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Frankfurt: Happening mit Rückenschmerz am Lohrberg

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Von: Oliver Teutsch

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Südhang mit Ausblick.Die Frankfurter Skyline als Panorama bekommen Freiwillige im Ernteeinsatz exklusiv nur auf dem Lohrberg zu sehen. Foto: Rolf Oeser
Südhang mit Ausblick.Die Frankfurter Skyline als Panorama bekommen Freiwillige im Ernteeinsatz exklusiv nur auf dem Lohrberg zu sehen. Foto: Rolf Oeser © Rolf Oeser

Am Frankfurter Lohrberg helfen Freiwillige für die Lese für den besten und einzigen Riesling der Stadt. Etwa 10 000 Flaschen Spätlese, jahrgang 2022 kommen in den Verkauf.

Monika Bachhuber hat an diesem Vormittag reichlich gute Laune mitgebracht. Dabei wird sie die kommenden Stunden beschwerliche körperliche Arbeit verrichten. An einem steilen Hang stehen, sich meist bücken und dabei mit einer Schere Trauben von den Rebstöcken lösen. „Man muss es mögen, aber mir macht es sehr viel Spaß“, sagt Bachhuber. Sie ist von Frankfurt-Nied quer durch die Stadt gefahren, um an diesem Wochenende bei der Traubenernte zu helfen. Das macht sie schon seit zehn Jahren. Damals hat sie im Ladengeschäft des Städtischen Weinguts im Römer nach Wein Ausschau gehalten und dort von der Möglichkeit erfahren, bei der Lese auf Frankfurts Hausberg helfen zu können. Da war sie gleich Feuer und Flamme.

„Hat man sie also auch so drangekriegt wie mich?“, scherzt ein weiterer Helfer, der dem Gespräch gelauscht hat. Bachhuber lacht: „Ich finde, das gehört zu den 50 Dingen, die man als Frankfurterin getan haben muss“, sagt sie und es schwingt ein gewisser Stolz in ihrer Stimme mit, dass Frankfurt einen Weinberg hat. Stuttgart und Wiesbaden seien die einzigen weiteren Großstädte Deutschlands, die über Weinberge verfügen, sagt Jürgen Rupp. Der Winzer ist für das arbeitsreiche Happening verantwortlich. Die Familie Rupp bewirtschaftet Frankfurts Weingut bereits seit 1994. 25 Hektar in Hochheim, 1,3 Hektar am Lohrberg, wo anders als in Hochheim ausschließlich Riesling-Trauben gedeihen.

Die Lese beginnt alljährlich in Hochheim, denn dort bekommen die Trauben noch mehr Sonne ab als auf dem Lohrberg. „Hochheim hat ein sehr stabiles Kleinklima“, sagt Rupp. Es regne dort weniger als in Mainz oder Rüsselsheim. Daher erziele der Wein dort auch die höchsten Oechsle-Grade des gesamten Rheingaus. Oechsle ist die Maßeinheit des Mostgewichts der Traube. Nach ihr bemisst sich das Prädikat der Weine. Ab 75 Oechsle ist es ein „Kabinett“, ab 85 eine „Spätlese.“ Am Lohrberg, da ist sich Rupp sicher, wird an diesem Wochenende eine Spätlese eingeholt: „85 Grad Oechsle schaffen wir hier auf alle Fälle.“

Denn der Klimawandel kommt dem Frankfurter Wein zugute. Er bekommt mehr Sonne und Wärme ab, als in früheren Jahren. „Vor 20 Jahren ist die Lese erst um den 20. Oktober losgegangen.“ Wie das in weiteren 20 oder 30 Jahren aussehen mag, vermag Rupp nicht zu sagen. Zusätzlich bewässert wird der Wein trotz der großen Trockenheit nicht. „Um einen Effekt zu erzielen, müssten täglich Zehntausende Liter gegossen werden, das kann man keinem vermitteln“, so Rupp. Dank des sandigen Lössbodens am Lohrberg reichen die Wurzeln der Weinstöcke bis zu drei Meter tief. Das bewahrt die alten Stöcke vor dem Austrocknen. Bis zu 50 Jahre alt sind die ältesten Pflanzen.

