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Die Kinder des Ginnheimer Jugendzentrums in Frankfurt - hier eine Aktion vom Juni 2018 - kämpfen um mehr Anerkennung. Von Blei im Trinkwasser wussten sie tagelang nichts.

Ginnheim

Duschverbot und Blei im Wasser eines Jugendzentrums

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Wegen Legionellen und Blei können die Mieter eines Wohnblocks in Ginnheim in Frankfurt ihr Wasser nicht zum Duschen oder Kochen benutzen. Das Jugendzentrum wusste davon nichts.

Frankfurt - Im Wohnblock der Ginnheimer Landstraße 168A herrscht seit zwei Jahren fast durchgängig Duschverbot. Immer wieder wurden bei Tests im Wasser Legionellen gefunden, gesundheitsschädliche Bakterien, die sich beim Duschen über den Wasserdampf übertragen. Anfang September kam für die Bewohner der größere Schock: Im Leitungswasser wurde Blei gefunden, es darf also weder getrunken noch damit gekocht werden.

Seit dem Bau des Gebäudekomplexes 1987 ist das Jugendzentrum Ginnheim in dem Haus. Besonders wichtig ist das tägliche gemeinsame Kochen. Die Leiterin des Zentrums, Ulrike Fritz, berichtet beim Besuch der FR, dass sie, anders als die Bewohner des Hauses, nicht über das Blei im Wasser informiert wurden. Sie vermutet, weil das Jugendzentrum keine Mietwohnung mit Briefkasten ist.

Frankfurt-Ginnheim: Legionellen und Blei im Wasser

Sechs Tage lang hätten sie „noch mit dem vergifteten Wasser gekocht“. Die Jugendlichen im Wohnblock fühlten sich zu Recht „deklassiert und hilflos“, sagt die Leiterin. Viele hätten das Gefühl, die Probleme der Armen interessierten niemanden.

Auch die Mieter haben Angst. Sie wollen die verheerenden Umstände publik machen und Informationen erhalten. Der Bedarf, zu reden, ist groß. Niemand weiß genau, seit wann das Blei im Wasser ist. Und geduscht wurde in den vergangenen beiden Jahren natürlich auch. Wenn auch nur sehr kurz und mit kaltem Wasser, sagen mehrere Bewohner, das sei weniger schädlich. Zum Duschen in ein Schwimmbad oder Fitnessstudio zu gehen sei zu teuer und aufwendig.

Der 16-jährige Serdar erzählt, er lasse von einem Arzt extra sein Blut untersuchen. Seine Schwester habe Bauchschmerzen, seine Mutter einen Hautausschlag, er selbst Husten – könne das vom vergifteten Wasser kommen?, fragt er sich. Er will sich Gehör verschaffen und sagt: „Irgendwann platzt auch unsere Geduld.“

Frankfurt-Ginnheim: Jugendzentrum kocht mit Blei-Wasser

Die Noratis GmbH hat den Gebäudekomplex Ginnheimer Landstraße 164-180 vor einem Jahr gekauft. 356 Sozialwohnungen gibt es dort, davon 107 für Senioren, plus Gewerbeeinheiten. Damals sei die Legionellenproblematik bekannt gewesen, sagt Noratis-Sprecher Paul Frigo. Warum der vorherige Besitzer nicht ausreichend gehandelt habe, ist unklar.

Laut Noratis waren nur Wohnungen mit zwei Bädern betroffen, von denen eines nicht genutzt wird, wo das Wasser also längere Zeit steht. Diese werden inzwischen regelmäßig durchgespült. Das „Duschverbot“ gilt bei einer Grenzwertüberschreitung aber für den ganzen Wohnblock.

Inzwischen werden Duschköpfe eingeschraubt, die das Wasser von Blei und Legionellen filtern, sagt der Sprecher. Bis es in jeder Wohnung auf diese Art eine Ausgabestelle für sauberes Wasser gibt, verteilten Noratis-Mitarbeitende vor Ort Trinkwasser – über 13.000 Liter in Plastikflaschen und -kanistern, die aber für den Bedarf der vielen Familien nicht ausreichten.

Frankfurt-Ginnheim: Blei im Wasser - Probleme für Familien

Auch wenn die nun eingebauten Filter nur 30 Tage halten, sei so vorerst „Zeit gekauft“, sagt der Sprecher. Es werde in alle erdenklichen Richtungen getestet, die Herkunft des Bleis sei völlig unklar, das Problem gravierend. Frigo verspricht: „Wir tun, was wir können, so schnell und so viel es geht.“

Gemeinsam mit der Stadt und einem Ingenieursbüro werde nach einer Lösung gesucht. Falls man alle Leitungen austauschen müsse, würde das zwei bis drei Jahre dauern, das wäre das Schlimmste, was Noratis passieren könne.

Von Sabrina Butz

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