Justiz

Frankfurt: Halbstarker in Uniform

  • schließen

Ein Oberkommissar im Zeugenstand erklärt das Amtsgericht Frankfurt zu seinem Hoheitsgebiet.

Es ist ein Fall, der bizarr genug erscheint, um das Interesse der Presse zu wecken. Die 52 Jahre alte Sabine H. muss sich am Freitagmorgen wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Sachbeschädigung verantworten.

Laut Anklage ist ihr am 29. Mai 2018 in der Buslinie 54 die Klimaanlage zu kühl eingestellt. Sie sucht Schutz an der Vordertür beim Fahrer, wo es, wie sie sagt, nicht so furchtbar kalt gewesen sei. Zwischen Busfahrer Mohamed Ö. und ihr kommt es ohne großes Vorspiel zu unschönen Szenen. Laut Anklage haut sie ihn ein bisschen, er schubst sie weg, sie klaubt das Kleingeld aus der Rückgeldschale und bewirft den Busfahrer mit Groschen, schnappt sich seine Brille und wirft sie aus dem geöffneten Seitenfenster, der Bus gerät ins Schlingern, Ö. beendet die Fahrt, beide Beteiligten wollen die Polizei rufen, Ö. ist schneller.

Statt eines Freundes und Helfers, erinnert sich Sabine H., sei dann freilich Oberkommissar Martin B. erschienen. Der habe sie sofort öffentlich gedemütigt, lautstark als Säuferin, notorische Diebin und Schwarzfahrerin tituliert. Sie habe sich über das Verhalten B.s auch noch vor Ort bei dessen Kollegin beschwert, aber die habe bloß mit den Achseln gezuckt und geantwortet: „So isser halt!“

Da scheint die Kollegin wahr gesprochen zu haben. Denn vor Gericht präsentiert sich Martin B. – mit glattgegelten Haar mit blonden Strähnchen, dem unvermeidlichen Vollbart und hochgekrempelten Ärmeln, die volltätowierte Unterarme zeigen – nicht bloß optisch wie der Sergeant-at-arms eines Rocker-Charters, der sich zu Halloween als Polizist verkleidet hat. Er benimmt sich auch so.

Dann knallt er die Tür zu

Als vor Prozessbeginn die Angeklagte und ihre Verteidigerin einem Pressefotografen verbieten wollen, Fotos von ihnen zu machen, verweist der Journalist auf seine ausdrückliche Fotogenehmigung. Der als Zeuge geladene B. beschließt daraufhin, das Amtsgericht zu seinem persönlichen Hoheitsgebiet zu erklären. Er verlangt, die Ausweise des Fotografen zu sehen, schnappt sich dessen Fotogenehmigung und liest sie ungebeten auf dem Gerichtsflur vor. „So eine Genehmigung kann jederzeit vom Richter zurückgezogen werden“, tönt er und betritt den Gerichtssaal, in dem die Richterin bereits sitzt. Als der Fotograf ihm folgen will, packt er ihn, stößt ihn in den Flur zurück und zischt: „Seien Sie froh, dass Sie mich nicht privat getroffen haben!“ Dann knallt er die Tür zu.

Als kurz darauf die Schriftführerin den Saal betreten will, hält B. sie offenbar für den Fotografen und tritt ihr die Tür von innen fast ins Gesicht. Entgegen dem ausdrücklichen Wunsch B.s sieht die Richterin aber keinen Grund, die Genehmigung zu widerrufen.

Der Prozess wird schließlich vertagt. Sabine H., die an einer attestierten Nervenkrankheit leidet, sagt, die Aggression sei zuerst vom Busfahrer ausgegangen, bis Martin B. dann übernommen habe. Mohamed Ö. weilt im Urlaub und konnte nicht kommen. Zwei weitere Zeugen fehlen unentschuldigt und werden jeweils mit einem Ordnungsgeld von 150 Euro bedacht. Vielleicht hatten sie einfach keine Lust, ein zweites Mal auf Martin B. zu treffen, was wohl weder dienstlich noch privat erquicklich sein dürfte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare