+
Die Zeil: Das pulsierende Herz der Frankfurter Einkaufskultur. 

Interview

„Die Stadt Frankfurt muss sich selbst in Szene setzen“

  • schließen

Einzelhandelschef Sven Rohde spricht im FR-Interview über Leerstand in der City, die Zukunft des Einkaufens und einen Stadtstrand für Frankfurt

Herr Rohde, nur noch jeder zweite Passant kommt nach einer Untersuchung in die Frankfurter Innenstadt, um einzukaufen. Was heißt das für den Handel in der City?
Grundsätzlich steht der Handel vor großen Herausforderungen. Das Kundenverhalten ändert sich, die Digitalisierung nimmt zu. Über Jahrhunderte gehörten Stadt und Handel in Europa fast symbiotisch zusammen. Nun wird sich die europäische Stadt ein Stück weit neu erfinden müssen. Wir stehen vor der Frage, wie wir in Zukunft leben, wie wir in Zukunft in die Stadt kommen und wie wir einkaufen werden.

Wie werden wir denn in Zukunft einkaufen?
Darüber machen wir uns etwa in einem Zukunftslabor namens Visionsbüro Frankfurt Gedanken, das der Handelsverband und die Stadt Frankfurt ins Leben gerufen haben. Es wird zum Beispiel darum gehen, wie Händler ihre Läden inszenieren, aber auch wie die Stadt sich selbst in Szene setzen kann. Dafür holen wir viele Experten und Innenstadtakteure mit ins Boot. Die Lösungen, die wir uns davon erhoffen, könnten auch dabei helfen, die Situation in anderen Großstädten zu verbessern.

Online-Händler nehmen jetzt schon den Geschäften an den Einkaufsstraßen immer mehr Umsatz ab. Haben die Kunden keine Lust mehr zu bummeln?
Das glaube ich nicht. Shopping ist immer noch ein großes Thema. Allerdings haben sich die Kundenbedürfnisse geändert. Natürlich spielen auch Gastronomie und kulturelle Angebote eine große Rolle als Grund, in die Stadt zu kommen. Aber das ist keine Konkurrenz. Wenn die Stadt belebt ist, profitieren alle davon.

Obwohl das Rhein-Main-Gebiet stark wächst, stagnieren die Passantenfrequenzen in den Einkaufsstraßen. Die Kosten steigen, die Umsätze halten damit kaum mit. Werden noch mehr Textilketten, noch mehr inhabergeführte Läden zumachen?
Die Veränderungen sehen wir jetzt schon. Auch die Eigentümer der Ladenflächen sollten Interesse an einer lebendigen Innenstadt mit einem guten Nutzungsmix haben. Wenn der Vermieter aber etwa ein Fonds mit Sitz in London ist, tendiert das Interesse, auch mal die Miete zu senken oder die Ladenfläche zu teilen, gegen null. In Frankfurt gibt es zum Glück auch viele kleinere Einkaufsstraßen. Dort können auch spannende neue Konzepte Erfolg haben, weil die Mieten günstiger sind. Hier ist die Stadt gefragt: In anderen europäischen Städten sichern sich Kommunen die Immobilien, um so die Stadt nachhaltig mitgestalten zu können.

Gleichzeitig verschwinden in den B-Lagen der Innenstädte Fachgeschäfte. Döner- und Handyläden ziehen ein. Lässt sich diese Entwicklung umkehren?
Das ist nicht einfach. Die Städte können versuchen, das mit einem Citymanagement zu steuern. Ein großes Thema gerade für die Fachhändler an kleineren Einkaufsstraßen sind verkaufsoffene Sonntage. Sie sorgen für Frequenz und machen so das Angebot bekannter. Leider ist es in Hessen viel zu schwierig, verkaufsoffene Sonntage rechtssicher genehmigt zu bekommen.

„Die Veränderungen sind so drastisch, dass unsere Innenstädte Nutzungen neu erfinden müssen“: Das hat der Handelsverband an die Landesregierung geschrieben.
Wir müssen schauen, dass unsere Innenstädte urban und lebendig sind, eine hohe Aufenthaltsqualität haben und sich die Kunden sicher fühlen. Dafür müssen die Städte Lösungen suchen. Ein Thema ist auch die Digitalisierung. Kostenloses Wi-Fi in Einkaufsstraßen sollte selbstverständlich sein.

