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Frankfurt: Großes Haus für die kleinen Fächer

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Von: George Grodensky, Christoph Boeckheler

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Stafette bei der Schlüsselübergabe: Landesbaudirektor Thomas Platte reicht weiter an Hessens Finanzchef Michael Boddenberg (CDU), der bringt Staatssekretärin Ayse Asar ins Spiel (Wissenschaftsmininsterium, die passt zu Enrico Schleiff, dem Präsidenten der Goethe Uni (von rechts).
Stafette bei der Schlüsselübergabe: Landesbaudirektor Thomas Platte reicht weiter an Hessens Finanzchef Michael Boddenberg (CDU), der bringt Staatssekretärin Ayse Asar ins Spiel (Wissenschaftsmininsterium, die passt zu Enrico Schleiff, dem Präsidenten der Goethe Uni (von rechts). © christoph boeckheler*

Die Sprach- und Kulturwissenschaften der Goethe-Universität ziehen nach sieben Jahren Bau und Planung in ihr neues Heim auf dem Campus Westend ein.

Es ist ein erhabener Moment an der Hansaallee Ecke Miquelallee. Am Mittwoch Morgen schaut die Sonne hinter den Wolken hervor und lässt ihre Strahlen auf ein neues Gebäude der Frankfurter Goethe-Universität scheinen. Auf die Sprach- und Kulturwissenschaften, kurz SKW, die dort einziehen. Der Naturstein der Fassade leuchtet förmlich. So, wie die Gesichter der Menschen, die nach und nach zur Eröffnungsfeier eintrudeln. „Heute ist ein fantastischer Tag“, fasst es Unipräsident Enrico Schleiff zusammen.

Schon auf dem kurzen Fußweg von seinem Präsidialgebäude zum Neubau im Norden des Campus Westend entfährt dem Präses ein Ausruf freudiger Überraschung. „Mensch, hier wächst ja schon Gras!“ Die Gärtnerei ist wohl weiter als gedacht mit der Außenfläche. Zahlreiche Abstellgitter für Fahrräder sind ebenfalls gewachsen.

Die Fassade wirkt großartig, allerdings nicht großartig anders als die der anderen Gebäude auf dem Campus. Jedes hat seine Eigenheiten, findet zwar Architekt Lutz-Matthias Keßling. Die muss man aber wohl kennen. Der Fachmann hilft weiter: „Das Gebäude der SKW strahlt eine Erhabenheit aus, die der Wissenschaft würdig ist.“

Sieben Jahre Planung und Bau liegen hinter dem Mann. Jahre, in denen er viele Bedürfnisse einzelner Institute und der anderen Nutzerinnen und Nutzer des Gebäudes unter einen Hut bringen musste: Werkstätten, Mensa, Servicepoint des Studierendenwerks und anderes.

Vielleicht, um damit ein für alle Mal Ruhe zu haben, hat er ein flexibles Haus geschaffen. „Die Hülle steht, mit dem Raum im Innern können Sie machen, was Sie wollen“, sagt er launig bei der Feier. Heißt: Wenn sich in zehn Jahren die Bedürfnisse ändern, kann die Uni problemlos innen umbauen. Auch das ist Nachhaltigkeit. Um die hat er sich ohnehin bemüht, hat auf Energieeffizienz geachtet, natürliche Belüftung, Tageslicht, Dachbegrünung, eine Photovoltaikanlage kommt auch noch.

Volles Haus: Die Hochschule hat zur Eröffnung die Mitglieder der Institute eingeladen, dazu Freunde, Förderinnen und Förderer der Uni, Senatsmitglieder und Menschen aus Stadtverwaltung und Politik. Als die alle vom Empfang im Foyer zu den Reden in den Audimax flanieren, offenbart das Gebäude ein interessantes Detail: Ein randvoll mit Gästen gefülltes Foyer kann sich ganz schön verlaufen in einem Hörsaal für 700 Studierende.

