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Frankfurt: Gedenken an Anschlagsopfer der RAF

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Von: Oliver Teutsch

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Die Folgen des Anschlags am 11. Mai 1972 sind verheerend. Der US-Offizier Paul Bloomquist stirbt und ist das erste Todesopfer des RAF-Terrors. Foto: Institut für Stadtgeschichte.
Die Folgen des Anschlags am 11. Mai 1972 sind verheerend. Der US-Offizier Paul Bloomquist stirbt und ist das erste Todesopfer des RAF-Terrors. Foto: Institut für Stadtgeschichte. © Institut für Stadtgeschichte.

Gedenken an das erstes RAF-Todesopfer im Mai 1972 auf dem Gelände des heutigen Uni-Campus. Universität verspricht baldige Gedenkplakette zu Ehren von Paul A. Bloomquist.

Der Ausflug auf den Uni-Campus im Westend erinnert zunächst eher an eine Sightseeingtour als an einen Gedenkbesuch. Kevin Bloomquist und seine Familie machen Handyfotos von dem monumentalen Hauptgebäude der Goethe-Universität. Dann berichtet der 61-Jährige von den bisherigen Stationen ihrer Europareise. Im Elsass waren sie schon und in Oberbayern, Schlösser und Seen bestaunen. „Es ist kaum zu glauben, dass es einen schöneren Ort auf der Welt geben kann“, schwärmt Kevin Bloomquist von der Gegend rund um Füssen. Aber schon bald ist sein Onkel Paul Thema der Runde, die sich am Dienstag auf dem Campus Westend versammelt hat.

Denn Oberstleutnant Paul Bloomquist hatte 36 Monate Vietnamkrieg überlebt, dafür vielfältige Auszeichnungen erhalten, darunter dreimal das Purple Heart – und kam dann bei einem Bombenanschlag der Roten Armee Fraktion (RAF) am 11. Mai 1972 ums Leben.

Die Bombe explodiert im Eingangsbereich des Offizierskasinos, wo der 39-Jährige kurz zuvor zu Abend gegessen hat. Bloomquist stirbt, 13 weitere Personen werden verletzt.

Anschläge auf dem Campus

Die drei Bomben , die am 11. Mai 1972 im US-Headquarter im Westend gezündet wurden, waren der Auftakt zur sogenannten Mai-Offensive der RAF. Mit diesem und fünf weiteren Anschlägen im Mai wendet sich die Terrororganisation gegen die US-Politik in Vietnam.

Der damalige US-Stützpunkt , das heutige Uni-Gelände, ist in den Jahren 1976 und 1982 noch drei Mal Anschlagsziel des linken Terrors . Bei den Anschlägen der Revolutionären Zellen werden Dutzende Menschen teils schwer verletzt. ote

Kevin ist zum Zeitpunkt des Anschlags zehn Jahre alt. Über die Umstände von Onkels Pauls Tod bekommt er im heimischen Arizona nicht viel mit. „Wie erklärt man einem Zehnjährigen, was die RAF ist?“, fragt er rhetorisch. Er habe immer gedacht, es habe sich um eine Autobombe gehandelt. An den Bruder seines Vaters, die beiden seien dicke miteinander gewesen, erinnert er sich als einen stattlichen Mann. „Wenn in einem Lexikon ein starker Offizier beschrieben würde, wäre Pauls Bild daneben“, sagt Kevin.

Doch das ist über 50 Jahre her. Verantwortlich dafür, dass Kevin Bloomquists Gedanken aufgefrischt und seine Wissenslücken rund um den Anschlag beseitigt werden, ist sein Sohn Tanner. Der arbeitet in Wiesbaden für die US-Army und hat dort erfahren, dass die Erinnerungen an seinen Großonkel noch nicht verblasst sind. „Wegen meines Nachnamens wurde ich mehrfach darauf angesprochen, ob ich mit Paul Bloomquist verwandt sei“, erzählt Tanner. Schließlich kam ihm die Idee, die Familie nach Deutschland einzuladen und sich den Ort anzuschauen, an dem Onkel Paul ermordet wurde.

Kevin berichtet, er sei zunächst ziemlich irritiert gewesen, als sein Sohn ihm erzählte, er habe einen Besuch auf dem Uni-Campus arrangiert. „Nein, nein, das ist eine Militäreinrichtung“, habe er ihm erklären wollen. Schließlich war auf dem ehemaligen Gelände der IG Farben viele Jahrzehnte das Hauptquartier des fünften Korps der US-Armee ansässig.

Die Universität hat eine englischsprachige Führung organisiert. Lucia Lentes berichtet über die Geschichte des Gebäudes, wie es in den 70er Jahren zuging und was es mit der RAF und ihrer Anschlagsserie im Mai 1972 auf sich hatte.

An der Stelle, an der die Bombe explodierte, lassen sowohl Kevin als auch sein Sohn Bilder von sich machen. Eine Gedenktafel zu Ehren von Paul Bloomquist finden sie dort nicht. Die sei aber geplant, versichert Uni-Sprecher Olaf Kaltenborn. Spätestens Anfang nächsten Jahres. Kevin will dann ein Foto dieser Tafel geschickt bekommen. Dass es bislang noch keine Ehrung gebe, findet er nicht schlimm. „In unserer Familie ist Paul ein Held, aber es gibt so viele andere Helden.“ Immerhin sei in der Zeit nach dem Anschlag ein Nachschublager für medizinischen Bedarf bei Ober-Mörlen nach Paul benannt gewesen. Und in Wiesbaden trage ein Konferenzraum seinen Namen, weiß Tanner. Nur in Frankfurt braucht es noch einen Hinweis, damit aus einem Ausflug auf den Campus ein Gedenkbesuch werden kann.

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