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Selbst die Gärtnereien bei Oberrad würde mancher Entwickler gern bebauen.  

Wohnen

In Frankfurt tobt der Kampf um Grundstücke

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In Frankfurt wird es immer schwieriger, Grundstücke für den Wohnungsbau zu finden.

Noch wird in Frankfurt massiv gebaut. In den vergangenen Jahren sind so viele Wohnungen auf den Markt gekommen wie sehr lange nicht. Die Zahl der Baugenehmigungen liegt auf Rekordniveau. Doch das könnte sich trotz der riesigen Nachfrage und der immer noch geringen Anlagealternativen bald ändern. Denn die bebaubaren Flächen in der Stadt werden knapp.

Mehr als 750.000 Menschen leben inzwischen in Frankfurt. Im Jahr 2030 wird die Stadt nach eher vorsichtigen Prognosen 810.000 Einwohner haben. Und die für den Wohnungsbau wichtigere Zahl der Haushalte steigt ebenfalls sehr kräftig. So viele Menschen wie nie arbeiten in Frankfurt. Und noch suchen die Unternehmen in der Stadt Leute. Die Zahl der Schüler wächst und wächst. Nicht nur Wohnungen fehlen. Kitas, Schulen, Sportflächen, Supermärkte müssen entstehen. Langsam werden in der Innenstadt die Büros knapp, Rechenzentrenbetreiber sichern sich große Grundstücke.

Bürohäuser umwandeln gilt als nicht mehr so attraktiv

Doch die verfügbare Fläche in der Stadt ist endlich, und die Entwicklung neuer Viertel auf Äckern und Wiesen dauert sehr lange. Als Folge wird der Kampf um die bebaubaren Grundstücke in den bestehenden Stadtteilen härter. Die Bodenpreise schießen nach oben. Im Schnitt wechselten Grundstücke für Mehrfamilienhäuser im vorigen Jahr für 1720 Euro pro Quadratmeter die Eigentümer. Das hat auch mit Spekulation zu tun: Einige Investoren lassen Flächen lieber liegen, als sie zu bebauen – und verkaufen sie dann teurer weiter. Selbst Projektentwickler fordern die Politik auf, dagegen vorzugehen.

Serie „Frankfurt wächst“

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800 000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden? Mehr Texte unserer Serie „Frankfurt wächst“ gibt es als Plus-Inhalte in der Zeitung, im E-Paper und der FR+ App.

Tausende Wohnungen sind in den vergangenen Jahren durch Konversion entstanden. Im Gallus ist auf den früheren Güterbahnhofgelände das Europaviertel gebaut worden, die Bürostadt Niederrad verwandelt sich sukzessive in ein gemischtes Quartier, in der Innenstadt sind auf den einst von Degussa, Bundesrechnungshof und der Frankfurter Rundschau genutzten Arealen gemischte Viertel mit teuren Wohnungen entstanden. Autohäuser, kleine und große Gewerbebetriebe haben zum Beispiel im Gallus Platz für Wohnblocks gemacht. Baulücken verschwinden. Selbst Grundstücke direkt am Bahndamm werden bebaut und finden mühelos Käufer. Noch gibt es große, zuletzt vor allem gewerblich genutzte Viertel wie den Römerhof oder das frühere Siemens-Areal, noch können Quartiere wie am Rebstock weitergebaut oder aus Sicht der Stadt mindergenutzte Areale wie nordwestlich des Günthersburgparks entwickelt werden. Noch gibt es auch die Chance, Siedlungen der 20er- und 50er/60er Jahre nachzuverdichten. Eine riesige Anzahl von Wohnungen wird dabei aber eher nicht entstehen. Die Umwandlung von Büro- in Wohntürme dürfte nachlassen. Seit die Büromieten wieder anziehen, ist dies für Investoren nicht mehr so attraktiv.

Und dann? Ginge es nach den Projektentwicklern, würde Frankfurt schnell noch höher, noch dichter, würden neue Wohnhochhäuser ermöglicht, noch mehr Industriegebiete in Wohnbauflächen umgewandelt. Das Kapital sucht Anlagemöglichkeiten. Und würde dabei auch vor einer Umwandlung des Osthafens in ein Wohnquartier, einer Bebauung der Oberräder Grüne-Soße-Gärtnereien, Eingriffen in den Grüngürtel und der Bebauung von Freizeit- und Kleingärten nicht zurückschrecken. Die großen Ackerflächen im Norden der Stadt würden nach und nach bebaut.

IHK warnt vor "Deindustrialisierung"

Doch das werden sich Nachbarkommunen, Industrie, Gärtner, Umweltschützer nicht so einfach gefallen lassen. Mieter gehen ohnehin bereits an vielen Stellen der Stadt gegen Nachverdichtung und eine von ihnen befürchtete Verdrängung auf die Barrikaden. Die Industrie- und Handelskammer warnte schon vor Jahren vor einer „Deindustralisierung“ der Stadt, davor, neue Wohnungen auf Kosten der Wirtschaft zu schaffen. Auch Unternehmen, die sich ansiedeln wollen oder expandieren, bräuchten schließlich Platz. Kleingärtner haben bereits bewiesen, dass sie in der Lage sind, Bebauungen auf ihre Kosten zu verhindern. Klimaaktivisten warnen davor, Bäume zu fällen, Luftschneisen zu bebauen und Biotope für Tiere zu vernichten – und dürften angesichts der Hitze in der Stadt immer mehr Gehör finden. All den Gegnern der neuen Wohnprojekte hilft dabei, dass die Mehrzahl der geplanten neuen Wohnungen so teuer wird, dass sich die Vorhaben nicht leicht als Mittel zur Lösung des Wohnungsproblems verkaufen lassen.