Der Saal ist zudem fest mit schwenkbaren Kameras ausgestattet, es könnten also noch weitaus mehr Menschen der Zeremonie beiwohnen, übers Internet. Das sind nicht nur die Lehren aus der Pandemie, sagt Unisprecher Olaf Kaltenborn. Die Technik ermögliche auch, die Kooperation mit fernen Ländern zu intensivieren. In gemeinsamen Lesungen mit ausländischen Hochschulen.

Immerhin sind die außereuropäischen Sprachen hier untergebracht. „Mit dem Neubau bereichern jetzt auch viele kleine Fächer den Campus Westend“, sagt dazu Ayse Asar, Staatssekretärin aus Wiesbaden. Sie vertritt die erkrankte Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne). Besagte Fächer helfen, den Horizont zu erweitern und Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu finden, lobt sie weiter. Das diene der Weiterentwicklung der Gesellschaft, mache sie zukunftsfähig.

Das Haus

Die letzten geisteswissenschaftlichen Fächer der Goethe-Universität ziehen vom Campus Bockenheim auf den Campus Westend. Bis Vorlesungsbeginn am 17. Oktober soll das abgeschlossen sein. Der Bezug war eigentlich für Anfang 2022 geplant. Am Mittwoch, 28. September, war nun Schlüsselübergabe an Hochschulpräses Enrico Schleiff.

Die größeren Fächer (Germanistik, Romanistik, Anglistik) aus dem Segment logieren ja bereits seit 2001 im I.-G.-Farben-Haus. Die Nachzüglerinnen und Nachzügler haben jetzt ihr eigenes Gebäude bezogen, an der Rostocker Straße 2 (Ecke Hansaallee). Sprach- und Kulturwissenschaften steht über dem Eingang.

Zu finden sind dort die Kunstgeschichte und Kunstpädagogik, Musikwissenschaften, außereuropäische Sprachen, Empirische Sprachwissenschaften und Judaistik. Etwa 3000 Studierende lernen an diesen Instituten. Im Gebäude untergebracht sind noch die Akademie für Bildungsforschung (ABL), das Prüfungsamt Geistes-, Kultur- und Sportwissenschaften (ehemals Phil-Prom) sowie Teile des Hochschulrechenzentrums.

Das Studierendenwerk ist ebenfalls eingezogen, zur Feier hat es sich umbenannt (früher: Studentenwerk). Die Verwaltung der Verpflegungsbetriebe, IT und Öffentlichkeitsarbeit, die Psychosoziale Beratung residieren ohnehin auf dem Campus Westend. Nun gibt es „zusätzliche und besser erreichbare Beratungs- und Serviceflächen im Foyer des neuen Gebäudes“, freut sich Geschäftsführer Konrad Zündorf.

Auf den 20 000 Quadratmeter Nutzfläche finden sich überdies Bibliothek, Tiefgarage und Cafeteria sowie ein großer Hörsaal für 700 Studierende. Rund 120 Millionen sind dafür aus dem Investitionsprogramm für Hochschulen Heureka und dem Programm Hochschulpakt Invest III geflossen. Gestalterisch fügt sich das Bauwerk in den vom Architekten Ferdinand Heide 2002 ersonnenen Masterplan für den Campus ein. sky

www.uni-frankfurt.de

Eines der kleinen Fächer blickt dafür gerne in die Vergangenheit: die Musikwissenschaft, die sich, anders als die Verwandten an der Hochschule für Musik, den Noten und Klängen eher theoretisch nähert. Wobei, so klein ist das Institut gar nicht. Immerhin fünf Professuren sind dort angesiedelt. 350 Studierende eingeschrieben. Außerdem gehört der Universitätsmusikdirektor Jan Schumacher dazu.

„Wir sind ein Mittelinstitut“, sagt Martina Wolff diplomatisch. Eines, das sich sehr über die neuen Räume freue. Stolz präsentiert Wolff ein altes Rollenklavier, ein Duca-Klavier der Firma Philipps, Baujahr 1923. Das ist ein Instrument, das wie ein Klavier aussieht. Im Korpus ist aber auch eine Mechanik eingebaut, über die eine Papierrolle das Instrument zum Leben erwecken kann, ohne dass jemand die Tasten drücken muss. Wie bei einer Spieluhr. Zwei Rollenklaviere gibt es nur noch in Deutschland, die noch spielen können. Zum Instrument gehören 954 sehr gut erhaltene Klavierrollen, „eine weltweit einzigartige Sammlung“, sagt Professorin Daniela Philippi. Beides zusammen ermöglicht zu erforschen, wie Künstlerinnen und Künstler im frühen 20. Jahrhundert Musikstücke interpretiert haben.

