Beim Einsatz konnte Gaby Knecht ihre Patienten anfassen. Jetzt muss sie auf Distanz behandeln.
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Beim Einsatz konnte Gaby Knecht ihre Patienten anfassen. Jetzt muss sie auf Distanz behandeln.

Corona

„In Frankfurt halten wir täglich Sprechstunde für die indigene Bevölkerung ab“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Not macht erfinderisch. Mit Hilfe moderner Technik hilft die Frankfurter Ärztin Gaby Knecht auch in Corona-Zeiten der Bergbevölkerung in den Philippinen.

Anfang des Jahres war die Frankfurter Ärztin Gaby Knecht sechs Wochen auf den Philippinen für die Organisation German Doctors im Einsatz. Nachdem ihr Nachfolger wegen des Corona-Lockdowns überstürzt abreisen musste, steht die Bergbevölkerung ohne Arzt da. Doch die einheimischen Krankenschwestern wissen sich zu helfen.

Frau Knecht, wo ist das Einsatzgebiet der German Doctors auf der Insel Mindoro?
Wir kümmern uns um die indigene Bevölkerung, die Mangyans. Auf der Insel gibt es ein Nord- und ein Südprojekt. Je ein Arzt mit einem Fahrer und drei Krankenschwestern fahren jeden Morgen in die Berge in jeweils unterschiedliche Dörfer.

Welche Krankheiten haben Sie gesehen?
Es gibt ganz viele Infekte der oberen Atemwege, weil es dort im Januar/Februar noch sehr feucht und kühl ist. Die Menschen leben in Hütten mit offenem Feuer, in dem gekocht wird. Häufig sind auch Hauterkrankungen – wie Pilze, infizierte Wunden. Und Tuberkulose. German Doctors hat die Aufgabe, diese Menschen herauszufinden, zu diagnostizieren und die Therapie zu überwachen. Schockiert hat mich die hohe Rate an Wirbelsäulentuberkulose bei Kindern. Es ist sehr schwer auszuhalten zu erleben, wie lange es dauert, bis Eltern ihr eineinhalbjähriges Kind vom Berg ins Tal gebracht haben, es geröngt ist, die Diagnose des Radiologen vorliegt und das Kind dem staatlichen Tuberkuloseprogramm zugeführt werden kann.

Zur Person

Gaby Knecht ist Internistin, Infektiologin und Geschäftsführerin des Infektiologikum in Frankfurt. Die Ärztin war für die German Doctors in den Philippinen im Einsatz.

Die Nichtregierungsorganisation endsendet jeweils für sechs Wochen Ärztinnen und Ärzte in Projekte auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia, und Sierra Leone. Sie arbeiten ehrenamtlich in ihrem Jahresurlaub oder im Ruhestand für einen Zeitraum von 6 Wochen und verzichten dabei auf jegliche Vergütung. jur

Jetzt ist kein deutscher Doktor dort mehr im Einsatz. Wie ist die Situation?
Die Versorgung mit Medikamenten ist gewährleistet. Antibiotika, Mittel für den Blutdruck, die Schilddrüse oder Diabetes stellt German Doctors weiter. Auch Salben und Cremes. Die Tuberkulosemedikamente stellt die Regierung, das klappt im Moment auch gut.

Das heißt, die medizinische Versorgung ist rudimentär weiter existent?
Ja, die für das Tuberkuloseprogramm zuständige Krankenschwester und die Pharmazieassistentin versuchen die Sprechstunde aufrechtzuerhalten. In den ersten Wochen sind die Teams in die Berge gefahren, haben Essensspenden und Mundschutz abgegeben sowie Schulungen gehalten zu Hygiene und Händewaschen. Die Chroniker haben ihren Medikamentenvorrat bekommen. Aber keiner hat nach den akuten Erkrankungen geschaut. Nach ein paar Wochen wurde klar, dass diese Situation nicht tragbar ist. Die beiden Teams in Mindoro fragten an, ob die jeweils letzten Doktoren vor dem Lockdown eine Art virtuelle Sprechstunde aufbauen können. Eine superinnovative Idee. Wir haben alle sofort zugestimmt.

Wie sieht das aus – eine virtuelle Sprechstunde?
Nach zwei, drei Wochen waren die Teams mit Smartphones ausgestattet. Unten im flachen Land ist die Netzabdeckung ganz gut, in den Bergen hat man keinen Empfang. Jetzt fährt das Team hoch, versorgt die Chroniker mit Medikamenten und macht außerdem Fotos, schreibt Anamnesen auf, die Vitalparameter, warum der Patient sich bei der reduzierten Sprechstunde vorstellt. So halten wir fünf Kollegen von Deutschland aus als Telemedizin-Messenger-Gruppe täglich Sprechstunde für die indigene Bevölkerung.

Besteht da nicht manchmal Unsicherheit beim Stellen der Diagnose?
Manchmal muss man ein weiteres Foto machen, etwa bei Hautveränderungen. Für akute Sachen gibt es staatliche Health Center, die kompliziert, aber erreichbar sind.

Halten Sie dies für eine Variante, die nach Corona fortgesetzt werden sollte?
Dieses Projekt ist aus der Not geboren. Aber mit Telemedizin kann man die Kollegen vor Ort besser unterstützen. Ich bin Infektiologin und Internistin. Bei dermatologischen Unsicherheiten konnte ich bei meinem Einsatz ein Foto machen und eine Kollegin aus Frankfurt zurate ziehen. Das ist das, was wir daraus lernen können. Dass man Telemedizin zukünftig für solche Einsätze nutzt, um noch mehr interdisziplinär zu arbeiten.

Auch ein Modell für Deutschland?
In strukturschwachen Gegenden versuchen wir ja schon, Telemedizin zu implementieren. Hier in der Praxis in Frankfurt haben wir in Corona-Zeiten auch Videosprechstunden angeboten, weil manche Patienten sich nicht getraut haben, aus dem Haus zu gehen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder in unsere Praxis zu kommen. Da sind viele Patienten noch skeptisch. Es gab auch viele, die fanden die Videosprechstunde besser, als nur mit uns zu telefonieren.

Interview: Jutta Rippegather

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