+
Patienten müssen mit Begleitern in den Alltag hinaus, sagt Andreas Jung.

Gesundheitspolitik

„Psychisch Kranke integrieren“

  • schließen

Krisendienste und offene Stationen können Zwang ersetzen, sagt der Betroffene und Experte. Psychiatrie und Sozialpsychiatrie müssten zusammenarbeiten.

Die Wallraff-Undercover Reportage über Missstände an der Akutpsychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst hat die Debatte über Reformen beschleunigt, sagt Andreas Jung – einst Patient, jetzt Genesungsbegleiter.

Herr Jung, hat Wallraff genutzt oder geschadet?
Weder noch. Viele vom Klinikpersonal haben sich betroffen gefühlt, wenige verstanden. Auf der anderen Seite hat sich die große Chance eröffnet zu schauen, was wir besser machen können.

Wird diese Chance genutzt?
Mein Eindruck ist der, dass alle Akteure nachdenklicher geworden sind - vom Klinikdirektor bis zum Angehörigen.

Stimmen behaupten, solche Reportagen würden Ängste vor der Psychiatrie schüren.
Ich teile die Meinung nicht, dass Wallraff die Psychiatrien stigmatisiert hat. Und dass deshalb jemand sich nicht in Behandlung begibt. Wer schon mal in der Psychiatrie war, hat seine eigenen Erfahrungen gemacht und weiß, wo er hingehen und Hilfe erwarten kann. Wer zum ersten Mal dorthin muss, wird so lange warten, wie es irgendwie geht. Wichtig ist jetzt, stärker in einen Dialog zu treten, der zu Veränderungen führt.

Was ist das Hauptproblem?
Das Problem ist die Arbeitsteilung. In die Psychiatrie muss ich, wenn es mir ganz schlecht geht. In der Sozialpsychiatrie mit betreutem Wohnen lande ich dauerhaft, wenn es mir halbwegs gut geht. Die einen interessieren sich nicht dafür, was die anderen machen. Wir müssen Behandlungskonzepte entwickeln, die mehr aufeinander bezogen sind. Wir müssen uns selbst und die anderen mit verändern. Was Wallraff für die Akutpsychiatrie deutlich gemacht hat, das haben wir auch in anderen Bereichen. Dass Menschen über Jahre hinweg in Heimen oder im Betreuten Wohnen vereinsamen und vor sich hindümpeln, dort eine unglaubliche Hospitalisierung herrscht. Es kann nicht nur um notwendige Reformen in Kliniken gehen. Wir brauchen ein Modell, dass psychisch Kranke wieder in die bürgerliche Gesellschaft integriert.

Andreas Jung (58) ist Mitbegründer des Vereins EX-IN-Hessen. Er bildet Psychiatrieerfahrene zu Genesungsbegleitern aus, die Profiteams ergänzen.


Warum arbeiten Mitglieder von EX-IN bei den Besuchskommissionen des Landes mit, die nach Anmeldung Akutpsychiatrien besuchen? Andere Betroffenenorganisationen weigern sich.
Das ist ein erster Schritt. Wir bekommen einen besseren Einblick in die Situation in den Kliniken. Betroffenen schauen anders als die Profis in den Besuchskommissionen. Auch hier geht es um Vernetzung. Die Besuchkommission und trialogisch aufgestellten Beschwerdestellen müssen ihre Informationen austauschen. Etwa dann, wenn es viele Beschwerden wegen Zwangsunterbringung gibt. Da kann man genauer hinsehen. Es wäre gut, wenn die anderen Verbände mitmachten.

Wie lässt sich Zwang vermeiden?
Wir von EX-IN und der Angehörigenverein Hessen diskutieren unter anderem zwei Möglichkeiten: Das eine ist das Konzept der offenen Station, wie es sie etwa in der Klinik Herne in Nordrhein- Westfalen gibt. Die Patienten sind dort tagsüber alle unterwegs – beim Friseur, im Volkshochschulkurs oder in anderen sozialen Beziehungen. Die Pflege oder Genesungsbegleitung ist immer dabei. Ein Konzept der Inklusion und Prävention. Bei offenen Stationen gibt es signifikant weniger Übergriffe – von Patienten wie Personal. Die Patienten sind früh aufgefordert, mitzuarbeiten und ihre eigenen Wege zu suchen.

Eine Eins-zu-eins-Betreuung? Woher soll das Personal dafür kommen?
Wir brauchen mehr Personal in den Kliniken, aber auch Genesungsbegleiter. In Hessen haben wir bisher mehr als 140 ausgebildet, leider arbeitet nur ein Drittel von ihnen auf bezahlten Stellen. Aber die Zahl nimmt zu. Durch die Wallraff-Geschichte, aber auch durch den wachsenden Mangel an Fachpersonal.

Was ist die zweite Möglichkeit, Zwang zu reduzieren?
Krisendienste, wo man rund um die Uhr, vor allem auch nachts und an Wochenenden hingehen kann, wenn man in großer Not ist. In Berlin gibt es sie in jedem Bezirk. Sie vermitteln nach Bedarf einen Termin in der Klinik, fangen Extremsituationen ab. Das führt nachweislich zu weniger Zwangsbehandlungen. Auch dort arbeiten Genesungsbegleiter.

Das könnte Sie auch interessieren