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Die Schüler der Carl-Schurz-Schule lesen die Namen der deportierten Kinder vor.

Frankfurt

Frankfurt: Gedenken an vergessene Kinder

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Rund 40 Menschen erinnern in Sachsenhausen an die Deportation der Einwohner des jüdischen Kinder- und Waisenhauses, das früher in der Hans-Thoma-Straße 24 stand.

Dort, wo in Sachsenhausen die Gartenstraße auf die Hans-Thoma-Straße trifft, da liegt der Platz der vergessenen Kinder. Denn gegenüber dem Platz stand einst das jüdische Kinder- und Waisenhaus. Am 15. September 1942 wurden von dort rund 50 Kinder und ihre Betreuerinnen deportiert. Zunächst wurden sie von den Nazis in die Großmarkthalle getrieben, von dort ins Ghetto Theresienstadt verschleppt. Nur sechs der Kinder überlebten. Das Kinder- und Waisenhaus wurde 1919 vom Israelitischen Frauenverein gegründet und wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden.

Am Freitagmittag haben rund 40 Menschen mit einer kleinen Gedenkfeier an diesem Ort der Kinder gedacht. Auch Schülerinnen und Schüler der Carl-Schurz-Schule sind gekommen.

Seit zwei Jahren hat der Platz der vergessenen Kinder seinen Namen. An der Kreuzung Garten- und Hans-Thoma-Straße findet man eine Gedenktafel und eine Skulptur.

Die Skulptur stellt ein Dreidel dar, einen vierseitigen Kreisel. Der Dreidel ist ein jüdisches Kinderspielzeug und soll so an die Opfer erinnern. Zu diesem Anlass haben die Schüler ihn mit Blumen geschmückt.

Mehr Informationen gibt es unter: platz-der-vergessenen-kinder.de prjd

„In diesen Zeiten ist es wichtig, dass wir uns an die Naziverbrechen erinnern, die nicht einmal vor Kindern halt gemacht haben“, sagt Bärbel Lutz-Saal zu Beginn des schlichten Gedenkens. Seit sieben Jahren schon organisiert sie mit Natascha Schröder-Cordes und dem Pfarrer Volker Mahnkopp diese Gedenkfeiern. Seit Beginn sind auch immer Kinder der Schiller- oder der Carl-Schurz-Schule dabei.

Pfarrer Mahnkopp erforscht seit Jahren die Geschichte des Hauses und der Menschen, die darin gewohnt haben. An diesem Tag stellt er seine Dokumentation vor, die mit Hilfe des Museums „Beit Terezin“ in Israel auf Ivrit, also Neuhebräisch übersetzt wurde. So könnten auch Menschen, die kein Deutsch verstehen, die Geschichte erfahren. „Wir wollen hier in ganz einfacher Weise erzählen und erinnern“, sagt Mahnkopp. „Durch Bildung entsteht auch ein Bewusstsein.“

Am Ende lesen die Sechstklässler die Namen und das Alter aller Kinder vor, die am 15. September 1942 deportiert wurden. Benedikt Göpfert, Lehrer für katholische Religion und Geschichte, ist mit den Kindern dieses Jahr das zweite Mal dort. Die Schülerinnen und Schüler nähmen gerade das Judentum im Unterricht durch. „Da gibt es immer großen Redebedarf“, sagt er. Denn diese Veranstaltung mache die Kinder immer sehr betroffen.

Schweigen herrscht nach der Verlesung der Namen. Einem der vielen Kinder wird jedes Mal in besonderer Weise gedacht. Diesmal ist es Edith Siesel Einhorn. Sie lebte mindestens fünf Jahre im Kinderhaus. Ihre drei älteren Geschwister konnten Nazi-Deutschland verlassen, ihr Vater starb 1939 in Belgien, ihre Mutter wurde in Hadamar ermordet. Edith und ihr kleiner Bruder David wurden ins Ghetto Theresienstadt verschleppt und am 18. Mai 1944 in Auschwitz ermordet. Edith wurde nur 14 Jahre alt.

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