Was hat der Handel selbst falsch gemacht?
Dass der Handel viel falsch gemacht hat, würde ich nicht sagen. Allerdings wurden oft Veränderungsprozesse verpasst – nicht nur im Handel. Man muss sich viel stärker mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Und damit meine ich nicht nur Online-Handel. Es geht um Service, Kundenbindung, Lieferketten, die Buchhaltung.

Sven Rohde (36) ist seit Jahresbeginn Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Hessen.

Der Volkswirt aus Frankfurt folgte auf Michael Kullmann, der die Geschäfte des Branchen- und Arbeitgeberverbands 37 Jahre lang führte. cm

Gefühlt bieten die Geschäfte immer weniger Service an ...
Das glaube ich nicht. Für gute Händler ist Service das Nonplusultra, sie sparen nicht am Personal.

Haben sich Händler gerade in guten Lagen manchmal zu sehr auf ihrem Erfolg ausgeruht, zu wenig Neues geboten?
Vielleicht zum Teil. Auf der anderen Seite sehen wir die Warenhäuser, die sich gerade neu erfinden. Karstadt kam aus der Insolvenz und verbindet nun sehr gut den stationären Handel mit einem Online-Marktplatz. Der Kunde kann dort die Ware bestellen und dann im Laden abholen. Und er kann sie gleich zurückgeben, wenn sie doch nicht passt.

In Offenbach soll die Innenstadt ein Erlebnisort werden. Mehr Menschen sollen dort wohnen, der öffentliche Raum attraktiver und grüner werden. Zusätzliche kulturelle und gastronomische Angebote sollen entstehen. Ein richtiger Ansatz?
Definitiv. Es muss allerdings auch erschwinglich bleiben, in der Innenstadt zu wohnen. Eine weitere Herausforderung ist die Mobilität: Wie kommen Kunden, Lieferanten und Beschäftigte in die City?

Die Innenstädte in Hessen sind doch prima angebunden. An der Hauptwache etwa halten mehrere S- und U-Bahnen.
Wir sehen aber derzeit die Gefahr, dass die Verkehrsmittel gegeneinander ausgespielt werden. Das Fahrradnetz muss besser ausgebaut werden. Kunden müssen aber die Möglichkeit behalten, mit dem Auto in die Stadt zu kommen. 

Die Innenstädte waren noch vor wenigen Jahren total vom Einzelhandel geprägt. Inzwischen entstehen auch in zentralsten Lagen Wohnungen. Kann das dem Einzelhandel auch schaden, weil Flächen wegfallen?
Nein, das ist eine gute Entwicklung. Wir waren vor einem halben Jahr in Schweden in einem riesigen Kauf- und Warenhaus, das umgewidmet wurde. Es gibt immer noch einen kleinen Ladenbereich, aber auch eine Bar, ein gutes Restaurant und darüber ein Hotel. So etwas werden wir auch hier vermehrt sehen.

Das heißt aber doch, dass der Handel Flächen verliert. 
Das ist vielleicht gar nicht entscheidend. Geschäfte in der Innenstadt sind immer mehr Showrooms, Orte, an denen den Kunden Waren präsentiert werden. Das Warenlager selbst kann dann online abgebildet werden.

Wird sich zum Beispiel die Frankfurter City auch baulich verändern müssen, um als Einkaufsort attraktiv zu bleiben?
Definitiv. Eine Frage wird sein, wie die Hauptwache attraktiver wird. Sehr wichtig ist es aber auch, Events zu schaffen, die Plätze in der Stadt zu bespielen. Potenzial bietet etwa der nun für Autos gesperrte Mainkai. In anderen Städten gibt es zum Beispiel einen Stadtstrand. Wieso nicht auch in Frankfurt?

Diese Artikel auf fr.de* könnten Sie auch interessieren:

Frankfurt: Unterwegs mit dem Kaffeemobil

Das Kaffeemobil von Norbert Bienfait ist einzigartig. Mit dem 14 Meter langen Gefährt fährt der Unternehmer in Frankfurt auf Wochenmärkten vor.

Willy-Brandt-Platz in Frankfurt: Mehr als Oper und Theater

Die Grünen im Ortsbeirat fordern, das Areal am Willy-Brandt-Platz im Zuge des Umbaus oder der Sanierung der Städtischen Bühnen im Sinne der Bürger neu zu gestalten.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare