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In Frankfurt startet der autofreie Mainkai ab dem 29. Juli. Für 13 Monate gehört die Uferstraße Fußgängern und Radfahrern. 

Autofreier Verkehr

Mainkai-Sperrung beschlossen - Ende Juli geht es los

In Frankfurt startet der autofreie Mainkai ab dem 29. Juli. Für 13 Monate gehört die Uferstraße Fußgängern und Radfahrern. 

Frankfurt - 20.000 Autofahrer werden sich für längere Zeit umgewöhnen müssen: Die Ost-West-Straßenverbindung entlang des östlichen Mainufers wird ab Monatsende gesperrt. Zwar ist es nur ein Testlauf, 13 Monate lang soll er dauern. Dass jemals wieder motorisierter Individualverkehr durchs Postkartenidyll der Mainmetropole rollt, halten aber selbst Kritiker hinter vorgehaltener Hand für unwahrscheinlich.

Die Zahl der Kritiker ist überaus gering - zumindest für die testweise, zeitlich begrenzte Sperrung. Sämtliche Fraktionen im Stadtparlament mit Ausnahme der AfD haben zugestimmt. Es wurde sogar ohne weitere Aussprache während der jüngsten Sitzung durchgewunken. Diese überraschend breite Zustimmung animierte Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) dazu, den Stadtverordneten vom Rednerpult ein ausdrückliches Dankeschön auszusprechen.

Autofreier Mainkai: Sogar der ADAC lobt

"Sogar der ADAC hat die Linie dieser Koalition bestätigt", freut sich SPD-Verkehrsexperte Eugen Emmerling. Just am Tag der Entscheidung hatte Experte Wolfgang Herda vom Automobilclub in einem Interview in dieser Zeitung zur Mainkai-Sperrung geurteilt: "Das ist genau das Richtige."

Der Mainkai zwischen Alter Brücke und Untermainbrücke soll vom Mainfest in diesem Jahr bis nach dem Museumsuferfest 2020 voll gesperrt bleiben. Ausnahme ist der östliche Abschnitt: Hier können aus dem Parkhaus Dom/Römer und vom Weckmarkt kommende Autos weiterhin über die Straße Am Pfarrturm und dann den Mainkai fahren. Damit soll auch die Zufahrt für Lieferanten und Fahrgäste der Mainschifffahrt offen bleiben.

Staus in Frankfurt  befürchtet

Ein ganz klein wenig wird die Sperrung für die Autofahrer womöglich noch abgemildert. Auf Antrag von Stephanie Wüst und Annette Rinn (beide FDP) hat das Parlament die Regierung beauftragt zu prüfen, ob sich der Verkehr auf einer Umleitungsstrecke nicht flüssiger gestalten lässt. Dafür sollten möglichst zusätzliche Linksabbiege-Möglichkeiten geschaffen werden: für den vom Süden kommenden Verkehr von der Kurt-Schumacher-Straße in die Berliner Straße sowie für den vom Osten kommenden Verkehr von der Schönen Aussicht auf die Alte Brücke.

Abgesehen von Ummarkierungen und zusätzlichen Schildern hat das Oesterling-Ressort bisher keine Veränderungen im Straßenverkehr vorgesehen. Man setzt darauf, dass sich die Autofahrer auch so neue Wege suchen. Besonders die Berliner Straße in der Altstadt und das Sachsenhäuser Ufer werden wohl als Umfahrungsrouten genutzt.

Gerade von Osten her wird das Umfahren nicht ganz einfach. Denn an der Schönen Aussicht ist nur das Rechtsabbiegen Richtung Konstablerwache möglich. Die erste Linksabbiegemöglichkeit folgt erst am Friedberger Tor in den Anlagenring. Von Westen her will die Stadt immerhin an der Kreuzung das Linksabbiegen vom Untermainkai in die Neue Mainzer Straße möglich machen. Ohne die beiden zusätzlichen Linksabbiegemöglichkeiten "ist mit erheblichem Mehrverkehr in der Innenstadt zu rechnen", warnen die FDP-Politikerinnen Wüst und Rinn, "da Autofahrer große Umwege fahren müssen, um an ihr Ziel zu kommen".

Die Sperrung des Mainkais wird konkret am 29. Juli erfolgen. Ab diesem Tag wird das Mainfest 2019 aufgebaut. Die Testphase soll offiziell nach dem Museumsuferfest im kommenden Jahr zu Ende gehen. Nach dessen Abbau würde die Straße dann am 1. September 2020 wieder zur Verfügung stehen. Fußgänger und Radfahrer sollen den Mainkai zunächst nutzen können, ohne dass dieser umgebaut wird. Die Zufahrt wird auf beiden Seiten durch die Anti-Terror-Betonsperren verriegelt - für Einsatzfahrzeuge aber bleibt eine per Schranke verschlossene Durchfahrt frei. 

80 000 Euro nimmt die Stadt in die Hand, unter anderem, um den Nutzern der 17 wegfallenden Anwohnerparkplätze während der Sperrung Stellplätze in der Römer-Tiefgarage zu bieten. Auf dem Mainkai soll sich Außengastronomie ausbreiten können, auch eine Tanzbühne ist vorgesehen. Insgesamt soll der Bereich laut Oesterling "der ruhigen Erholung" dienen, laute Festivitäten will die Stadt nicht. Als Bonbon soll auch eine kurze Linie mit autonomen Kleinbussen eingerichtet werden. Sie sollen in gemächlichem Tempo zwischen den beiden Brücken pendeln. So will der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) testen, ob sich fahrerlose Busse schon unter Alltagsbedingungen einsetzen lassen.

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Kommentar

Die äußerst breite Mehrheit zeigt: Es ist der richtige Weg, Fußgängern und Radfahrern Vorrang zu gewähren am Mainkai. Dass da, zwischen Altstadt und Mainufer, noch jeden Tag 20 000 Autos und Laster entlang rollen, ist zwar bequem für deren Fahrer. Aber es wirkt anachronistisch für eine Großstadt westlicher Prägung an der Schwelle in die 2020er-Jahre. Metropolen in aller Welt haben längst den Autoverkehr in solchen Vierteln zurückgedrängt.

So ist es nicht verwunderlich, wenn selbst jene, die den Mainkai gern offen gelassen hätten, nicht damit rechnen, dass er jemals wieder dem motorisierten Verkehr zur Verfügung steht. Die Macht des Faktischen dürfte das einfach verhindern: Wenn die Frankfurter einmal zu lieben gelernt haben, wie schön die schönste Seite ihrer Stadt ist, wenn dort keine Motoren mehr brummen, werden sie das nicht mehr hergeben. Selbst wenn danach erstmal ein ewiges Provisorium folgen sollte. Was auch eine echt frankfurterische Lösung wäre. Siehe Hauptwache.

Wie desinteressiert die Stadt mit täglich 20 000 Betroffenen umgeht, ist nicht die feine Art. Das Verkehrskonzept ist rudimentär, jeder Fahrer wird sich selbst überlassen. Ja, sicher wird jeder einen neuen Weg finden, werden sich die Staus irgendwann ein wenig nivellieren - sobald mancher die für sich passenden Nebenstraßen entdeckt hat.

Diese Verkehrspolitik per Brechstange ist überaus unklug. Denn die Kommune gibt es aus der Hand, den Verkehrsstrom sinnvoll zu leiten. Darunter werden auch viele Anwohner an anderen Stellen leiden. Sie benötigen dann den Mainkai als ruhiges Erholungsziel um so mehr.

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

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