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Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) in ihrem Büro.

Interview

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD): „Ein eiskalter und technokratischer Vorschlag“

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Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) zum CDU-Konzept vom Theater am Osthafen in Frankfurt. Der Opernplatz kommt als neuer Standort infrage.

Frau Hartwig, warum muss ein Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt mehr als 800 Millionen Euro kosten? Ich glaube, viele Menschen stellen sich diese Frage.

Wir haben es hier, anders als bei vergleichbaren Projekten in anderen Großstädten, mit gleich zwei Bauten zu tun: Oper und Schauspiel. Wir besitzen die größte Theateranlage der Bundesrepublik, die aber leider baulich marode ist. Bühnen sind technisch anspruchsvolle Bauten. Dass es sich zudem gleich um zwei große Bühnen handelt, relativiert ein Stück weit die Kosten. Man muss außerdem bedenken, dass wir in Zeiten eines Baubooms leben, der die Baukosten in die Höhe treibt. Und es gibt unzählige Vorschriften, die das Bauen verteuern. Die uns jetzt vorliegenden Zahlen sprechen eine klare Sprache: Eine Sanierung dieser Anlage, an der ich und viele andere Menschen durchaus hängen, ist nicht sinnvoll. Die Kosten sind zu hoch, die Vorteile zu gering. Ich kann eine Sanierung daher nicht empfehlen. Nur der Neubau gibt uns die Möglichkeit, die Bedingungen der Bühnen entscheidend zu verbessern und die Kosten im Griff zu behalten.

Aber es wird jetzt eine Diskussion über diese Kosten geben. Die wachsende Stadt muss ihre Infrastruktur ausbauen, wir brauchen neue Schulen, wir brauchen neue Kindertagesstätten. Eine Summe von knapp 900 Millionen Euro für die Bühnen erscheint da exorbitant.

Es ist richtig: Wir sind eine wachsende Stadt. Eine europäische Stadt. Eine touristisch attraktive Stadt mit immer mehr Besuchern. Das kulturelle Gesicht der Stadt hat neben vielen gesellschaftlichen Aspekten auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Viele Menschen erwarten von Frankfurt ein Angebot der Kultur auf einem entsprechenden Niveau. Das muss sich Frankfurt leisten. Es gehört zur Identität der Städte, emblematische Bauten wie Opernhäuser und Theater zu haben. Ein anderer Punkt ist die Bedeutung der öffentlichen Räume. Wir haben nach der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur viel Geld in die Kultur investiert. Aus gutem Grund. Die Demokratie wird gegenwärtig wieder sehr stark angegriffen. Wir müssen den öffentlichen Raum und die Kulturlandschaft deshalb ganz empathisch verteidigen und alle daran teilhaben lassen. Wir dürfen unsere Innenstädte nicht ausverkaufen.

Frankfurt: Ina Hartwig über Theater am Osthafen - Stuttgart 21 ist ein warnendes Beispiel

Dennoch verstehen viele Menschen nicht, warum gerade das öffentliche Bauen so teuer ist. Wir haben die Diskussion in Köln, wo die Kosten für die Bühnen völlig aus dem Ruder gelaufen sind, wir haben die Debatte in Stuttgart bei der Erneuerung der Staatsoper.

Ja, Köln und Stuttgart sind für uns warnende Beispiele. Wir wollten diese Fehler vermeiden. Deshalb waren wir sehr gründlich bei unseren Untersuchungen und haben neben den reinen Baukosten immer auch die Zwischenspielstätte, ein neues Produktionszentrum und einen nicht unerheblichen Risikopuffer berücksichtigt. Betrachten wir die reinen Baukosten, liegen wir für zwei Neubauten bei 511 Millionen Euro. Mit den uns jetzt vorliegenden Zahlen haben wir eine gute Grundlage für die politische Grundsatzentscheidung.

Sie verteidigen ausdrücklich, dass mindestens eine Bühne am Willy-Brandt-Platz bleibt und die Bühnen überhaupt in die Innenstadt gehören. Die CDU schlägt vor, sich ganz vom Willy-Brandt-Platz zu lösen und an anderer Stelle komplett neu zu bauen. Man würde dadurch alle Interimskosten einsparen. Ist das nicht ein gewichtiger Vorteil?

Nein, das ist ein Scheinargument. Die Lösung des Raab-Karcher-Geländes am Osthafen würde erfordern, dass man das Gelände überhaupt erst mal für den öffentlichen Nahverkehr angemessen erschließt. Außerdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Boden von industriellen Altlasten zu befreien wäre. Es ist ein eiskalter und technokratischer Vorschlag. Ich prophezeie, dass es Frankfurt teurer kommen würde als eine Lösung in der Innenstadt. Allein die Verkehrserschließung würde viele Millionen Euro kosten. Es geht aber letztlich um etwas anderes: Es geht darum, wie wir die Bühnen im 21. Jahrhundert gestalten wollen. Für wen wollen wir sie bauen? Der Vorschlag der CDU ist ein Stich ins Herz der kulturellen Identität Frankfurts. Offenbar geht es darum, Immobilienträume zu erfüllen. Aber diesen Schritt wird es mit mir nicht geben.

Weil man dann das Gelände am Willy-Brandt-Platz vermarkten könnte.