Diese Flächenkonkurrenzen und Hürden sind der Stadtpolitik sehr bewusst. Mit ihnen so umzugehen, dass gleichzeitig Wohnungen, Büros, Gewerbebetriebe, Schulen und Sportvereine Platz finden und dennoch genug Grün bleibt, gilt als die größte Herausforderung der kommenden Jahre. Jahrelang hat die Verwaltung das Frankfurter Stadtgebiet für ein integriertes Entwicklungskonzept auf für diese Nutzungen geeignete Flächen gescannt, 222 Areale ausgiebig untersucht und bewertet. Acht Schwerpunkträume im Stadtgebiet sollen nach Willen des Magistrats nun prioritär entwickelt werden. Dass dies konfliktfrei geschehen wird, glaubt niemand.

Pfingstberg: Konflikt mit Landwirtschaft

Der Pfingstberg im Norden Frankfurts bleibt wohl noch viele Jahre landwirtschaftlich genutzt. Die SPD im Römer steht mit ihrer Forderung, zwischen Nieder-Eschbach, Nieder-Erlenbach und Harheim einen großen neuen Stadtteil zu errichten, ziemlich allein da. Die Koalitionspartner CDU und Grüne haben jetzt durchgesetzt, dass der Pfingstberg im vom Magistrat beschlossenen integrierten Stadtentwicklungskonzept nicht mal mehr als „Untersuchungsgebiet“ auftaucht. Gegen diese Einstufung spricht für CDU und Grüne etwa die mangelhafte Verkehrsanbindung. Früh gegen eine Bebauung mobilisiert haben die Frankfurter Landwirte. Selbst wenn nur ein Teil des Areals bebaut werde, sei dies das Aus für die Landwirtschaft am Pfingstberg, warnen sie. Wertvoller Boden werde zerstört, Frischluftschneisen verschwänden. Umweltschützer sehen schützenswerte und seltene Arten bedroht und fürchten um den Naherholungsraum.

Avaya-Areal im Gallus: Konflikt mit Gewerbe

Schon vor mehr als fünf Jahren hat die Stadt die Weichen für die Umwandlung des früheren Avaya-Areals im Gallus in ein Wohngebiet gestellt. An der Kleyer- und Ackermannstraße in Nähe des Bahndamms könnten 1500 Wohnungen und drei Kitas Platz finden. Sie sollen in sieben Gebäude, darunter vier Blocks mit Innenhöfen, unterkommen. Schon seit 2017 ist der Bebauungsplan rechtskräftig. In einem städtebaulichen Vertrag hat sich der Investor verpflichtet, zu 30 Prozent öffentlich geförderte Wohnungen zu errichten – günstigen Wohnraum also, der in Frankfurt von Tausenden gesucht wird. Passiert ist aber bisher nichts. Der Grund: Ein Nachbar, bei dem es sich offenbar um ein Rechenzentrum handelt, das Beeinträchtigungen fürchtet, ist gegen den Bebauungsplan vor Gericht gezogen. Bis dieses sogenannte Normenkontrollverfahren abgeschlossen ist, darf auf dem Gelände nichts geschehen. 

Günthersburghöfe: Konflikt ums Grün

Kleingärtner, Klima- und Umweltschützer kämpfen für den Erhalt der „Grünen Lunge am Günthersburgpark“ im Nordend. Sie wollen noch verhindern, dass in dem Gebiet etwa 1400 Wohnungen entstehen. Das von Gärten geprägte Areal müsse schon wegen der dort hohen Biodiversität und seiner Bedeutung für die Frischluftzufuhr erhalten bleiben, fordern die Gruppen – und weisen auf die globale Klimakrise und das Artensterben hin. Die Koalition im Römer hält an den Plänen fest. Ein Bebauungsplan ist in Arbeit, der auf Grundlage des Siegerentwurfs eines städtebaulichen Wettbewerbs entsteht. Dieser sah vor, dass unter dem Namen „Günthersburghöfe“ sechs Höfe und ein Hochhaus entstehen. Die Bebauung soll dicht sein, damit viel Grün erhalten bleibt. Die Initiativen gehen trotz eines vorgeschrieben Anteils von 30 Prozent geförderten Wohnungen davon aus, dass im Areal fast nur teuer gebaut wird. Kritisch sehen sie etwa, dass dort der Entwickler Instone tätig wird.

Zuletzt hatten wir über die Auswirkungen des Baukindergelds berichtet: Käufe von Eigenheimen erreichen Rekord. Auch die Wohnungen in den neuen, teuren Hochhäusern sind umstritten: Oben herrscht der Luxus, unten die Not*. 

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