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Deutsches Architekturmuseum Frankfurt
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Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt.

Amtsgericht Frankfurt

Gelogen, gebissen und zugeschlagen – Maulschelle sorgt für Aufregung

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Vor dem Amtsgericht Frankfurt steht der Mann, der den Direktor des Architekturmuseums abwatschte

Frankfurt – Museen gelten vielen Menschen als Hort der Langeweile. Zu Unrecht. Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt etwa setzt neben der Vermittlung von Wissen auch auf Aktionen mit Eventcharakter und bindet den Besucher dabei aktiv ein. Wenn er denn reinkommt.

Das mit dem Reinkommen ist aber so eine Sache. Matthias M. etwa kam am Abend des 8. Dezember 2020 nicht ins DAM, jedenfalls nicht lange. Dafür kommt der 51-Jährige am Mittwochmorgen problemlos ins Amtsgericht, wo er sich wegen Hausfriedensbruchs und Körperverletzung verantworten muss. An jenem Dezemberabend wurde im DAM eine Podiumsdiskussion über die Zukunft des Schauspielhauses geführt – aus Seuchengründen ohne Publikum und nur per Stream zu verfolgen M. gab sich erst als Journalist aus. Eine Lüge, aber mit der Wahrheit wäre er nicht weitergekommen, denn der Satz „Lassen Sie mich durch, ich bin Immobilienverwalter!“ funktioniert, wenn überhaupt, nur auf einer Immobilienverwaltertagung. Außerdem war M. damals Vorstandsmitglied der Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus, die leidenschaftlich für einen Wiederaufbau des guten alten Kaiserzeit-Theaters kämpfte. Aber ob falscher Journalist oder echter Vorstand: M. wurde der Einlass verweigert.

Frankfurt: Und plötzlich wurde es ruppig im Museum

Dann wurde es ruppig. Die Bitte der stellvertretenden Museumsleiterin, das Haus zu verlassen, ignorierte M. Dem Hausmeister, der sich dem in den Saal stürmenden M. todesmutig in den Weg stellte, „pustete er ohne Maske ins Gesicht und biss ihm in die Hand“, so die Anklage. Museumsleiter Peter Cachola Schmal, der, alarmiert von dem Rabatz, in die Rolle des Türstehers wechselte, kassierte von M. eine Maulschelle, die sich gewaschen hatte.

„Ich habe seinen Atem auf meiner Haut gespürt. Ich hatte Angst“, erinnert sich der 46-Jährige Hausmeister im Zeugenstand. Der 60 Jahre alte Schmal, der weitaus breiter gebaut ist als sein Angreifer, erinnert sich hingegen mit einer gewissen Faszination an die Ohrfeige, die in ihm ein unbekanntes Kribbeln ausgelöst habe. Er vermutet, das sei dieses Adrenalin gewesen, von dem außerhalb von Museen so viel geredet wird.

„Da ist wohl etwas schiefgelaufen. Eigentlich bin ich ein kultivierter Mensch“, sagt M., der Einspruch gegen eine Geldstrafe von 175 Tagessätzen à 80 Euro, also stolzen 14 000 Euro, eingelegt hat. Er entschuldigt sich bei Hausmeister und Museumschef und hat für beide 500 Euro mitgebracht, „damit Sie sich etwas Schönes zu essen kaufen können“. Beide haben aber schon gefrühstückt und sind zudem Gentlemen: Die Entschuldigung nehmen sie an. Das Geld nicht.

Angeklagter kommt vor dem Amtsgericht Frankfurt mit blauem Auge davon

„Ich mache im Grunde dasselbe wie Sie: Ich setze mich für Architektur ein“, sagt M. dann noch zu Schmal. Das allerdings ist eine Frechheit, denn die beiden Männer haben etwa so viel gemein wie das Bauhaus zu Dessau mit dem gleichnamigen Heimwerkermarkt. Dank der Großmut der Angegriffenen, dem reuigen Geständnis M.s und der Tatsache, dass die Immobilienverwaltung gerade wenig abwirft, kommt M. mit einem blauen Auge davon.

Das Verfahren wird gegen eine Zahlung von 3000 Euro an den World Wide Fund for Nature und 500 Euro an den Hausmeister – den sein Chef förmlich beknien muss, das Geld anzunehmen – eingestellt. Die Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus hatte M. nach dem Vorfall rausgeschmissen – aber in seiner Heimatstadt Mainz kämpft er wacker weiter gegen Brutalismus und andere architektonische Verbrechen der Nachkriegszeit.

Als Entschuldigung hatte die Aktionsgemeinschaft Schmal zudem eine Torte geschenkt. Er hat sie nicht gekostet. Sie wirkte wohl auch ein wenig altbacken. Auf der Torte prangte ein Abbild des alten Schauspielhauses – aus einer Zeit, als Deutschland noch einen Kaiser und alles noch seine Art hatte. (Stefan Behr)

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