Armut, Sucht, psychische Erkrankungen. „Mir ist es wichtig, jedem empathisch zu begegnen“, sagt Heuser. Schließlich seien auch obdachlose Menschen Teil der Stadtgesellschaft. „Da macht man im Winter schon die eine oder andere Überstunde.“

In seinem Team von Sozialhelfern und Straßensozialarbeitern, die in der Bleichstraße ihre Büros haben, arbeiten sieben Kolleginnen und Kollegen mit Heuser zusammen, insgesamt beschäftigen die „Hilfen im Winter“ 20 Mitarbeiter. Die große Neuerung, die das Team in dieser Saison stemmen muss, ist der Umzug der Notübernachtung von der Hauptwache ins Zwischengeschoss am Eschenheimer Tor. Insgesamt laufe die Arbeit am neuen Standort gut, sagt Heuser. Im Gegensatz zur Hauptwache, wo rund um die schlafenden Obdachlosen ständig Nachtschwärmer unterwegs gewesen seien, sei der Bereich am Eschenheimer Tor „eine geschützte Einheit für sich“.

Außerdem sei die Halle beheizbar – und man könne den Übernachtern, die jede Nacht ab 22 Uhr ihre Isomatten auf dem Boden ausrollen können, morgens noch heiße Getränke anbieten, anstatt sie wie früher um sechs Uhr wieder auf die Straße zu schicken. Gerade werde überlegt, ob man mit speziellen Filteranlagen die Luft in der Anlage verbessern könne, sagt Heuser – und wie man sie erweitern könne, falls der aktuelle Ansturm anhalte. Zu Beginn des Winters hatten jede Nacht rund 100 Obdachlose die Einrichtung genutzt, zuletzt waren es in manchen Nächten bis zu 180 Menschen.

Der Wunsch, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern 

Dass Heuser, ein ruhiger und eher pragmatischer Typ, sich beruflich mit Obdachlosigkeit befassen würde, war nicht immer so klar. Als jüngstes von fünf Kindern in Schwanheim aufgewachsen, hatte er zunächst Chemielaborant gelernt. Das habe damals nahe gelegen, erinnert sich Heuser. „Wenn der Lebensplan noch nicht so ganz klar war, dann ging’s halt zur Hoechst AG.“ Anfang der 80er- Jahre holte er dann das Fachabitur nach und studierte Soziale Arbeit. „Das war eine Zeit, wo viele junge Menschen politisch aktiv waren“, sagt Heuser. Auch er habe sich damals in der Friedensbewegung und bei den Protesten gegen die Startbahn West engagiert, Konzerte besucht und lange in Bockenheim gelebt. Der Beschluss, Sozialarbeiter zu werden, habe durchaus etwas mit dem Wunsch zu tun gehabt, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern.

Zum Frankfurter Verein kam Heuser dann 1988, als er im Männerwohnheim in der Ottostraße sein Anerkennungsjahr als Sozialarbeiter absolvierte. Damals sei alles noch viel improvisierter abgelaufen, sagt Heuser. Die Wohnungslosen hätten zu acht in einem Zimmer schlafen müssen. „Heute ist die Arbeit professioneller geworden.“ Die Wohnungslosenhilfe sei auf unterschiedliche Probleme bei ihren Schützlingen eingerichtet, die sozialen Träger seien wesentlich besser vernetzt. Und die Arbeit stehe mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Die Medien berichteten über den Kältebus, Schulklassen besuchten einzelne Hilfseinrichtungen. Er begrüße dieses gestiegene Interesse sehr, sagt Heuser. „Es ist wichtig, die Bürger zu sensibilisieren, damit sie auch einen Blick haben für die Menschen, die auf der Straße sind.“

Zur Professionalität gehört es für Heuser auch, sich von der Arbeit und den Schicksalen, die er mitbekommt, abzugrenzen. „Ich kann nicht alle Fälle gedanklich mit nach Hause nehmen“, sagt er. Auch wenn sein Privatleben leide, wenn so wie jetzt eine Kältewelle herrsche, helfe ihm dabei Sport, regelmäßige Supervision und die Spaziergänge mit seiner Hündin Amy, die er gemeinsam mit einer Kollegin hat. Und dann gelinge es auch, die schönen Seiten des Winters zu genießen.

Zur Person

Johannes Heuser (58) ist Sozialarbeiter beim stadtnahen „Frankfurter Verein für soziale Heimstätten“ und koordiniert dort den Frankfurter Kältebus und die Notübernachtung am Eschenheimer Tor. Gemeinsam mit seiner langjährigen Kollegin Elfi Ilgmann-Weiß ist er auch für die Pressearbeit zur Wohnungslosenhilfe des Frankfurter Vereins zuständig und zeigt Journalisten seinen Arbeitsalltag.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare