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Der „Prolog“ zur Ausstellung: Monitore mit Film- und Sprachzitaten.

Ausstellung

Herrlich altmodische Zukunft

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Die Ausstellung „Back to Future – Technikvisionen zwischen Fiktion und Realität“ im Museum für Kommunikation zeigt, was die Zukunft in den Menschen auslöst, einst und heute.

Das Beamen, also das Verschwinden von einem Ort, um an einem anderen Ort wieder aufzutauchen, ist zuallererst eine Frage des Budgets. Das lehrt die Ausstellung „Back to Future – Technikvisionen zwischen Fiktion und Realität“, die von nun an bis in den nächsten Sommer im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehen ist. Oder auch nicht. Es ist eine fantastische Ausstellung, aber es ist auch Corona, und auf das Beamen werden wir noch zurückkommen, an einem anderen Ort in diesem Text.

Zunächst ist die Schau nur virtuell zu sehen. Also nicht im Museum, wo sie hingehört und wo sie sich auch wirklich befindet (die FR hat für Sie nachgeschaut), sondern nur im Computer. Aber hoffentlich wirkt sie auch im Virtuellen, und noch einmal hoffentlich werden echte Menschen auch bald wieder in echte Museen gehen dürfen.

Themenraum „Auf der Suche nach einer anderen Welt“ mit dem Modell des Unterwasserlaboratoriums Helgoland.

Andererseits passt es ganz gut, dass eine futuristische Ausstellung über einst unvorstellbare Dinge wie etwa das Internet genau jetzt läuft – jetzt, da wir das Internet so gut gebrauchen können wie nie zuvor. „Unsere Ausstellung hilft gerade auch in der Pandemie“, sagt Kuratorin Katja Weber tapfer. Vor zwei Jahren begann sie, die Schau zu konzipieren, in einer Zeit also, als Pandemien noch Schreckgespenster waren, die es nicht bis zu uns schafften. „Jetzt ist beispielsweise Videotelefonie zur Selbstverständlichkeit geworden“, erinnert Weber. Alle Welt konferiere plötzlich am Bildschirm. Das zeigt: Die Umsetzung einer Vision ins Konkrete hängt oft vom Zeitgeist ab, wie die Kuratorin sagt.

Die Schau

Am Mittwoch, 18. November, um 19 Uhr wird die Ausstellung „Back To Future. Technikvisionen zwischen Fiktion und Realität“ im Frankfurter Museum für Kommunikation eröffnet, und zwar online. Der öffentliche Livestream wird ab 19 Uhr übertragen. Wer dabeisein will, wählt sich unter https://www.lebenx0.de/ ein. Bis zum 29. August 2021 zeigt die Schau, was sich Menschen haben einfallen lassen, um in die Zukunft zu schauen – oder die Zukunft komfortabler zu machen. Oder aufregender. In die Ausstellungsräume darf vorerst niemand hinein. Doch die Hoffnung ist groß, dass auf den virtuellen Museumsbesuch bald auch wieder der persönliche folgen kann. Mehr über Ausstellung und Museum: www.mfk-frankfurt.de.

Wer hineingeht in die Ausstellung, findet sich zunächst im sogenannten Prolog wieder, der ein Karussell aus Monitoren beherbergt, und darauf: bewegte Bilder von gestern, wie wir die Welt von morgen sahen, schwarz-weiß, mit Fragen und Gedanken zu dem, was kommt: „Möchten Sie Ihre Zukunft kennen?“ Möchten wir? „Warum wollen wir Menschen unsere Zukunft kennen?“, fragt Katja Weber, „warum wollen wir uns ständig verbessern – was ist diese latente Unzufriedenheit?“ Der Prolog solle „den Kopf öffnen für das, was wir später aufblättern“.

Das ist viel. Und es trägt tolle Überschriften. „Suche nach einer anderen Welt“ heißt ein Themenraum, „Überwindung von Raum und Zeit“ ein anderer. Sofort hat der offene Kopf Assoziationen, und sie finden Begleiter. Unglaubliche Maschinen sind ausgestellt, die ersten Bild- und Mobiltelefone, Universal-Übersetzungsapparate – und dazwischen der Zettelkasten des Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann, Idol der FR-Archivare von einst. 90 000 Zettel aus 40 Jahren. Der frühe Versuch, Informationen zu verlinken, „assoziativ ins Denken kommend“, wie Luhmann selbst beschrieb, in einer „Kombination aus Ordnung und Unordnung“, mit der Taktik der „Klumpenbildung“.

