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Kameras und Mikrofone richten sich auf einen Augenzeugen der  schrecklichen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof.

Verbrechen am Hauptbahnhof

Schreie und Tränen am Gleis 7

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Nach dem Drama am Frankfurter Hauptbahnhof sind Augenzeugen und Reisende fassungslos.

Georgio Angelopoulos steht etwas abseits des weiß-roten Absperrbands vor zahlreichen Kameras. Ein halbes Dutzend Mikrofone ist auf ihn gerichtet. Der Mann mit griechischen Wurzeln ist Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn und erzählt den Journalisten, was er gesehen hat. Er erzählt von dem achtjährigen Jungen und dem Mann, der ihn aufs Gleis geschubst hat. Er erzählt auch davon, wie der Täter dann wegrannte, wie andere ihm hinterherliefen und ihn schnappten. Und er erzählt von den Tränen der Mutter des Achtjährigen. Zweimal erzählt er das Gesehene. Dann noch ein weiteres Mal für einen Journalisten, der sein Mikrofon zu spät hingehalten hat. Als er fertig ist, dreht sich Angelopoulos weg, lehnt sich über ein nahes Geländer und weint.

Einem anderen Augenzeuge graut ein bisschen vor der Zukunft. „Ich bekomme diese Schreie einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Und ich muss dauernd denken, dass, wenn ich in Zukunft an einem Gleis stehen werde, mich jetzt immer umdrehen werde, dass keiner hinter mir steht und auch mich versucht, ins Gleis zu schubsen“, sagt Pablo Rodriguez Campos. Nach dem schrecklichen Unfall will Rodriguez Campos nur noch nach Hause. „Ich wollte alleine sein. Ich musste das erstmal verarbeiten. Ich musste eigentlich noch fürs Studium lernen, aber ich kann mich nicht mehr konzentrieren.“

Polizei übernimmt am Hauptbahnhof das Kommando

Die Münchner Journalistin Anna D. kam wenige Minuten nach dem Unglück mit dem Zug am Nachbargleis an. „Als ich in die verstörten und weinenden Gesichter der Menschen sah, die mir von dem Gleis aus entgegen kamen, war mir klar, dass sie etwas sehr Schreckliches gesehen haben mussten“, sagt die 32-Jährige. Erst später erfährt sie, was am Gleis 7 geschehen war.

Während die Augenzeugen den Tatort verlassen, übernimmt die Polizei das Kommando. Die Gleise sechs und sieben sind schon komplett abgesperrt. Vor den Gleisen wimmelt es vor Menschen. Reisende, die nicht wissen wohin, Schaulustige, die noch Zeit haben, bis ihr Zug fährt. In einem Bahnhof gehört es zur Natur der Sache, dass sekündlich neue Passanten hinzukommen und wissen wollen, was los ist. Auf den Zuganzeigen auf den Gleisen heißt es nur lapidar: „Bahnsteig gesperrt. Wegen Gleisänderungen achten Sie bitte auf die Anzeigetafeln.“

Sechs Gleise sind gesperrt

Anderthalb Stunden nach dem Unglück weitet die Polizei die Absperrung aus. In erster Reihe hinter dem Absperrband stehen jetzt immer mehr Journalisten statt Reisender. Immer wieder kommen einzelne Reisende mit ihrem Gepäck vom Unglücksgleis 7. Sie haben außer dem abrupten Bremsen ihres ICE nichts von dem Geschehen mitbekommen, da sie weit hinten im Zug waren und diesen teilweise erst zwei Stunden nach dem Vorfall verlassen konnten. Aus den Bahnhofslautsprechern ertönen fast ununterbrochen Durchsagen über die Verlegung von Zugabfahrten, denn gleich sechs Gleise sind gesperrt.

Kurz nach Mittag stellen Bahnmitarbeiter Sichtschutzwände auf, vornehmlich, damit keine Fotos mit großen Objektiven vom Unglücksort im Abschnitt C des Bahnsteigs geschossen werden können. Um kurz nach halb eins erscheint eine Sprecherin der Polizei, um ein erstes Statement abzugeben. Die Medienschar drängelt sich an das Absperrband vor Gleis 8, wo sich die Sprecherin positioniert hat. Doch auch nach dem Statement bleiben viele Fragen offen.

Bahnreisende fassungslos und geschockt 

Denn auch Stunden nach dem tödlichen Vorfall am Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofes können viele Menschen das Geschehene noch nicht begreifen. Die Gleise 4 bis 9 sind noch immer abgesperrt, stetig macht eine Frauenstimme Durchsagen, erklärt den Reisenden, dass aufgrund eines Notarzteinsatzes am Gleis mehrere Züge nicht im Hauptbahnhof halten oder von anderen Gleisen abfahren. Die großen Anzeigetafeln weisen darauf hin, dass Züge ausfallen. Doch viele Menschen mit Koffern schauen nur irritiert und versuchen herauszufinden, wie sie weiterreisen können.

Unweit des Unglücksgleises stehen zwei Informationsstände der Deutschen Bahn. Für die Reisenden gibt es Wasser und Süßigkeiten. Ein junger Mann steht etwas ratlos vor den Ständen. „Ich möchte eigentlich nach München. Die Bahn wird spontan schauen, von welchem Gleis mein Zug dann fährt“, sagt er. Der Mann aus dem Rheingau ist aber zuversichtlich, dass er seine Familie heute noch in der bayerischen Landeshauptstadt treffen wird.

Bestürzung über Tat am Hauptbahnhof auch im Netz

Der Verkäufer eines Snackladens am Gleis 8 ist schockiert über den Vorfall. „Ein normaler Mensch macht so etwas nicht“, sagt er. Den Vorfall selbst habe er nicht miterlebt, er kam erst gegen 13 Uhr zu seiner Schicht. Das Ganze sei einfach nur schrecklich. Und dann sagt er: „Es ist auch schlecht fürs Geschäft.“ Ohne die Reisenden von den Gleisen kämen deutlich weniger Kunden.

Wenige Meter weiter gibt der Verkäufer des Ladens, der frisch gepresste Säfte verkauft, gerade eine Kanne Orangensaft an den Infostand der Bahn. „Wir werfen es sonst ja nur weg“, sagt Verkäufer Joseph. Seit Stunden sei kein Durchkommen mehr zum Geschäft – das Absperrband verhindert es. „Wir haben die Polizei gefragt, ob sie das Band etwas nach hinten verlegen kann, aber sie haben gesagt, das geht nicht.“

Auf dem Nachrichtendienst Twitter im Internet zeigten sich die Menschen bestürzt über die Tat. Die meisten wünschten der Mutter viel Kraft, andere dachten auch an den Lokführer des ICE.

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