Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Erica Ludolph 2011. Foto: Privat
+
Erica Ludolph 2011.

NS-Widerstand

Frankfurt: Heldin im Hintergrund

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

Erica Ludolph, die vielleicht letzte lebende Retterin Frankfurter Jüdinnen und Juden, wird 100 Jahre alt. Sie nahm größte Gefahren auf sich, um anderen zu helfen.

Sie müssen auf der Hut sein. Als die beiden Frauen Mitte 1944 im Zug von Süden nach Norden reisen, droht ihnen überall die Enttarnung, droht ihnen überall der Tod. Im Zickzackkurs müssen sie sich durchs Land bewegen. Eine der beiden ist Margarete Knewitz, Tochter jüdischer Eltern. Die andere Frau ist Erica Ludolph. Nach allem, was wir heute wissen, ist sie die letzte lebende Frankfurterin, vielleicht die letzte Lebende auf der Welt, die half, Menschen vor der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten zu retten. An diesem Donnerstag wird sie 100 Jahre alt.

„Es geht ihr gut“, sagt Petra Bonavita. „Sie ist gerade zum zweiten Mal geimpft worden.“ Gegen Corona. Die alte Dame sei nicht bettlägerig, aber Besuche in der Pflegeeinrichtung, in der sie seit einigen Jahren lebt, täten ihr nicht gut. „Sie mochte noch nie in der Öffentlichkeit stehen“, sagt Bonavita. „Sie lebte schon immer bescheiden und sehr zurückgezogen. Und sie erzählt kaum von früher.“

Dass wir überhaupt etwas von Erica Ludolph wissen, ist zum großen Teil der Frankfurter Soziologin Bonavita zu verdanken. Sie traf Erica Ludolph zum ersten Mal 2007 bei der Verlegung von Stolpersteinen – sichtbare Zeichen vergangenen jüdischen Lebens in der Stadt, Zeugnisse menschenverachtenden Terrors von einst. Die Frauen hielten Kontakt. Vier Jahre später brachte Erica Ludolph zwei weitere Stolpersteine auf den Weg, diesmal vor dem Haus Holbeinstraße 40 für die Eheleute Weiss, beide 1942 nach Theresienstadt deportiert, beide bald darauf ermordet. Es ist das Haus, in dem Ludolph als Kind mit ihren Eltern lebte.

Damals, als die Katastrophe des Nationalsozialismus heraufzog, war die Familie Ludolph schon früh im Widerstand engagiert. Die Mutter arbeitete in einem Frauenhilfekreis mit, der jüdische Familien unterstützte, und brachte beispielsweise im Schutz der Nacht Lebensmittelkörbe. „In diese Strukturen ist Erica mit 14, 15 Jahren langsam hineingewachsen“, sagt Petra Bonavita. Nach dem Umzug in die Grillparzerstraße im Dornbusch – die Eltern hatten sich getrennt – nahmen Mutter und Tochter Kontakt zu den Menschen in einem nahen Lager französischer Kriegsgefangener auf, halfen beim heimlichen Austausch von Nachrichten und organisierten sogar Kurierdienste nach Frankreich zur Résistance.

„Sie achteten darauf, besonders freundlich zu den Gefangenen zu sein – wie auch zu Juden, die in einem abgetrennten Teil der Straßenbahn mitfahren mussten“, sagt Bonavita im Gespräch mit der FR. „Es ging ihnen darum zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Sie haben aufmerksam wahrgenommen, was passierte. Sie unterschieden sich deutlich von all den Leuten in Deutschland, die später sagten, sie hätten nichts gesehen und nichts gehört.“

1943 werden sie denunziert. Erica Ludolph erhält eine Vorladung zum Verhör in der Gestapo-Zentrale in der Lindenstraße. Sie erscheint dort mit gepacktem Koffer, weil sie davon ausgeht, direkt ins Konzentrationslager weitertransportiert zu werden. Doch es kommt anders. „Sie hat denen was vorgelogen, dass sich die Balken bogen“, berichtet Petra Bonavita. Danach ist noch größere Vorsicht geboten. Ludolph besitzt einen gefälschten Ausweis als belgische Fremdarbeiterin. Den haben ihr die Franzosen besorgt.

Mit dem Ausweis begibt sie sich auch auf die lebensgefährliche Reise mit Margarete Knewitz. Die wohlhabende Frankfurterin erhält ihre Vorladung in die Lindenstraße am 10. Mai 1944 – und taucht sofort unter. Als Erica Ludolph davon erfährt, bittet sie in der Dreifaltigkeitsgemeinde im Kuhwald um Hilfe. Pfarrer Heinz Welke nimmt sich des Falles an, ein unerschrockener Geistlicher, der den Nazis schon länger die Stirn bietet. Gemeinsam baldowern sie eine Fluchtroute aus.

