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Tausende demonstrieren auf dem Römerberg.

Demo

Großer Auftrieb zum 1. Mai in Frankfurt

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Tausende sind sich am Tag der Arbeit einig: Gerechtigkeit muss her, Scheuer muss weg.

So viel 1. Mai war schon lange nicht mehr. Tausende sind es, die zur Mittagsstunde frisch vom Demonstrationszug den Römerberg stürmen, der bereits zuvor nicht gerade leer war. Die Veranstalter fordern diejenigen, die schon länger da stehen, auf, gen Nikolaikirche nach links zu rücken, da sei noch Platz. Das stimmt zumindest geografisch, politisch wird’s eng. Die „Internationale“ auf den Lippen, erkämpfen sich die Demonstranten den Römerberg, viele davon tragen Plakate beinahe vergessener Splitterparteien wie der MLDP, auch ein paar SPD-Transparente sind zu sichten. „Für Hass ist in Frankfurt kein Platz!“, wird OB Peter Feldmann später sagen, und in der Tat wird es auf dem Römerberg immer enger.

„Es sind mehr da als in den vergangenen Jahren“, freut sich Philip Jacks, der DGB-Vorsitzende des Bezirks Rhein-Main. Obwohl das schwer zu beurteilen ist, denn die Sichtachse zwischen Rednern und Publikum wird von den Transparenten wütender Taxifahrer versperrt, die die Rednertribüne belagern und unablässig „Scheuer muss weg!“ skandieren. Damit alle ihr gerechtes „Stück vom Kuchen“ bekommen könnten, sei es nötig, zuvor „die Bäckerei zu demokratisieren“, fordert Jacks, und während die Taxifahrer darüber nachdenken, vom Bundesverkehrsminister ablassen und kurzfristig schweigen, springen andere Skandierer in die Bresche: „Streik gegen die Klasse, die die Welt zerstört! Streik, damit dem Arbeiter die Welt gehört!“ „Seid stolz darauf, Gutmenschen zu sein!“, ermuntert Jacks. „Wir sind Gutmenschen aus Überzeugung und wir werden die Welt besser machen!“ „Scheuer muss weg!“, bekommt er als Antwort. Die Stimmung auf dem Römerberg: kämpferisch bis gut.

Lediglich kleinere Misstöne stören am Rande. Dass am Stand der sozialistischen Kurden Shish Kebab ausgerechnet vor einem großen Plakat mit Öcalan-Konterfei und dem Wort „Hungerstreik!“ verkauft wird, mag noch als skurrile Geschmacklosigkeit durchgehen. Ärgerlicher ist da der Souvenirladen am Paulsplatz, der in kapitalistischer Raubtiermanier von der an diesem Tag rund um den Römer grassierende Che-Guevara-Besoffenheit (es gibt Che-Poster, Che-Shirts, Che-Einwegfeuerzeuge) zu profitieren versucht. Dass die Ladenbetreiber aber die aus der Mottenkiste gekramten Che-Shirts ausgerechnet neben den Deutschland-Hütchen und Schwarz-Rot-Gold-Perücken platziert haben, ist unentschuldbar.

OB Feldmann lädt Taxifahrer in sein Büro ein

Das sei „die größte Gewerkschaftskundgebung seit Jahrzehnten in Frankfurt“, schätzt Peter Feldmann. „Ein fantastischer Erfolg“, urteilt der OB, und falls jemand anwesend sei, der noch nicht in einer Gewerkschaft sei, dann aber hurtig: „Tretet ein! Organisiert euch!“ „Scheuer muss weg!“, antworten die Taxifahrer, und Feldmann lädt sie daraufhin alle in sein Büro ein, „dann müsst ihr nicht brüllen“. „Hoch die internationale Solidarität!“, brüllen andere.

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International geht es an diesem Tag allemal zu auf dem Römerberg. Staunend sieht der Besucher, dass die Tamilische Frauen-Organisation nicht nur einen Kreisverband Darmstadt Dieburg / Groß-Gerau, sondern dieser sogar einen eigenen Stand auf dem Römer hat. Die iranischen Kommunisten haben in ihrer Begeisterung ihren ganzen Stand mit selbstgemachten Plakaten zugehängt. Quer gelesen steht da jetzt: „Hoch der 1. Mai! Es lebe der Sozialismus! Rindswurst 2,50 Euro!“ Ein einsamer Venezolaner hält ein Schild mit Maduro-Konterfei in die Höhe. „Einzig legitimer Präsident“ ist da zu lesen, aber er vermag die anderen mit seiner Begeisterung nicht anzustecken.

Lediglich eine Bevölkerungsgruppe scheint zu fehlen. Die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Marlis Tepe, fordert in ihrer Rede nicht nur mehr Geld für Bildung, sondern sogar die Wiedereinführung der Vermögenssteuer und eine Reform der Erbschaftssteuer. Dass es nach dieser Forderung zu keinen Ohnmachtsanfällen im Publikum kommt, sondern dieses das als ganz selbstverständlich hinnimmt, ist der Beweis dafür, dass zumindest FDP-Wähler den Römerberg an diesem Tag weiträumig umfahren haben.

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