Manchmal hilft nur noch der Besen.
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Manchmal hilft nur noch der Besen.

Leise wischt der Besen

Nach der Silvesternacht wird in Frankfurt aufgeräumt - aber ein Ärgernis bleibt

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Frankfurts Entsorger verzeichnen keinen Zuwachs bei wegzuräumenden Silvesterresten. Allerdings auch keinen Schwund.

Frankfurt - The same procedure as every year. Gegen Mitternacht explodiert die Stadt, Nebel wabern durch die Gassen, und lediglich von höheren Lagen aus hat man eine leidlich gute Sicht auf den von Raketen illuminierten Nachthimmel. 

Auf der Straße liegen sich wildfremde Menschen in den Armen oder polieren sich die Visage, ganz nach Laune, und bis in den frühen Morgen hinein kann der Schlaflose den beruhigenden Klängen des Martinshorns lauschen und sich fragen, ob das auch früher alles schon so war – und die Frage für sich zumeist mit „Nein“ beantworten. Wenn der Schwarzpulverdampf sich am nächsten Morgen dann gelichtet, der Neujahrskater sich halbwegs getrollt hat und das Hirn wieder halbwegs aufnahmefähig ist, sieht man die Sauerei auf der Gass’ und stellt leidlich ernüchtert fest: Nein, so schlimm war’s noch nie! Und so kalt ganz selten.

Verschmutzung und Temperatur haben nun aber eines gemeinsam: Es kommt auf die gefühlte an. Und neben „Gutes Neues!“ ist die häufigste Floskel, die man zumindest in Frankfurt nach der Silvesternacht zu hören bekommt, diese: „Boooah, so viel Müll wie diesmal lag aber noch nie auf der Straße rum, das ist absoluter Rekord!“ Diese Aussage ist aber von keinerlei Fakten untermauert und dem üblichen „Früher war mehr Lametta“-Gequatsche zuzuordnen.

Frankfurt: Nicht mehr Silvestermüll als in den Vorjahren

Müll gibt es genauso viel wie in den vorherigen Jahren auch.

„The same procedure as every year“, antwortet denn auch Michael Werner, Pressesprecher der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) auf die Frage, ob denn dieses Jahr mehr Böllerreste als in den vergangenen Neujahren abzutransportieren gewesen wären. „Das ist in den letzten Jahren nicht mehr geworden.“ Allerdings auch nicht weniger. Und von einer gesteigerten Umweltsensibilität bei den Freunden des Feuerwerks kann man auch nicht sprechen: Nach wie vor scheint ein seltsamer Zauber die Menschen davon abzuhalten, den Müll, den sie verursachen, wenigstens notdürftig wegzuräumen. Neben den hölzernen Raketenstangen, die von Natur aus wild in der Gegend rumliegen und schon seit Jahr und Tag die Kehrmaschinen verstopfen, ist laut Werner in den vergangenen Jahren dann doch immerhin ein neues Problem hinzugekommen: die Batterien, die im Auge des Betrachters für famosen Lichterzauber und im Bauch der Kehrmaschinen für Verstopfung sorgen und „händisch aufgenommen“ werden müssen, was die Arbeit auch nicht leichter macht.

Und gearbeitet wurde wie immer dann schon, wenn andere sich noch volllaufen lassen. Wie üblich befreite der Stoßtrupp der Frankfurter Fußweg-Reinigung bereits wenige Minuten nach dem Jahreswechsel zumindest die Mainuferpromenaden und Brücken vom gröbsten Müll. Ab 7 Uhr am Neujahrsmorgen übernahmen dann die gut 80 Aufräumer von der FES – bestückt mit Besen, Kehrmaschinen und Laubbläsern, die manche für ein weit größeres Übel halten als die ganze Böllerei selbst. Am gestrigen Donnerstag aber wurde zumindest für einen Tag mit der Aufräumerei pausiert, weil ein „Wintereinbruch“ zwar keinen nennenswerten Winter, aber immerhin jede Menge Arbeit für die FES gebracht hatte.

Frankfurt: Aufräumarbeiten beginnen direkt nach Mitternacht

Nicht überall kommt der Mann von der Reinigung mit der Kehrmaschine hin.

Normalerweise seien es etwa 30 Tonnen Müll, die täglich im gesamten Stadtgebiet zu entsorgen seien, sagt Werner, zum Jahreswechsel kämen dann noch einmal 20 Tonnen dazu. Mit dem Aufräumen würde wie immer zuerst an den üblichen bekannten Krawallplätzen wie dem Eisernen Steg und anderen Schwarzpulver-Hotspots begonnen. Bis die Stadt dann wieder halbwegs sauber ist, dauert es mindestens eine Woche.

Was Werner aus den Erfahrungen der Müllwerker hinaus bestätigen kann, ist, dass eine uralte Tradition nach wie vor Bestand hat: Kinder, die am Neujahrsmorgen durch die Stadt streichen und nach Blindgängern suchen, um aus diesen das Schwarzpulver für chemische Hausarbeiten rauszupulen oder – so das möglich ist – gleich vor Ort zu zünden. Für Werner alleine deswegen schon ein Ärgernis, weil die Knallerei, mit der eigentlich nach Silvester Schluss sein sollte, so mindestens bis zum Neujahrsabend weitergeht. Wobei sich offensichtlich eines doch geändert hat, denn nach den Erfahrungen der Müllwerker seien die böllersammelnden Kinder oft in Begleitung eines oder mehrerer Erziehungsberechtigter unterwegs, und da kann man dann wirklich mal aus eigener Erfahrung sprechen und feststellen: So was hat’s früher nicht gegeben!

von Stefan Behr

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