Knewitz hatte zunächst bei Freunden im schwäbischen Memmingen Unterschlupf gefunden – doch ein sicherer Zufluchtsort ist das nicht, auch nicht vorübergehend. In Norddeutschland hat das mutige Netzwerk der Retterinnen und Retter aber eine Reihe von Quartieren organisiert.

RETTENDER WIDERSTAND

Erica Ludolph, geboren am 25. März 1921, wird an diesem Donnerstag aus Anlass ihres 100. Geburtstages im engsten Kreis gewürdigt. Die Frankfurterin half in der Zeit der NS-Diktatur, Menschen zu retten – sie zeigte Menschlichkeit inmitten des Grauens. Auch nach dem Krieg widmete sie ihr Leben der Hilfe für andere.

Petra Bonavita, geboren 1950, ist mit Erica Ludolph befreundet. Die Soziologin arbeitet seit mehr als 20 Jahren daran, die Geschichten von Rettern und Geretteten aus Frankfurt bekanntzumachen. Das nahm seinen Anfang, als ein Lehrer am Lessing-Gymnasium Forschungen nach ehemaligen jüdischen Schülern aufnahm und sich herausstellte, dass Otto Frank darunter war, der Vater von Anne Frank. Bonavita begann, über die Schule zu forschen, die ihre eigenen Kinder besuchten, das Heinrich-von-Gagern-Gymnasium. Viele Schulen gingen damals auf Spurensuche und schufen Gedenkorte.

Aus den Lebenswegen machte Petra Bonavita ein erstes Buch („Assimilation, Verfolgung, Exil“, Schmetterling-Verlag), dem weitere folgten, darunter „Mit falschem Pass und Zyankali“ mit der Geschichte von Erica Ludolph.

Dieter Maier, geboren 1947, kennt Erica Ludolph aus der gemeinsamen Arbeit für Menschen aus dem Unterdrückungsstaat Chile in der Zeit des Diktators Augusto Pinochet. Er koordinierte Hilfe in der Frankfurter Gruppe von Amnesty International und schrieb ebenfalls Bücher, etwa über die Verbrechen in der Colonia Dignidad. Beide gemeinsam, Bonavita und Maier, machten die FR auf die Geschichte Erica Ludolphs aufmerksam.

Ein Netzwerk von Retterinnen und Rettern half in Frankfurt den vom Nazi-Terror Verfolgten. Auf der Internetseite rettungs-widerstand-frankfurt.de hat Petra Bonavita Geschichten darüber zusammengefasst.

Wer sich engagieren will gegen das Aufflammen von Hass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, findet in Frankfurt Anregungen etwa bei
www.stolpersteine-frankfurt.de www.fritz-bauer-institut.de
www.juedischesmuseum.de
www.bs-anne-frank.de

Dorthin fahren die beiden Frauen nun, getarnt als Mutter und Tochter, mit gefälschten Papieren und kleinen Zetteln, auf denen die Adressen stehen. Klein, damit sie sie bei Gefahr schnell verschwinden lassen können. Viele Adressen, weil zu jener Zeit nur 100 Kilometer am Stück gereist werden darf. Das heißt: Ludolph und Knewitz müssen auf der 700 Kilometer weiten Reise ständig umsteigen, neue Fahrkarten kaufen, übernachten. Fliegerangriffe unterbrechen die Fahrt zusätzlich. Und dann die ständige Gefahr, enttarnt zu werden.

„Siebzehn Personen an verschiedenen Orten halfen, dass Frau Knewitz überlebte“, schreibt Petra Bonavita in ihrem Buch „Mit falschem Pass und Zyankali“, in dem sie Berichte über Retter und Gerettete aus Frankfurt zusammengetragen hat. Sie schreibt auch: „Erica Ludolph war bewusst, dass sie im Falle eines Falles mit gehangen und gefangen gewesen wäre.“ Von Stuttgart aus über Frankfurt, Marburg, Meiningen, Nordhausen, Göttingen, Hamburg-Altona und Stade erreichen die Frauen schließlich ihr Ziel – mit Herzklopfen: das Gut Övelgönne in Hechthausen. Von dort wird Margarete Knewitz unter ihrem Decknamen König später auch wieder fliehen müssen. Doch sie schafft es, die NS-Tyrannei zu überleben, obwohl ihr Mann von der Gestapo unter Druck gesetzt wird: „Wenn Sie den Aufenthalt Ihrer Frau wissen und nicht sofort melden, dann werden Sie und Ihre Familie getötet, Ihre ganze Sippe wird vernichtet.“

