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Grabungsleiter Rolf Skrypzak behält auch bedrängt von der Medienmeute seine Bärenruhe. In seinen Händen der schon verpackte Steinzeitschädel.

Archäologie

Schädelfund: Der erste Frankfurter Landwirt

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Archäologen finden in Harheim einen Oberschädel aus der Jungsteinzeit. Der Kulturverein träumt bereits von einem „Keltenwelt“-Museum vor Ort.

Frankfurt – Als die Baggerschaufel die Schädelknochen freigelegt hatte, ahnte Rolf Skrypzak rasch, dass dies ein besonderer Tag werden würde. Seit zwei Jahrzehnten gräbt der Archäologe im Auftrag des Frankfurter Denkmalamts. Doch ein so altes und zugleich so gut konserviertes Haupt hatte der 47-Jährige noch nie gefunden. „Die Erhaltung ist unglaublich“, sagt der sonnengegerbte Grabungsleiter ganz sachlich.

Es ist der sehr kalkreiche Lößboden im nördlichen Frankfurter Vorort Harheim, der den „ ganz außergewöhnlichen Fund“ ermöglicht, wie Andrea Hampel, die Leiterin des Denkmalamts, diesen bezeichnet. Der Lößboden sorgte für die gute Konservierung über eine sehr lange Zeit. Denn der Oberschädel ohne Unterkiefer stammt etwa aus der Phase um 4800 vor Christus, auch als Jungsteinzeit bekannt. „Wir sind extrem glücklich mit diesem Fund“, sagt die Archäologin. In Frankfurt wurde bisher kein Skelett oder auch nur ein größerer Teil davon aus dieser Zeit entdeckt.

Schädelfund: Nomadische Vorfahren

Und so zieht es denn auch die Politiker und eine erkleckliche Schar von Medienvertretern hinaus an den nördlichen Rand der Stadt. Oberbürgermeister Peter Feldmann, gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt, lässt es sich nicht nehmen, „unseren Zeitzeugen“ persönlich zu begrüßen. Der wird freilich noch von allen neugierigen Blicken sorgsam abgeschirmt – unter einem schnöden Eimer.

Es ist eine spannende Phase der Menschheitsgeschichte, in die der Harheimer Fund führt. Damals wurden die vorher noch nomadischen Vorfahren gerade sesshaft, begannen mit dem Ackerbau. Neue Anbautechnik aus Mesopotamien, dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, wurde mit einer großen Zuwanderungsbewegung aus Vorderasien auch im Rhein-Main-Gebiet bekannt. Weshalb der OB den Träger des Schädels denn auch gleich als „ersten Frankfurter Landwirt“ eingemeindet.

Wissenschaftlich gesehen wirft der Fund viele spannende Fragen auf. Bisher wurden im Frankfurter Stadtgebiet etwa zehn Fundstellen mit menschlichen Überresten aus der Jungsteinzeit ausgegraben. Ein einzelnes Haupt aber könnte auf die besondere Bedeutung oder Stellung des oder der Toten hinweisen. „Es kann eine Ehrenbezeugung sein, dass man den Schädel so lange aufbewahrt hat“, urteilt Hampel.

Scherben von Linienbandkeramik.

Die Wissenschaftler wollen aber auch die Frage beantworten, ob sich „Zeichen für eine Enthauptung“ finden lassen. Wo die Person überhaupt herstammt, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte und vieles mehr. Eine DNA-Analyse soll Aufschluss geben. Weshalb der unvollständige Schädel wohl als Nächstes eine Reise zu den Anthropologen der Universität Mainz antreten wird, wie die Amtsleiterin sagt.

Aber erst einmal muss der Fund aus dem Harheimer Boden geborgen werden, in dem er noch steckt. Entdeckt wurden die Schädelknochen, weil hier im Stadtteil Wohnungen gebaut werden sollen, acht Doppelhaushälften und drei Reihenhäuser, wie Wohnungsdezernent Mike Josef berichtet. Das Denkmalamt stimmte dieser „Zerstörung eines Kulturdenkmals“ (Hampel) unter der Bedingung zu, dass es vorher auf der Baustelle archäologische Grabungen anstellen durfte.

Frankfurt: Mögliche weitere Funde 

Ganz vorsichtig lupft Grabungsleiter Rolf Skrypzak jetzt den Eimer, unter dem der Oberschädel ohne Unterkiefer bisher verborgen war. Der Archäologe muss gleich den Vorgang noch einmal wiederholen, weil für einen Kameramann die Geschwindigkeit nicht stimmte – so viel zu authentischen Bildern.

Der Wissenschaftler sticht den Fund bedächtig aus dem umgebenden Boden frei. Jetzt geht es um die Frage, wie die Rarität am besten konserviert und vor dem Zerfall bewahrt werden kann. Skrypzak greift zu einem probaten Mittel: zu Frischhaltefolie. Mit der wird das Fundstück eng umwickelt.

Der Grabungsleiter ist schon ganz gespannt darauf, was der Harheimer Boden noch freigeben wird. Gerade brechen Arbeiter mit Geräten alte Gewächshäuser ab, die aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammen. Im Untergrund werden die Archäologen weiter graben.

Klar ist: Es hat an diesem Ort eine ganze Siedlung aus der Zeit der sogenannten „Linienbandkultur“ gegeben, so nennen die Wissenschaftler das Neolithikum nach der Keramik, die damals entstand. Die Zusammenarbeit der Archäologen mit dem Bauherren der Wohnhäuser lobt die Leiterin des Denkmalamts als „absolut geräuschlos“.

Für den Oberbürgermeister sind die Steinzeitmenschen da schon längst zu „Frankfurterinnen und Frankfurtern“ geworden. Feldmann erzählt vor der staunenden Journalistenschar, wie später die Römer „unsere germanischen Vorfahren hier integriert“ hätten.

Derweil träumt Frank Somogyi vom Kulturverein Harheim einen Traum. Angesichts der vielen Funde im Stadtteil und des großen öffentlichen Interesses könne doch die Kommune in Harheim „eine kleine Keltenwelt einrichten“, ein Museum also, findet Somogyi.

Man wird doch wohl noch mal träumen dürfen.

Denkmalpflege

Das Denkmalamt der Stadt Frankfurt, Kurt-Schumacher-Straße 10, besteht aus drei Abteilungen: die Bau-, Garten- und Kunstdenkmalpflege, die Bodendenkmalpflege und schließlich die Verwaltung.  Knapp 9000 Bau-, Garten- und Kunstdenkmäler sind in Frankfurt am Main bekannt. Dazu kommen etwa 1600 archäologische Denkmäler, die von der Bodendenkmalpflege betreut werden. Ein Denkmalbeirat mit fünf Fachleuten begleitet die Arbeit des Amts kritisch.

Eigentümer denkmalgeschützter Gebäude in Frankfurt können für die Sanierung ihrer Bauwerke finanzielle Unterstützung bei der Kommune beantragen.

Allerdings gibt es keinen gesetzlichen Anspruch auf eine solche Finanzhilfe, die Stadt entscheidet in jedem Einzelfall neu.

Für denkmalgeschützte Grabmäler auf den städtischen Friedhöfen in Frankfurt können interessierte Bürgerinnen und Bürger Grabpatenschaften übernehmen. Infos unter denkmalamt@stadt-frankfurt.de 

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