Ja. Das ist etwas, was für die Sozialdemokraten nicht infrage kommt. Mit einem Grundstück, das den Bürgern gehört, darf nicht spekuliert werden. Wenn wir den Willy-Brandt-Platz als kulturellen Ort aufgeben, bekommen ihn die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt nie wieder zurück. Das muss man in aller Deutlichkeit sagen. Dann verlieren wir einen öffentlichen Raum im Herzen der Stadt. Das wäre die Konsequenz.

Man könnte sich ja auch vom Osthafen lösen und Neubauten ganz woanders in der Innenstadt errichten.

Wo denn?

Frankfurt: Alte Oper - kommt das Bühnengebäude an den Opernplatz?

Das Urban Future Forum hat unlängst studentische Entwürfe der Universität Kaiserslautern im Deutschen Architekturmuseum präsentiert. Da gab es zum Beispiel den Vorschlag, ein Bühnengebäude am Opernplatz gegenüber der Alten Oper zu errichten, am Rande der Wallanlagen.

Eine Weiterentwicklung der Strecke zwischen Willy-Brandt-Platz und Opernplatz halte ich für sehr reizvoll. Die Grünen haben die Variante ins Spiel gebracht, gegebenenfalls sogar in den Wallanlagen zu bauen, wenn dafür Ausgleichsflächen am Willy-Brandt-Platz geschaffen werden. Jetzt müssen wir schauen, inwieweit dieser Punkt mehrheitsfähig sein könnte. Ich nehme ihn meinerseits gerne zur Kenntnis. Grundsätzlich finde ich die studentischen Entwürfe ganz spannend, auch die, die wir jetzt im Architekturmuseum ausstellen. Ich habe große Hoffnungen, dass wir bei einem künftigen Architekturwettbewerb auch gute Entwürfe von jungen Architekten bekommen. Es geht schließlich darum, auch ein junges Publikum für die Bühnen zu gewinnen. Wer wird in 20 Jahren in die Oper gehen? Wir müssen die Bühnen attraktiv machen für die nachwachsenden Generationen.

Der nächste Schritt wäre also jetzt ein städtebaulicher Ideenwettbewerb.

Die kulturelle Stadtlandschaft muss weiterentwickelt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dabei den Opernplatz einzubeziehen. Wir müssen uns jetzt als Römer-Koalition zunächst einmal darauf einigen, dass es einen Neubau gibt.

Werden Sie dazu eine Vorlage einbringen?

Ja. Es braucht jetzt einen Grundsatzbeschluss. Ich erarbeite dazu jetzt eine Vorlage für eine Neubaulösung, die im ersten Halbjahr 2020 auf die Römer-Koalition zubewegt wird.

Frankfurt: Neubauten der Bühnen müssen mit Hochhäusern architektonisch konkurrieren

Zur Person

Ina Hartwig (56) ist seit Juli 2016 die Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt.

Die gebürtige Hamburgerin lebt seit 1997 in Frankfurt am Main.

Sie war lange Redakteurin und Literaturchefin der FR und machte sich als Literaturkritikerin einen Namen. 2017 veröffentlichte sie eine Biografie der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.

2012 trat Hartwig der SPD bei. jg

Sie setzen auf eine architektonische Lösung mit Strahlkraft über Frankfurt hinaus.

Auf jeden Fall brauchen wir eine exzellente Architektur. Die Hochhäuser in der City gehören zum Spannendsten, was wir an Architektur in Frankfurt haben. Demnächst wird wieder der Internationale Hochhauspreis in Frankfurt vergeben. Neubauten der Bühnen in der Innenstadt müssen vor diesen Hochhäusern architektonisch bestehen und mit ihnen in eine Wechselwirkung treten.

Sollte die Stadt gezielt Architekten einladen? Sollte man große Namen nehmen?

Wichtig ist, dass wir eine kompetente Jury für diesen Wettbewerb haben.

Die Intendanten von Oper und Schauspiel haben große Befürchtungen bei einer Interimslösung für die Bühnen. Sie fürchten, dass viele Menschen dem Theater verlorengehen. Wie kann man das verhindern?

Wir wollen das künstlerische Niveau hochhalten. Dazu haben wir uns in anderen Städten umgeschaut. Es würde sich anbieten, zunächst einen Opern-Neubau zu errichten, damit die Oper in dieses Gebäude einziehen kann und wir dadurch eine Interimslösung einsparen. Die Interimslösung wird von der Stabsstelle Städtische Bühnen erarbeitet, nachdem die Politik eine Grundsatzentscheidung für den Neubau getroffen hat. Die Stabsstelle hat bereits Prüfungen angestellt. Wir wollen ein Interim, das eine Nachnutzung erlaubt, damit sich diese Investition umso mehr lohnt.

Also eine Bühne, die Bühne bleibt?

Ja. Das finde ich sehr sinnvoll. Der Kulturcampus bietet sich hier an. Aber auch an das Zoo-Gesellschaftshaus ist zu denken, wo ja ein Kinder- und Jugendtheater entstehen soll. Das Bockenheimer Depot ist ohnehin gesetzt.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert


Wie könnte eine Interimsspielstätte für die Oper Frankfurt aussehen? Dieser Frage geht eine Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum nach.

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