Die Flucht mit der Freundin ist nur ein Ausschnitt aus dem Leben am Rand des Abgrunds, das Erica Ludolph in Hitler-Deutschland führte. Der Frankfurter Amnesty-international-Aktivist Dieter Maier, der sie später bei Aktionen der Chile-Hilfe kennenlernte, berichtet in einer Würdigung: „Bei einem Zwischenaufenthalt im deutsch besetzten Straßburg kam die Gestapo in ihr Hotel Maison Rouge und klopfte an die Türen. Auch an ihre Zimmertür. Sie warf einen Kassiber, den sie im Mund hatte, in die Toilette und machte die Tür nicht auf. Die Gestapo zog weiter.“

Und doch, bei allem Einsatz, bei aller Selbstgefährdung, plagte sie zugleich ein schlechtes Gewissen. Als sie 1942 am Frankfurter Hauptbahnhof auf eine Gruppe Juden stieß, die von SS-Leuten bewacht wurden und offenbar deportiert werden sollten, habe sie eine Angstattacke bekommen und sei weggelaufen, gestand sie Maier. „Das zählte sie zu den wenigen Sünden, die sie beim jüngsten Gericht zu verantworten habe, sagte sie.“ Ihr Leben lang hätten sie die Erinnerungen an solche Angstmomente geplagt. „Noch vor wenigen Jahren sagte sie mir, sie habe jede Nacht Alpträume.“

In den 1940er Jahren studierte Erica Ludolph Sprachen und dolmetschte nach Kriegsende zwischen Kirchenabgesandten und den US-amerikanischen Befreiern. Später ging sie für einige Jahre in die USA und studierte Soziologie, Politik und Kulturanthropologie. Mitte der 1950er Jahre kehrte sie zurück, um in der Hilfsstelle für rassisch verfolgte Christen zu arbeiten, deren Leitung sie bald übernahm und bis zur Rente behielt. „Was sie hier für unzählige Menschen leistete, das dokumentieren mehrere Meter archivierte Aktenordner“, ehrt sie die Diakonie in einem Jahresbericht von 2008.

Erica Ludolph ist unverheiratet. „Sie hat immer in der Hilfe gearbeitet“, sagt Petra Bonavita. „Sie war ihr Leben lang für andere da.“ Natürlich habe sie auch Angst gehabt. „Aber sie hat ihre Angst überwunden und trotzdem geholfen. Das ist wichtig.“

Wurde es auch honoriert? In den Jahren nach dem Krieg habe man in Deutschland erlebt, dass Menschen wie Erica Ludolph nicht nur hinter vorgehaltener Hand „Volksverrat“ vorgeworfen wurde, sagt die Soziologin. Das führte dazu, dass viele nicht mehr darüber sprachen, was sie dem Hass der Nationalsozialisten an Aufopferung und Liebe entgegengesetzt hatten. Erica Ludolph verfiel ebenfalls in Schweigen, nicht nur wegen der Ewiggestrigen.

„Auch nach 1945 behielt die Distanz zum Nationalsozialismus fast körperliche Züge“, schildert Dieter Maier. Ludolph habe ihm einmal gesagt: „Letztlich kann man darüber nicht reden, weil man sich nicht diesem Bösen so annähern will, um es wieder so vernichtend zu empfinden.“ Maier: „Das Trauma erklärt die Hartnäckigkeit, mit der die Retterinnen und Retter schwiegen.“

Das gesellschaftliche Klima habe sich nach dem Krieg nur langsam verändert, sagt Petra Bonavita. „Den Opfern hat man sich erst in den 70er, 80er Jahren wirklich zugewandt.“ Erica Ludolph war dieser Gesellschaft fast ein halbes Jahrhundert voraus.

„Uns bleibt, die Rettungstat als Tat und als Vorbild zu schildern“, schreibt Dieter Maier. „Eine Frau zwischen 20 und 25 Jahren konnte einer gigantischen Mordorganisation Menschen entreißen.“

Erica Ludolph, 17-jährig, 1938 im Internat im Schwarzwald.
Fluchtroute 1944 im Zickzack von Süd nach Nord. Aus dem Buch „Mit falschem Pass und Zyankali von Petra Bonavita.
Erica Ludolph mit Micha Brumlik (re.) und Dieter Maier 2011 bei der Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags des Widerstandspfarrers Heinz Welke in der Katharinenkriche.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare