Deutsche Einheit

Gesummte Freiheit in der Paulskirche

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Der Festakt zu 30 Jahren Deutscher Einheit in der Paulskirche kommt weitestgehend schnöde daher. Ein paar unverhoffte Höhepunkte gibt es dann doch.

Es ist nicht unbedingt ein frischer Wind, der am Samstagmorgen durch die Paulskirche weht, es ist der „Wind of Change“, dargeboten von der Neuen Philharmonie Frankfurt. Aber der ist selbstverständlich die passende Begrüßungsbrise für die Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit, der in diesem Jahr unter den obligatorischen Sicherheitsvorschriften und daher ein wenig ausgedünnt zelebriert wird. Die geladenen Gäste werden zu ihren Sitzplätzen geleitet, haben dort aber so viel Abstand zum Nachbarn, dass sie die Masken abnehmen können.

Begrüßt werden die spärlichen Gäste von Bürgermeister Uwe Becker, der sich in seiner Rede eher auf das Hier und Jetzt konzentriert denn auf die Vergangenheit. Becker lobt Frankfurt als „Vorbild einer bunten und offenen Gesellschaft“, verweist aber darauf, dass das nicht überall so sei. Und dass, während hier gefeiert werde, anderswo ein vermeintliches Volk gegen eine vermeintliche Diktatur demonstriere. Aber bei denen handele es sich „nicht um Gegner des Maskentragens“, stellt Becker klar, sondern um „Feinde der Demokratie“.

Der Bürgermeister schafft es nicht ganz, seine Rede frei von Textbausteinen zu halten, bei denen der Zuhörer ermüdungsbedingt mit dem Einnicken kämpfen muss – die Metapher von der „Mauer in den Köpfen“ etwa scheint sich so hartnäckig zu halten wie weiland der antifaschistische Schutzwall.

Aber dann haut Becker doch noch ein Bonmot raus, das alleine schon den Gang zur Paulskirche wert war: „Der Faschismus muss nicht laut bellen, um gefährlich zu sein – manchmal reicht schon der Hund auf der Krawatte.“ Den muss man sich merken.

Im Anschluss an Becker hält Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Uni, ein Referat über „Demokratie als Lernprozess“, das auf der einen Seite sehr klug und durchdacht ist, auf der anderen Seite aber auch daran erinnert, dass Freiheit viele Gesichter hat. So kann es auch eine Form von Befreiung sein, vor 30 Jahren dem Audimax endgültig Adieu gesagt zu haben.

Der Festakt endet wie üblich mit einem Haydn-Lärm, nämlich der Nationalhymne, die diesmal aber auf Beckers Anweisung zwecks Virenvermeidung „nicht mitgesungen, aber mitgesummt“ werden darf.

Auch das sollte man sich merken: Eine gesummte Nationalhymne verliert viel von ihrem Schrecken.

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