Der Weinanbau in Seckbach ist zwar schon seit dem neunten Jahrhundert belegt, doch der heutige Südhang am Lohrberg geht erst auf das Jahr 1924 zurück, als der Lohrpark angelegt wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Reblaus viele Weinparzellen in Frankfurt zerstört. Bis dato war auch in Oberrad, Bergen oder gar im Gutleut Wein kultiviert worden. Beim Bau des Lohrparks wurde quasi als Reminiszenz an die frühere Weinkultur der Stadt wieder ein Weinberg angelegt. „Wir Winzer würden den Weinberg ja anders anlegen“, sagt Rupp und deutet auf die Stufen. „Durchgängig. Aber der Weinberg ist halt angelegt wie ein Bürgerpark“, sagt Rupp. „Fragen Sie ihn mal nach Mindestlohn“, ruft ein Erntehelfer dazwischen und erntet Gelächter. „Die bucklige Verwandtschaft“, kontert Rupp.

Die Stimmung ist noch immer gut. Die Freiwilligen füllen ihre Eimer, bevor sie ihre Gefäße in eine Butte leeren, die einer der Festangestellten aus Hochheim auf dem Rücken trägt. Etwa 50 Kilo Trauben passen da rein. Alle paar Minuten wankt der Mitarbeiter auf die Ladefläche des bereitgestellten 7,5-Tonners und entleert seine Butte in eine der großen Tonnen. Da kommt einiges an Gewicht zusammen auf der Ladefläche.

Wer so viel arbeitet, muss sich auch stärken. Eine Mitarbeiterin baut schon die Tische und Bänke für die Vesper auf, die den etwa 30 Freiwilligen als einziger Lohn für ihre Arbeit kredenzt wird. Natürlich wird dazu auch reichlich Wein gereicht. Schon während der Arbeit dürfen die Helfenden im Weinberg der Stadt sich immer wieder an einem Fässchen Federweißer laben – dem bereits angegorenen diesjährigen Wein aus Hochheim. „Wir versuchen die Vesper immer ziemlich spät zu machen, denn danach fällt das Arbeiten schwer“, verrät Rupp.

Gegen 17 Uhr soll der Arbeitstag auf dem Lohrberg enden. Denn für Winzer Rupp und dessen Vater, Senior-Chef Armin, geht die Arbeit dann erst richtig los. „Die Trauben müssen immer frisch verarbeitet werden“, erklärt Jürgen Rupp. Das Tagwerk wird nach Hochheim gebracht und dort gepresst. Das dauert etwa zwei Stunden. Dann wird vorgeklärt, um die Trübstoffe rauszufiltern. Etwa bis Mitternacht sei zu tun. Das gleiche Prozedere wiederholt sich dann am Sonntag. In den zwei Tagen ist die Arbeit auf dem Lohrberg dann getan.

Etwa 10 000 Flaschen Riesling Lohrberg, Spätlese, Jahrgang 2022 wird es geben, schätzt Rupp. Wie gut der Jahrgang letztlich sein wird, vermag der Winzer noch nicht zu sagen. „Ich weiß nur, er wird weniger säurehaltig sein als der letzte Jahrgang“, prophezeit Rupp.

Schwerstarbeit. Etwa 50 Kilo Trauben passen in eine Butte. Foto: Rolf Oeser
Schwerstarbeit. Etwa 50 Kilo Trauben passen in eine Butte. Foto: Rolf Oeser © Rolf Oeser
Für ein Gläschen zwischendrin ist immer Zeit. Foto: Rolf Oeser
Für ein Gläschen zwischendrin ist immer Zeit. Foto: Rolf Oeser © Rolf Oeser

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