Figurbetont: Tauchausrüstung nach Plänen aus dem Jahr 1829.

Herrlich altmodische Bücher und Filme sind in der Ausstellung zu sehen, mit herrlich futuristischen Ideen. Kluge Zitate in Hülle und Fülle wie jenes des Elektropioniers Nikola Tesla: „Wenn die Drahtlostechnik perfekt angewendet wird, wird die ganze Erde in ein riesiges Gehirn verwandelt.“ Das sagte er 1926. Ob das Drahtlose jenes Gehirn schlauer gemacht hat – anderes Thema.

Volontärin Caroline Dörr hat in einem der Schauräume praktisch alles zusammengetragen, wovon Kinder immer geträumt haben (jedenfalls in der Prä-Smartphone-Ära). Darunter den Wunsch, sich selbst in einer Rohrpost mit irrer Geschwindigkeit von A nach B schießen zu lassen, autonome Fahrzeuge (Leonardo da Vinci hatte Pläne dafür im 15. Jahrhundert), Zeitreisen (klappt, wenn man Astronautin oder Astronaut ist, ein ganz kleines bisschen) – und ja: das Beamen. Wir lernen, dass es erfunden wurde, um die Crew des Raumschiffs „Enterprise“ kostengünstig zu Außeneinsätzen auf abgefahrenen Planeten zu schicken. Das knappe Budget, Sie verstehen. Und? Kann ich mich hier von einem Ausstellungsraum in den anderen beamen lassen? „Die Techniker sind dran“, sagt Caroline Dörr verschwörerisch, „aber bisher hat das Budget noch nicht dafür gereicht.“

„Beam me up, Scotty“ – einmal muss der Spruch ja hier vorkommen.

Was auf jeden Fall geht: in Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ lustwandeln, dank VR-Brille. VR bedeutet: virtuelle Realität. Auf dieselbe Weise können sich Besucherinnen und Besucher übrigens in schwarze Frauen hineinversetzen, die an der Entdeckung der Zukunft bisher beklagenswert selten teilhaben konnten; Lieutenant Uhura auf der „Enterprise“ war eine der raren Ausnahmen. Ihre Darstellerin Nichelle Nichols arbeitete später für die Nasa. Die Schau widmet diesem Thema Aufmerksamkeit und lässt auch den schwarzen Dichter und Musiker Gil Scott-Heron zu Wort kommen, der 1970 das Gedicht „Whitey on the moon“ schrieb. Auszug: „Ich kann keine Arztrechnungen bezahlen, aber der weiße Mann ist auf dem Mond.“ Der Weltraum – unendliche Weiße, ließe sich in Abwandlung des „Enterprise“-Intros sagen. Die Zukunft war allzu lang eine Erfindung speziell für Hellhäutige.

Wer will, kann an verschiedenen Stationen der Ausstellung abstimmen, etwa darüber, welche Erfindung lieber rückgängig gemacht werden sollte (Internet, Smartphone, Bildtelefon, Übersetzungsautomat oder gar keine?), und es gibt einen Utopiengenerator. Da lässt sich die persönliche Zukunftsvorstellung bauen, mit den passenden Landschaften und Lebewesen, auch von zu Hause aus am PC.

„Enterprise“-Captain Kirk hatte jedenfalls das erste ganz kleine Mobiltelefon – den „Kommunikator“.

Kunstwerke vervollständigen die Schau. Eines zeigt einen riesigen Meteor über eine ganze Museumswand, der aber gar kein Meteor ist, sondern? Wird hier nicht verraten, sonst macht’s ja keinen Spaß mehr.

Apropos Spaß: Ein Kommunikationsmuseum, in das niemand hineingehen und kommunizieren darf – macht das denn noch Freude? „Die Ausstellungseröffnung haben wir uns natürlich anders vorgestellt“, sagt Museumssprecher Daniel Voigt. Mehr so mit Menschen als nur im Internet. „Jetzt brauchen wir eben utopische Konzepte, eine konkrete Utopie. Es wird nicht das letzte Mal sein.“

„Man hat oft Ohnmachtsgefühle und denkt, nur die Reichen und das Silicon Valley bestimmen die Welt“, sagt Kuratorin Katja Weber. „Aber hier zeigt sich: Oft sind es ganz normale Leute, die die guten Ideen haben.“ Sie versteht die Ausstellung auch als einen Selbstermächtigungsaufruf: „Unsere Visionen von heute sind die Lösungen von morgen. Zuversichtlich sein!“

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