Enrico Schleiff zeigt sich derweil „stolz“ auf das Land Hessen, das sich in Frankfurt so einen wunderbaren Campus leiste. Das neue Gebäude sei ein weiterer Meilenstein. Die Universität rücke näher zusammen. Die Integration der Sprach- und Kulturwissenschaften werde die Hochschulgemeinschaft beflügeln. „Kurze Wege und die Symbiose zwischen universitären und außeruniversitären Instituten wird mehr interdisziplinäre Forschung und Lehre ermöglichen.“ Auch mehr Internationalisierung und Kontakte zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. „Das ist wichtig für uns als Stiftungsuni.“

Bei aller Begeisterung merkt Schleiff allerdings süffisant an, dass der Campus längst nicht komplett sei. „Sicher werden Stadt und Land bald den Flächentauschvertrag unterzeichnen, der seit etwa einem Jahr angekündigt ist“, lächelt Schleiff unschuldig in Richtung Politik. Auf besagter Tauschfläche soll dereinst die neue Universitätsbibliothek entstehen.

Das Studierendenhaus fehlt dem Campus ebenfalls noch, merkt Schleiff an, der Spatenstich ist für Februar angekündigt. Darauf wartet der Frankfurter Asta besonders sehnsüchtig schon seit Jahren. Entsprechend zurückhaltend lobt die Delegation den Neubau. Es sei schön, dass nun mehr Studierende auf den Campus kämen und so mehr Austausch ermöglichten. Aber es fehle noch immer an studentisch verantworteten Räumen.

„Es wird Zeit, dass das Studierendenhaus kommt“, findet Pia Troßbach. Auf der anderen Seite veröde nun der Campus Bockenheim, weil das Juridicum leer stehe. „Die Räume sollten sinnvoll genutzt werden“, findet David Höhnerbach. Zumindest bis zum Abriss.

Den hessischen Finanzminister Michael Boddenberg (CDU) haben die Forderungen nach der Weiterentwicklung des Campus nicht überrascht. „Ich wusste, dass das hier ein teurer Besuch wird“, scherzt er. Zwar sei das Geld gut angelegt: „In Bildung zu investieren heißt, in die Zukunft zu investieren.“ Demnach bleibe die Weiterentwicklung des Campus „ein wichtiger Teil unserer Strategie“. Nur müsse er auch ein Auge auf die aktuelle Entwicklung haben. „Studierende dürfen erwarten, dass wir in die Substanz investieren.“ Aber sie wollten nach ihrem Studium eine funktionierende Welt vorfinden.

Welche Überraschungen eine solche Weltentwicklung bereithalten kann, war auch beim Bau des neuen Gebäudes zu beobachten. Lieferengpässe und bröckelnde Materialketten hätten die Baukosten aber nur um 13-14 Prozent der geplanten Summe überschreiten lassen. Ein Erfolg, findet Boddenberg. Findet auch Thomas Platte, Direktor des Landesbetriebes Bau und Immobilien Hessen (LBIH). Dem fallen noch weitere haarsträubende Bauhindernisse der vergangenen sieben Jahre ein. So habe 2017 der Fund einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg eine der größten Evakuierungen der Nachkriegszeit erforderlich gemacht. 70 000 Frankfurterinnen und Frankfurter mussten vor der Entschärfung zeitweise ausziehen. Die dürften ebenfalls froh sein, dass zumindest dieses Bauloch erst einmal geschlossen ist.

Der Neubau an der Hansaallee.
Der Neubau an der Hansaallee. © christoph boeckheler*
Martina Wolff zeigt die Schätze der Musikwissenschaften.
Martina Wolff zeigt die Schätze der Musikwissenschaften. © christoph boeckheler*
Der Audimax.
Der Audimax. © christoph boeckheler*

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