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Neue Wohnungen: Ein Drehort ist die Ferdinand-Happ-Straße im Frankfurter Ostend.

Fernsehen

Warum spielt der Frankfurt-Tatort in Kassel?

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Die „Tatort“-Ermittler mussten am Sonntagabend ganz in den Norden.

Die spitzfindigen Frankfurter haben es schon beim Titel geahnt: Im Frankfurt-„Tatort“ „Das Monster von Kassel“ ist nicht viel Frankfurt drin. Denn die Hauptkommissare Anna Janneke und Paul Brix stellen schnell fest, dass das Opfer aus Kassel stammt – und dann geht es ab in den Norden. Wer sich nun fragt, warum eigentlich in drei Teufels Namen der Frankfurt-„Tatort“, der   in der ARD ausgestrahlt wurde, in Kassel spielt, dem sei gesagt: Wenn’s der Chef doch so will ... Vor vier Jahren hat der damalige Intendant des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze, den Kasselern einen „Tatort“ versprochen. Und versprochen ist versprochen. Also hat der HR in Kassel gedreht.

Aber auch wenn sehr viel der Geschichte um Talkmaster Maarten Jansen, der seinen Stiefsohn tötet, im Norden spielt: Ein bisschen Frankfurt ist natürlich dabei. Es dauert schließlich immerhin vier Minuten und acht Sekunden vom Auftauchen der Skyline bis zur Abfahrt von Kommissar Brix über die Autobahnauffahrt an der Ludwig-Landmann-Straße. Aber in vier Minuten und acht Sekunden kann in Frankfurt viel passieren: Leichenteile werden in einem Bauschuttcontainer gefunden.

Der kundige Frankfurter sieht natürlich sofort, dass die Baustelle im Ostend liegt. Schließlich ragt im Hintergrund die EZB in die Höhe. Der Polier behauptet, es komme vor, dass die Leute am Wochenende ihren Müll in die Container werfen, weil der Bauherr geizig sei und keine Überwachung bezahle. Moment mal! Dafür brauchen die Frankfurter keinen geizigen Bauherren. Sie stellen schließlich vom Sofa über Lacke bis zu Autoreifen überall im Stadtgebiet einfach etwas ab. Und weil die umliegenden Ortschaften im Gegensatz zu Frankfurt Sperrmüllgebühren haben, machen das auch die Nachbarn ganz gerne mal. Ein Container ist eigentlich viel zu ordentlich für die illegale Müllentsorgung in Frankfurt. Unter Brücken, vor Kleingartenanlagen, an schlecht einsehbaren Ecken ja – im Container nein. Aber gut, nicht so schlimm, wenn der Rest von Deutschland nicht die ganze Wahrheit kennt.

Frankfurt-„Tatort“ „Das Monster von Kassel“

Die Baustelle gibt es natürlich wirklich. Sie liegt an der Ferdinand-Happ-Straße. Unschwer im „Tatort“ zu erkennen: Dort werden Wohnungen gebaut. Wer als Wohnungssuchender in Frankfurt sich nun Hoffnung macht, dass dort etwas frei sein könnte: Ja, ein paar Wohnungen gibt es im „Ferdinand Frankfurt“ tatsächlich noch. Eigentumswohnungen selbstverständlich. Aber vier Zimmer, 143 Quadratmeter, sind für schlappe 1,3 Millionen Euro zu haben. Zwei Zimmer, 55 Quadratmeter, gibt es schon für 440 000 Euro. Viel Geld? Ja, nun, wir sind ja auch nicht in Kassel.

Dem Frankfurter ist dieses Kassel ohnehin leicht suspekt. Ist einfach ziemlich weit weg. Hessisch Sibirien eben. Und von daher fragen sich Brix und Janneke schon, ob in Kassel samstags um 2 Uhr nachts noch Busse fahren. Würden sie sich in Frankfurt natürlich nicht fragen. Logisch. Da rollt inzwischen alles rund um die Uhr in den Wochenendnächten. Busse, Straßenbahnen, S-Bahnen, U-Bahnen – ach, da sind Verkehrsmittel dabei, die in Kassel nicht einmal wochentags existieren. Aber mit einer Infrastruktur wie in Frankfurt hätte der Fall ja auch nicht funktioniert. Dann wäre der Junge einfach nachts in die U-Bahn gestiegen und heil nach Hause gekommen – statt heimtückisch hinter Brücken vom Rad gerissen zu werden.

Es ist zwar viel von Kassel zu sehen, doch versteckt kommt Frankfurt immer wieder vor. Der Supermarkt in Kassel, in dessen Müllcontainer Leichenteile entsorgt werden? Ist in Frankfurt am Geschäft für Künstlerbedarf an der August-Schanz-Straße gedreht. Jansens TV-Studio? Liegt natürlich in Wahrheit im Hessischen Rundfunk an der Bertramswiese. Und selbst einige Aufnahmen im Polizeipräsidium in Kassel sind dort gedreht, wo auch die Frankfurter „Tatort“-Polizei ihren Sitz hat: auf dem ehemaligen Neckermann-Gelände.

Doch das Bild von Frankfurt, das die Kasseler im „Tatort“ dem Zuschauer vermitteln, muss doch etwas geradegerückt werden. Als die Mutter erfährt, dass Arme und Beine ihres Sohnes in Frankfurt gefunden wurden, kann sie sich nicht erklären, was er in dieser Stadt gemacht haben sollte. „Luke mag Frankfurt nicht, will immer nur nach Berlin.“ Weil Frankfurt eine Kapitalistenmetropole sei. Ach, Berlin, Berlin – da fährt man höchstens hin, wenn DFB-Pokalfinale ist. Selbst Frankfurts Oberbürgermeister hat erkannt, dass man da ansonsten nicht sein muss und da auch kein Büro braucht. Und wer kann sich denn als Hauptstadt der Demonstrationen bezeichnen? Ja, genau. Die Frankfurter lehnen sich am häufigsten in Deutschland auf. Also bitte ...

Einmal, da konnte man sich in Kassel ganz kurz in Frankfurt wähnen. Als Janneke auf einem Stadtplan die Hamburger Allee zeigt. Kurze Verwirrung, aber nein, es ist nicht der Frankfurter Plan mit der Hamburger Allee in Bockenheim. Es ist doch Kassel. Absurd nur: Es gibt keine Hamburger Allee in Kassel. Die Straße heißt in Wahrheit Frankfurter Straße. Aber das wäre wohl zu viel Frankfurt in einem Frankfurt-„Tatort“ gewesen.

Der letzte Fall von Flückiger und Ritschard: Der Tatort aus Luzern verabschiedet sich mit einer ganzen Herde Elefanten im Raum.

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