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So war es mal gedacht: In der elektronischen Gesundheitsakte, die mit Hilfe der Gesundheitskarte in Arztpraxen und Krankenhäusern abgefragt werden kann, können auch Befunde und Therapien erfasst werden. Doch die Möglichkeiten der Gesundheitskarte werden in Deutschland gar nicht genutzt.

Digitalisierung

Elektronische Patientenakte: Uniklinik will weg vom Papier

Die einen verteufeln sie, die anderen fordern sie vehement: die elektronische Patientenakte. An der Frankfurter Universitätsklinik gibt es sie längst. Für die Patienten bringt sie zunächst einmal Vorteile. Doch die Digitalisierung des Klinikums hat gerade erst begonnen.

Frankfurt - Ganz ohne Papier kommt die Universitätsklinik noch nicht aus. Michael von Wagner will das ändern: "In zwei Jahren sollten die Patientenakten gänzlich elektronisch sein", kündigt er an. Wagner ist Leiter der Stabsstelle Medizinische Informationssysteme und Digitalisierung.

Frankfurt: Uniklinik will auch Ambulanzen digitalisieren

Bislang wird in den Ambulanzen teilweise noch mit Papier gearbeitet, und die Patientenaufklärung erfolgt ebenfalls in Papierform. Alles andere jedoch ist schon digitalisiert. Statt Befunde, Medikamentenpläne, Diagnosen und dergleichen in Papierform auf der Station aufzubewahren - und gegebenenfalls erst mit dem Boten zu einem Spezialisten am anderen Ende des Klinikgeländes bringen zu müssen - geht der Spezialist inzwischen an seinen Rechner, klickt sich in die elektronische Krankenakte ein und sieht alles, was er wissen muss, um die Untersuchung des Patienten vorzunehmen.

"Das ist der Stand. Wir haben die elektronische Patientenakte bereits", sagt Wagner. In den vergangenen Jahren wurde sie Schritt für Schritt etabliert. Momentan werde diese elektronische Patientenakte auch in den Ambulanzen eingeführt. "Zunächst einmal kostet die Digitalisierung Zeit. Es ist aufwendiger, alles in die Masken zu schreiben, als es handschriftlich zu machen", sagt Wagner. Die Vorteile einer E-Akte zeigen sich erst später. Etwa jetzt.

Frankfurt: Uniklinik ganz am Anfang der Zukunft

Noch steht die Uniklinik ziemlich am Anfang. Die E-Akten sind da. Alle Röntgenbilder, Diagnosen und Therapien eines Patienten sind digital zugänglich - und zwar nur für die Ärzte, die mit den Patienten zu tun haben. Aus dieser Basis jetzt das Beste zu machen, ist Wagners neue Aufgabe.

Er hat sich vieles vorgenommen. Etwa, die Verbindung mit den niedergelassenen Ärzten zu verbessern. "Sie sollten die Möglichkeit haben, Befunde aus unseren Akten zu sehen", sagt Wagner. Auch der Austausch über Patientendaten mit anderen Krankenhäusern sollte möglich sein - doch da stoßen Vorreiter wie die Uniklinik schnell an Grenzen. Weil es noch keinen Standard gibt, musste sich die Uniklinik für eines von fünf Krankenhaus-Informationssystemen entscheiden. Andere Krankenhäuser haben womöglich eine andere Entscheidung getroffen, dann sind die Daten dort nicht lesbar. "Es gibt eine Möglichkeit", sagt Wagner. "Es gibt eine Schnittstelle, die jeder niedergelassene Arzt und jedes Krankenhaus haben. Es ist die Schnittstelle mit dem Abrechnungssystem der Krankenkassen." Über diese Schnittstellen sollten auch Röntgenbilder und Befunde ausgetauscht werden - wenn der Patient einverstanden ist.

Frankfurt: Uniklinik muss Nutzen abwägen

"Datenschutz ist wichtig", sagt Wagner. "Aber gerade im Bereich der Gesundheit wird der Datenschutz oft wie eine Monstranz getragen. Es gibt keine vernünftige Nutzenabwägung mehr." Es komme genau auf diese Nutzenabwägung jedoch an, beim Datenschutz wie bei den möglichen Nebenwirkungen einer Behandlung. "Ich würde auch nicht wollen, dass Kollegen und Interessierte in meiner Akte herumstöbern", so Wagner. Aber: Der behandelnde Arzt hat ohnehin Zugriff. Wenn er einen Kollegen konsultiert und dieser bei dem Patienten eine Untersuchung vornimmt, gibt es - herkömmlich - Informationen in Papierform, nun eben in digitaler Form. Nur darum geht es. Datenschutz ist wichtig, aber er dürfe nicht jede neue Entwicklung schon im Ansatz ersticken.

Auch in der Uniklinik gibt es verschiedene Ansichten darüber, wie die E-Akte aussehen soll. Anfangs, berichtet Wagner, habe man möglichst alle Formulare so aussehen lassen, wie die in der Papierform. "So haben wir die Akzeptanz gefunden. Aber", fährt er fort, "für die IT-Nutzung brauchen wir mehr Einheitlichkeit."

Frankfurt: Ärzte sind sich uneins über Akte 

Beispiel Diagnosen: Internisten haben gerne ein weißes Blatt und schreiben. Chirurgen hingegen dächten viel stärker in Kategorien, würden am liebsten mit Zahlencodes und Ankreuzen arbeiten. Innerhalb eines Fachgebiets sei immer klar, was ein solcher Code oder ein Kreuz bedeutet. Schwieriger sei die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Fächern - vom Chirurgen zum Internisten, vom Neurologen zum Anästhesisten. Um so schwerer, sich auf einen gemeinsamen Standard zu einigen. Und den braucht es. Alles Verhandlungssache...

"Immerhin, wir haben es schon geschafft. Sämtliche - sämtliche - Allergiediagnosen werden nur noch in einem einzigen Formular eingetragen. Und dieses Formular steht ganz vorne in der Patientenakte." Suchen, blättern, ob manuell oder über die Suche im System, sollen entfallen. Zudem warnt das System, wenn Medikamente verschrieben werden, die mit der Allergie unvereinbar sind. Genau an diesen Stellen wird auch klar, warum die Digitalisierung in Krankenhäusern sinnvoll sein kann. Man kann Wissen um den Patienten zusammenführen und so die Behandlung sicherer machen.

Frankfurt: Künstliche Intelligenz forscht

"Die letzte Entscheidung trifft immer der Arzt", sagt von Wagner. "Aber mit einheitlichen Daten können wir auch Systeme künstlicher Intelligenz anlernen, auf Zusammenhänge zu stoßen, die uns bislang entgangen sein könnten." Die Digitalisierung von Patientendaten verspricht also auch einen gewissen Nutzen für die Wissenschaft und damit für künftige Patienten.

VON THOMAS J. SCHMIDT

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