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Der Angeklagte wird vor Gericht gebracht.

Prozessbeginn

Beschuldigter berichtet von Verfolgungswahn

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Aus Gesprächen mit dem Beschuldigten, der am Frankfurter Hauptbahnhof einen Achtjährigen vor einen Zug stieß, ergibt sich ein wirres Bild.

Laut dem Gutachter, dem Habte A. sich in der Psychiatrie anvertraut hat, verbringt A. eine glückliche Kindheit in Eritrea. Mit vier Brüdern und zwei Schwestern wächst er auf der Plantage seiner Eltern auf. Er begeistert sich für Fußball und Musik. Als er 19 Jahre alt ist, bricht Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien aus. A., damals noch geistig gesund, hat keine Lust auf Krieg und versteckt sich auf der elterlichen Plantage. Das Militär findet ihn. A. landet als Sanitäter an der Front. Nach etwa fünf Jahren nutzt er seinen ersten Urlaub zur Flucht.

In der sudanesischen Hauptstadt Khartum schlägt er sich als Rikscha-Fahrer durch. In der „Hoffnung auf ein besseres Leben“ investiert er seine gesparten 3000 Dollar in die Flucht nach Europa. Auf einem Fischerboot fährt er nach Sizilien, 2006 kommt er in die Schweiz.

Er jobbt als Bauschlosser, bildet sich fort, lernt die Landessprache. Bald arbeitet er als Schlosser für die Verkehrsbetriebe Zürich, sein Monatsgehalt beträgt gut 5000 Franken. Er heiratet eine Frau, die er seit Kindheitstagen kennt, und holt sie in die Schweiz. Sie bekommen einen Sohn und zwei Töchter. Seine Vorgesetzten schätzen ihn, sein Führungszeugnis ist selbst für Schweizer Verhältnisse sauber.

2018 tritt der Wahnsinn in sein Leben.

Nach A.s Wahrnehmung beginnen Kollegen hinter seinem Rücken schlecht über ihn zu reden. Sein Chef stellt angeblich Falschbehauptungen über ihn ins Internet. Überall auf der Straße trifft A. nun auf schwarz gekleidete Leute, die ihn beobachten, über ihn reden, seinen Namen in ihre Handys munkeln. A. nennt diese Leute „den Ring“. Er weiß, dass sie einer Stimme gehorchen, einer männlichen Stimme, die er auch immer öfter hört, die versucht, ihn zu manipulieren. Er wehrt sich. Er „verwarnt“ nach eigenen Worten eine Gruppe von Ring-Mitgliedern, die ihn im Bus anstarren und seinen Namen in ihre Handys flüstern. Die Ertappten stellen sich unwissend. Der Ring klingelt nachts an seiner Wohnungstür. Der Ring will seine Ausweispapiere sehen. Manchmal auch die seiner Frau.

Er meldet sich krank. Der Ring lässt nicht locker. Er kündigt seine Arbeit. Er reist in fremde Länder, um dem Ring zu entkommen, nach Belgien, Frankreich, Spanien. Der Ring wartet dort schon auf ihn. Im Februar 2019 reist er erstmals nach Frankfurt. Er hat keine Beziehung zu der Stadt, weiß aber, dass man „von dort nach überall verschwinden kann“.

Habte A. weiß, dass er krank ist. Krank gemacht habe ihn aber alleine die Verfolgung durch den Ring. Davor sei er „völlig gesund“ gewesen. Im Juli 2019 befiehlt ihm die Stimme in seinem Kopf, sein Handy zu zerstören und wieder nach Frankfurt zu reisen. Er gehorcht. Obwohl er mehrere Tausend Euro Bargeld bei sich hat, meidet er die vom Ring geführten Hotels. Er schläft auf Parkbänken.

Am Tag vor der Tat meldet sich die Stimme erneut. Er habe „die Befehle nicht ausgeführt“, sagt die Stimme. Seine Frau und seine Kinder seien deswegen enthauptet worden. A. wendet sich an die Polizei. Die Polizei hält ihn für verrückt. Er habe „zu viel Strom im Körper“, sagt die Stimme. Ein Gewitter zieht auf. Nur er kann es sehen. A. verbringt die Nacht vor der Tat in einer Mauernische. Er wandele nun „weder unter den Lebenden noch unter den Toten“, sagt die Stimme. A. weiß selbst nicht, was das bedeuten soll. Am nächsten Tag wird er töten. Bis heute, sagt er, wisse er nicht, warum.

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