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Frankfurt: Hausaufgaben des Horrors

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Von: Stefan Behr

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Der Terrorprozess am Oberlandesgericht Frankfurt gegen Marvin E. wird zunehmend beängstigender.

Man kann Marvin E. viel vorwerfen – aber nicht, dass er seine Hausaufgaben nicht gemacht hätte. Der Vorsitzende Richter des Staatsschutzsenates des Frankfurter Oberlandesgerichts Christoph Koller hatte E. nach dem jüngsten Verhandlungstag „Hausaufgaben“ mit auf den Weg gegeben – nachdem der 20-jährige Nordhesse, dem die Anklage die versuchte Gründung einer Terrorgruppe und die Vorbereitung eines Anschlags vorwirft, arg unkonkret über die von ihm heruntergeladenen Amoklauf-Videos und seine Google-Suche nach Schulen in der Nähe geplaudert hatte. E. sollte sich mal überlegen, weshalb er Amokläufe so spannend und das Leid der Opfer so erheiternd fände.

Das hat er getan. Man muss das Ergebnis nicht mögen. Marvin E. fehlt nach wie vor Empathie gegenüber den Opfern, aber er hat „Verständnis für die Täter“. Denn „Täter sind ja auch Opfer, weil sie von der Gesellschaft so weit getrieben wurden“. Dementsprechend sind „Opfer auch Täter“, weil sie ihre Mörder ja irgendwie provoziert haben müssten.

E. redet da aus eigener Erfahrung, wie er am Freitagmorgen berichtet. Er habe sich „immer angegriffen gefühlt“, von allen Seiten, in der Familie, im Freundeskreis und sonst wo. Ständig sei er „als der dumme Hauptschüler wahrgenommen worden“.

Auch wenn er nie konkret einen Massenmord an einer Schule geplant habe, so habe er sich doch immer wieder in die Rolle eines Amokläufers hineinfantasiert. Und dann jeden abgeknallt, den er innerlich „als Feind markiert“ hätte. Man muss ihn gar nicht mobben, um auf E.s Todesliste zu landen. Da stehen an vorderster Front „Juden, Schwarze, Ausländer und Menschen aus dem linken Spektrum“. Aber er will auch nicht allzu wählerisch sein, letztlich sei die Grundidee eines Amoklaufs doch diese: „Wer vor die Flinte läuft, hat Pech gehabt.“

Nach dieser Präsentation der Hausaufgaben könnte man natürlich „Setzen, Sechs!“ sagen, aber zum einen sitzt E. ja schon, zum anderen hält ihm Koller zugute, dass er wenigstens ehrlich ist und sich nach eigenen Angaben für „diese Gedanken auch schämt“. Doch wegen dieser Gedanken sitzt er nicht vor Gericht.

Wenn Marvin E. von den selbstgebauten Bomben spricht, die er in seinem Kinderzimmer in einer gepolsterten Kiste aufbewahrt hatte, wird er beinahe zärtlich: Das seien „meine Babys“ gewesen, „ich wollte nicht, dass da jemand rangeht“. Mit technischer Begeisterung spricht er von der „Kalium-Zucker-Rakete“, die er gerne durch die Glaskuppel des Reichstags gejagt hätte, um „ein politisches Zeichen“ zu setzen. Während die meisten jungen Männer, die wie Marvin E. einen eigenen Kühlschrank im Zimmer haben, diesen für Bier und Gras nutzen würden, bunkerte E. dort Kaliumnitrat. In der Kaffeemühle pulverisierte er Magnesium und Schwefel – mit Wissen und Billigung seiner wutbürgerlichen Familie, die auch in Seuchenzeiten auf die pyrotechnische Silvestergaudi nicht verzichten mochte. Bei den Partyböllern verzichtete E. dann auch auf den Zusatz tödlicher Metallsplitter. Bei den Profibomben nicht.

Außerhalb der Silvesterzeit aber habe seine Mutter, die sich sonst nicht einmal von Hitler-Bildern in der Familien-Chatgruppe aus der Ruhe bringen ließ, ihn wegen der Bombenbastelei schon mal ausgeschimpft. Wenn auch nicht aus Sorge um das Leben ihres Sohnes oder anderer Menschen. „Du bringst uns noch mal die Polizei ins Haus!“, hatte Mama stets befürchtet. Sie hatte Recht.

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