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Vor dem Land- und Amtsgericht Frankfurt am Main wird der Prozess verhandelt. (Symbolbild)

Prozess wegen versuchten Totschlags

Vater und Sohn vor Gericht: „Wie bei einem Fußballspiel“ auf den Kopf des Opfers eingetreten

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Vater und Sohn stehen in Frankfurt wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Eine Frischluftpause beim Feiern eskalierte. Kaltblütigkeit schockiert Opfer.

Frankfurt - Cymbeline (50) und Cyrano (21) sind Vater und Sohn, und sie entstammen altem Adel, der verpflichte. Sie erscheinen in feinem Zwirn, ihre Pilotenkoffer ziehen sie mit der lässigen Eleganz des Vielfliegers. Als die Presse Fotos macht, wenden sie der Kamera ihre Kehrseite zu und schauen so andächtig aus dem Fenster des Landgerichtsgebäudes E, wo sich die beiden wegen versuchten Totschlags und lebensgefährdender Körperverletzung verantworten müssen. Denn die Herrschaften können laut Anklage auch anders.

In der Nacht auf den 10. Dezember 2017, sagt die Staatsanwaltschaft, machen Vater und Sohn in „Damenbegleitung“ in einer Bar in der Freßgass dem Begriff „blaues Blut“ alle Ehre. Nebenan amüsiert sich Paolo L., 46 Jahre alter Verkaufsleiter bei einem US-Computer-Giganten, in einer Apfelweinkneipe mehr oder weniger auf der Weihnachtsfeier seines Arbeitgebers. Gegen 2 Uhr kommt es bei einer zufälligen gemeinsamen Frischluftpause aus heiterem Himmel zu einer Art Duell. „Bist du Türsteher?“, fragt Cyrano mehrfach und wütend Paolo L., was dieser wahrheitsgemäß verneint, woraufhin Cyrano ihm ins Gesicht schlägt und Paolo L. den Schläger so lange umklammert, bis der sich abregt und aufgibt.

Frankfurt: Vater und Sohn vor Gericht - Tritte gegen Kopf des Opfers

Doch der Burgfrieden ist nicht von Dauer. Kurze Zeit später treffen sich die Duellanten erneut auf der Freßgass, diesmal hat Cyrano seinen Vater dabei. „Hast du dich beruhigt oder soll ich dich nochmal festhalten?“, fragt Paolo L. in bürgerlichem Übermut, und dann heißt er seinen Kontrahenten, wie er selbst später vor Gericht einräumt, einen „kleinen Scheißer“. Das aber mag Cymbeline nicht dulden, der einer Firma vorsteht, die es im Internet im „Who is Who der wichtigsten Familienunternehmen Deutschlands“ immerhin auf Rang 837 schafft. Er stürmt auf L. zu und schlägt den Überrumpelten zu Boden, dann treten Vater und Sohn laut Anklage „wie bei einem Fußballspiel“ auf den Kopf des Opfers ein. Noch einmal kann L. sich aufrappeln, als er von hinten erneut niedergetreten wird und mit dem Kopf gegen eine Mauer knallt. Er erleidet eine Gehirnerschütterung und eine „Skalpierungswunde“. „Ihr habt mich umgebracht“, schreit L., „ihr habt gemacht, dass mein Hirn hier runterläuft“. Da beschließen die beiden Schläger, dass der Familienehre jetzt Genüge getan sei.

Frankfurt: Vater und Sohn vor Gericht - Opfer beim Bluten zugeschaut

Vor der Großen Kammer des Landgerichts schweigt Cymbeline, weil er nach Angaben seines Verteidigers „seinen Sohn nicht belasten“ wolle. Der Sohn lässt von seinem Verteidiger eine Einlassung verlesen: Es entspreche der Wahrheit, dass es in jener Nacht zu „Disput und Gerangel“ gekommen sei, deren Anlass möglicherweise in seinem Vollsuff zu finden sei. An verabreichte Schläge erinnere er sich wohl, an Tritte nicht. Zudem habe ihn damals auch die Minne mitgerissen: „Hau ihm eine rein!“, habe eine der ihn begleitenden Damen empfohlen, und da sei auf Paolo L. losgestürmt, was er heute „zutiefst bedauere“.

Das alles beantwortet mitnichten Paolo L.s drängendste Fragen. „Warum ist mir das passiert?“, fragt sich L., der auch Nebenkläger ist. „Warum habe ich bis heute kein Gefühl mehr im Kopf? Warum muss ich meinen kleinen Sohn immer noch beruhigen, dass dem Papa schon nichts passieren werde, wenn er abends aus dem Haus geht?“ Dass er noch lebe, glaubt der US-Bürger, verdanke er seinen italienischen Wurzeln: „Man sagt uns einen harten Kopf nach.“ Unfassbar findet er bis heute, dass die Schläger ihm nicht halfen, obwohl seine Verletzungen offensichtlich lebensgefährlich waren: „Die Herrschaften sind nur dagestanden und haben mir beim Bluten zugesehen.“

Frankfurter Vater und Sohn angeklagt - Auslöser ist unklar

Zu Beginn seiner Aussage fragt der Vorsitzende Richter Paolo L., ob er mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert sei. „Gott sei Dank nicht!“, antwortet L. Es dürfte wohl das einzige Mal an diesem ersten Verhandlungstag sein, dass er den Angeklagten aus der Seele spricht.

Von Stefan Behr

Bei einem anderen Fall in Frankfurt ist ein Streit beim Gassi gehen eskaliert. Ein Paar soll einen Mann vom Rad geschubst und ihn mit Waffen bedroht haben. Doch der Prozess wird eingestellt. Vor dem Landgericht Frankfurt wird auch ein Streit in einer Waschküche verhandelt. Der Angeklagte verstrickt sich in seiner Aussage jedoch in Widersprüche. 

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